Seit ein paar Tagen ist nämlich ein junger italienischer Architekt bei uns zum Besuch, ein Neffe des Doktors von seiten seiner ersten Frau, die eine Italienerin war, und dieser Unglückliche schien ebenso antipodisch berührt wie ich. Ich lächelte unwillkürlich, als ich sein Gesicht sah, zumal unser gemeinsames Europäertum uns schon zu vielen gleichartigen Urteilen über hiesige Verhältnisse veranlaßt hat, und er schlug mit unendlich komischem Ausdruck die Augen zur Decke empor.
Mittlerweile war der „Troubadour“ immer eindringlicher geworden, bereits spielte die stille, starke Dame eine halbe Stunde — hatte sie Absichten auf den ganzen Akt? Ich schlängelte mich vorsichtig der Thüre zu, aber noch wagte ich nicht, dem Saal zu entschlüpfen, obgleich ich fühlte, daß mich eine fernere Viertelstunde unter der Wirkung dieses perfekten Spiels völlig überwältigt hätte. Da schob sich der junge Italiener an mir vorbei, er sah ganz erschöpft aus — „Je n’en peux plus“, flüsterte er mir zu, „j’ai déjà une indigestion de musique!“ — —
Und das in einem Lande, das erst anfängt, civilisiert zu werden und das erst ein Konservatorium hat! Wehe künftigen Geschlechtern, wenn die Klavierseuche hier verhältnismäßig wächst!
Aber halt — da sagt mein Licht Valet! Grade als hätte es mir nur noch diesen trüben prophetischen Stoßseufzer erlaubt, flackert es eben auf seinem letzten Faden empor — Lampen giebt es hier nämlich nicht!
Gute Nacht also, meine Grete, oder wenn es Dir interessanter klingt: boa noite —
Deine noch immer musikerfüllte
Ulla.
Saõ Francisco, den 11. Juli 1881.
Liebe, einzige Grete!