Man sieht ja jetzt schon so ziemlich, was Brasilien wenigstens von den ersten beiden Generationen seiner freien schwarzen Mitbürger erwarten und hoffen darf. Von den Männern bleibt nur ein verschwindend kleiner Teil auf dem Lande als freie Feldarbeiter; nur ein geringer Prozentsatz von Allen wurde bisher, wenn auch nicht zu besonders fördernden, so doch auch nicht zu störenden oder schädlichen Mitgliedern der freien Gesellschaft. An ein Plus von Arbeit und Schaffen der schwarzen Bevölkerung aber, über die eigenen bescheidensten Bedürfnisse hinaus, ein Plus, das also indirekt dem Lande zugute käme, sei es was Bodenkultur, sei es was Industrie anbetrifft, ist wohl noch in vielen Jahrzehnten nicht, wenn überhaupt zu denken.
Von den alten, verbrauchten Freigelassenen schrieb ich Dir schon, daß sie oft dem größten Elend ausgesetzt sind; von einer alten Negerin las ich einmal, daß sie in der Nacht nach ihrer Freilassung aus Mangel an Obdach in einem hochgelegenen Bergstädtchen erfroren sei, und mit was für einer Unzahl von Bettlern beiderlei Geschlechts die Sklaven-Emancipation die Städte beglückt hat, ist gradezu überwältigend. Ich weiß nicht, ob es Selbstironie sein sollte, was in Saõ Paulo die Polizei bewog, die dortigen — mit Nummern zu versehen!! Die jüngeren Frauen, besonders die Mulattinnen, sind zum großen Teil moralisch verkommen und rühren gewiß keine Arbeit an, wenn sie anders existieren können. Die älteren Weiber schmarotzern sich so durch, essen heute bei der früheren Herrschaft, morgen bei deren Eltern, einmal in der Küche befreundeter Sklavinnen, ein ander Mal wird das Mittagbrot aus einigen Bananen und etwas Brot billig zusammengesetzt. Wer die Schlafstelle einer Negerin kennt, weiß, daß sie überall aufzuschlagen ist: eine Matte und ein Tuch über dem Kopf ist leicht irgendwo gewährt. Das wenige Geld, dessen sie doch etwa noch benötigen, verdienen sie meistens durch Waschen oder Nähen, öfter noch durch Früchte- oder Konfekt-Verkauf in den Straßen; doch darf bei ihrer Arbeit nicht im entferntesten an eine regelmäßige und angestrengte Thätigkeit gedacht werden. Selbst wenn sie in einen Dienst treten, so ist ein ewiges Wechseln desselben die Hauptsache dabei.
Und zu alledem giebt es jetzt (1882) etwa noch eine Million Sklaven in Brasilien. Wie werden die Zustände nun erst werden, wenn die alle auch noch frei sind! Und dieser Zeitpunkt wird nicht mehr allzu fern sein, denn die Emanzipation schreitet täglich vorwärts. Der staatliche Fonds reicht ja allerdings nicht entfernt aus, aber die provinziellen Verbände helfen, und unzählige Sklaven werden frei durch Privat-Initiative.
Ein Verwandter von Herrn de Souza, der sehr reich ist, hat alle seine Sklaven, deren gegen 300 waren, freigegeben und sie mit enormen Kosten durch „Kolonisten“ aus der Schweiz und Tyrol ersetzt; und dies Beispiel ist nicht das einzige seiner Art. Auch manch deutschen Namen sieht man unter der Zahl solch edelmütiger Herren. Bei besonders erfreulichen Familienereignissen oder sonstigen Anlässen ist es jetzt allgemein Brauch, seiner Freude durch Befreiung eines oder mehrerer Sklaven Ausdruck zu geben; bei der Geburt eines Kindes, bei der glücklichen Rückkehr eines in Europa erzogenen Sohnes, bei einer besonders günstig ausgefallenen Ernte oder Spekulationen erhält mancher Sklave seine „Carta“. Wenn Maricotas Bruder Bento aus Cassel zurückkommt, erhält das hiesige Factotum, Cäsario, die seine, wurde mir neulich anvertraut.
Eine Menge Sklaven werden frei durch testamentarische Verfügung, doch wird von den Besitzern ein derartiges Testament streng geheim gehalten, da sie sonst fürchten, vergiftet zu werden.
Alleinstehende Leute machen sogar manchmal ihre Sklaven zu, natürlich freien, Erben ihrer Pflanzung, doch scheint mir diese Art von Humanität recht wenig angebracht, da die Schwarzen in solchem Falle gewöhnlich schon nach kurzer Zeit Besitzer einer Wildnis sind und dieselbe sämtlich verlassen, um in den Städten ein mäßiges Vagabundenleben zu führen, das ihren Neigungen weit mehr entspricht, als ein geordnetes, arbeitsvolles Dasein. Daher wußte eine kürzlich verstorbene Dame aus Minas geraes auch wohl, was sie that, wenn sie bestimmt hatte, daß eine ihrer Pflanzungen nur für eine bestimmte Anzahl von Jahren ihren 32 freizulassenden Negern zur Nutznießung überlassen werden und dann an zwei milde Stiftungen fallen solle.
Von dem eklatantesten Fall aber, wie gefährlich unbedachte Humanität wirken kann, erzählte mir neulich Dona Maria Louisa. Eine alte Schwarze, die ihr früher einmal gehört hatte, war vor einiger Zeit zu ihr gekommen, um ihre Not zu klagen. Sie war bei ihrer neuen Herrin nach deren Tode auch Miterbin der Pflanzung geworden und erzählte nun, daß auf derselben ein schrecklicher Zustand herrsche. Einige der früheren Sklaven und jetzigen Besitzer arbeiteten und ernteten, die Faulen verlangten dann, von deren Mühen mitzuleben, was ihnen jene natürlich weigerten. Darüber käme es dann oft zu blutigen Raufereien, bei denen schon fast die Hälfte der Neger um’s Leben gekommen sei. „Nein“, hat sie ganz überzeugt geschlossen, „damit hat unser Senhor keinen Segen gestiftet, daß er uns die Fazenda hinterlassen hat, dafür kommt er in die Hölle!“ Das scheint mir nun allerdings für den seligen Sklavenbaron und sein gewiß gutgemeintes Testament ein etwas gar zu hartes Prognostikon, aber es liegt thatsächlich eine enorme Ungeschicklichkeit darin, ohne Übergang den Sklaven zum Herrn zu machen, so durchaus abhängig erzogene Wesen plötzlich mündig zu erklären. Aber das Ganze „mutet an“, nicht wahr? Die Zustände sind so recht behaglich und vertrauenerweckend? Ich kann Dir nur sagen, Grete, daß ich auf einer großen Sklavenpflanzung jetzt nicht sein möchte.
Aber nun wirst Du wohl genug haben von Negern und Sklaverei, und da kommt auch Albertina, mich zu holen, damit ich das längste Zuckerrohr ansähe, das ich je gesehen hätte!
Adieu, mein Herzensgretel, schreibt mir nur ja rechtzeitig zu Weihnachten; nächste Woche müßten Eure Briefe dazu schon abgehen; ob Ihr wohl daran denkt?
Deine alte Ulla.