Saõ Sebastiaõ, den 17. November 1882.
Heute ging es mir und den Kindern wie dem Reiter über’n Bodensee; wir haben einen tüchtigen nachträglichen Schreck davongetragen. Bei unserem Spaziergange, den wir, durch das prächtige Wetter verlockt, ziemlich weit ausdehnten, kamen wir auch an einer großen Zuckerrohrplantage vorbei, wo wir an einer Stelle das kaum reife Rohr in einem großen viereckigen Stück herausgeschnitten fanden. Wir wunderten uns alle über diese merkwürdige stückweise Ernte und erzählten davon zu Hause. „O, das sind Maraõs, Senhor“, sagte Cäsario, der dabei stand, „ich habe in dieser Zeit auch manchmal geglaubt, spät Abends da drüben im Walde Rauch aufsteigen zu sehen, aber es war zu dunkel und neblig, um es genau zu unterscheiden.“
Du magst Dir meinen Schreck vorstellen, als mir auf meine Frage „was sind Maraõs?“ geantwortet wurde:
„O, vor denen müssen Sie sich sehr in Acht nehmen und dürfen jetzt nie mehr allein so weit gehen. Maraõs nennen wir entlaufene und verwilderte Sklaven, die sich in die Wälder geflüchtet haben und dort wie die Wilden leben, die Nachbarschaft plündernd, wo sie können. Sie stehlen ihren Unterhalt meist auf den Pflanzungen zusammen, seltener bauen sie selbst im Walde etwas Bohnen und Mais; sie sind gefürchteter als die Indianer. In letzter Zeit gesellen sich auch manchmal freigelassene Neger zu ihnen, die zu faul sind, um zu arbeiten. Diese Banden sind eine schlimme Wunde für Brasilien und würden dies noch mehr sein, wenn sie nicht durch das wilde Leben häufig zu Grunde gingen oder überhaupt sich mehr fortpflanzen könnten; Frauen gehen sehr selten mit, und so hoffen wir, wird dies mit einer Generation abgethan sein.“
Von jetzt ab werde ich wohl kaum den Mut haben, mehr zu thun, als feige ein wenig um’s Haus zu schleichen, denn diese Maraõs haben mir die Freude an unseren weiteren Spaziergängen auf’s Gründlichste verdorben.
Was überhaupt diese schwarze Race für ein Druck auf Brasilien ist, und daß die Sklaverei schließlich ein weit größerer Fluch für die Sklavenhalter als für die Neger ist, das zeigt sich jetzt so recht, wo sie aufgegeben werden soll. Was, um Gotteswillen, soll aus den Millionen von freien Schwarzen hier werden! Bei uns in Deutschland, wo man die inneren Verhältnisse Brasiliens so gut wie garnicht kennt, wird man vielfach denken (und ich hätte das wahrscheinlich dort auch behauptet), sie würden gewiß meistens auf den Pflanzungen ihrer bisherigen Herren bleiben und dort als freie und bezahlte Leute weiter arbeiten, schon die Not würde sie lehren, tüchtige Menschen und nützliche Staatsbürger zu werden! Hier sehe ich aber, daß nichts dergleichen der Fall sein wird. Selbst ein Vergleich mit den Verhältnissen in der nordamerikanischen Union ist unangebracht. Erstens haben sie hier nicht das Beispiel der Tüchtigkeit vor sich wie dort. Der Nordamerikaner achtet die Arbeit und den Arbeitenden; er schafft selber und legt ungeniert mit Hand an; er verachtete in dem Schwarzen nur die untergeordnete Race. Der Brasilianer, weniger peinlich, aber anderseits hochmütiger und doch wieder ungebildeter, verachtet gradezu die Arbeit und den Arbeitenden. Er selbst arbeitet nicht, wenn er es irgend vermeiden kann, er sieht das Nichtsthun als ein Attribut des Freien an, und woher will man denn erwarten, daß der in tierischer Unwissenheit erzogene Sklave sich über solche Ansichten hinwegsetze, sich eine selbständige philosophische Ansicht gebildet habe oder bilden werde?! Er wird’s ruhig der weißen Race nachmachen und so wenig wie möglich arbeiten, und wie wenig dieses „Mögliche“ ist, kann man nur hier an Ort und Stelle angesichts der Freundlichkeit der Tropennatur und der schier unglaublichen Anspruchslosigkeit jener Leute ermessen. Ich habe, seitdem ich hier bin, natürlich unendlich viel mehr als früher Interesse für diese Dinge genommen, lese auch viel darüber, und da sehe ich denn, daß manch ein geistreicher Tropenkenner zu den gleichen Ansichten gekommen ist, wie sie sich mir hier aufdrängen.
Absolut das Gleiche, was ich eben behauptete, sagt Smarda, in seinem Ausspruche: „In den Tropen arbeitet niemand zum Vergnügen — warum sollte es der bedürfnißlose Neger thun?“
Lewes schreibt: „Hunger ist das wahre Lebensfeuer, von dem alle Anregung zur Arbeit und Thätigkeit ausgeht, und wir mögen hinblicken, wohin wir wollen, wir finden in ihm die bewegende Kraft, welche die unermeßliche Kette menschlichen Treibens und Schaffens in Thätigkeit und Bewegung setzt. Laßt Nahrung im Überfluß vorhanden sein und leicht zu erringen — und die Zivilisation wird unmöglich werden.“ Das paßt hierher; die Notdurft ist vorhanden oder doch leicht zu beschaffen, und Ehrgeiz oder Erwerbssinn (portugiesisch heißt beides mit dem gleichen Wort ambiçaõ), die ihn zu persönlichen Anstrengungen geneigt machen könnten, liegen dem Sklaven und selbst dem Freigelassenen mit seltenen Ausnahmen fern; warum sollten sie sich also plötzlich in seinen vollkommen müßig aufgewachsenen Kindern finden? Und der geistreiche Fernando Schmidt (Dranmor), der 40jährige Beobachter brasilianischer Verhältnisse, sagt in einem seiner Leitartikel: „Keiner menschlichen Kreatur ist Feldarbeit verhaßter, als dem freien Neger. Nicht wie in den Südstaaten der amerikanischen Union heißt es bei uns, „wenn Dir die Sonne auf den Scheitel brennt, erringe im Schweiße deines Angesichts das, womit Du Deines Körpers Blöße bedecken kannst, wenn eisiger Frost sich über den Erdboden lagert“ — in dem gesegneten Brasilien, in jenen Distrikten wenigstens, wo zur Zeit noch leider nur Zwangsarbeit die großen tropischen Handelsartikel erzeugt, ist uns die afrikanische Race darin überlegen, daß sie Jahr aus, Jahr ein dem ihren Aspirationen angemessenen Schlaraffenleben zu fröhnen versteht, und sobald sie der Zucht entrinnt, sich für die tägliche, leicht zu beschaffende Atzung keine großen Sorgen zu machen braucht. Eine geistige Regeneration kommt nicht in Betracht.“
Es geht eben hier in Brasilien, wie es nach einer Notiz in einer älteren Nummer des „Economiste français“, die mir neulich in die Hände fiel, in Jamaica seiner Zeit gegangen ist. Das Blatt sagt: „Neben der Aufhebung der Differentialzölle hat besonders die Sklaven-Emancipation die Prosperität der früher blühenden englischen Besitzung Jamaica vernichtet. Die Neger ergaben sich der Faullenzerei, und noch heute verdienen sie ihren Unterhalt nicht in den Pflanzungen; die Insel bedarf hunderttausend Kulies.“
Ich habe nach meinen Beobachtungen den Eindruck, daß auch Brasilien zunächst furchtbar leiden wird durch die Aufhebung der Sklaverei, zumal da man sich immer noch nicht entschließt, europäischen und besonders den nützlicheren germanischen Einwanderern günstigere Bedingungen zu stellen. Es wird nach zwei Seiten hin leiden, einmal durch den Wegfall der Arbeitskräfte auf dem Lande und dann durch die plötzliche Überschwemmung seiner Städte mit faulen und im besten Falle unnützen Bevölkerungs-Elementen.