Derselbe Tag brachte einen Regen, der mich durch seine Heftigkeit und Dauer mehrere Tage am Ausgehen hinderte. Ich dachte während der Zeit öfter an Ignacio, und ob er genügenden Mundvorrat und trocknes Brennholz in seiner Hütte haben werde; bei der Rationenverteilung fehlte er wiederum, und so oft ich täglich nach der Richtung seiner Hütte blickte, nie sah ich dort ein Rauchwölkchen aufsteigen. Grete, da kämpfte ich mit einem schweren Entschluß: sollte ich eintreten in die Hütte des Aussätzigen?! Ein Grauen schüttelte meinen ganzen Körper bei dem bloßen Gedanken daran. Aber: „Edel sei der Mensch, hülfreich und gut“ mahnte es wieder in mir. Was hatte ich denn bisher gethan für den Unglücklichen, was war mein Samaritertum gewesen? Ich errötete bei dem Gedanken, wie viel Überwindung mir das Wenige gekostet hatte, und mehr noch, da ich mir sagen mußte, daß meine Scheu vor dem Kranken weit weniger auf der Furcht vor Ansteckung beruhe, die bei mir immer sehr gering ist, vielmehr fast einzig in einem rückhaltlos groß gezogenen Ekel zu suchen sei. Um so mehr glaubte ich, mich überwinden zu müssen, und wiederholte mir, daß ich nichts gethan habe, wenn ich nicht dies eine thäte. Der Kampf war hart, und das erbitterte Ringen gegen mich selbst machte mich fast fieberisch. Einen Augenblick wies ich die Idee, bei dem Aussätzigen einzutreten, als eine wahnsinnige von mir und verspottete mich selbst ob meiner eingebildeten Samariterpflichten da, wo der Priester und der Levit vorübergingen; mochten doch seine Herren für den Leibeigenen sorgen, was ging er mich an! Dann wieder graute mir vor meiner eigenen Lieblosigkeit, und ich hatte ein Gefühl, als hätte mir die Vorsehung diesen Unglücklichen so recht besonders in den Weg geführt, als ginge er mich sehr viel an, mich vor allen andern, und als würde ich mehr als irgend jemand freveln, wenn ich ihn am Wege liegen ließe....

Ich faßte endlich den Entschluß, in die Hütte des Aussätzigen einzutreten, aber Grete — ich will es Dir gestehen — ich hatte am Abend vorher eine wilde, fieberhafte Hoffnung, in der Nacht zu sterben...!

Früh am nächsten Morgen pochte es an die Hausthür. Einer der Holzfäller, die von der nächsten Kolonie hierher kommen, meldete, er habe aus der Hütte des Ignacio im Vorbeigehen ein vernehmliches Stöhnen hervordringen hören, habe sich jedoch gegraut, hineinzugehen, der arme Teufel sei gewiß recht krank. Ein Neger wurde hingeschickt, um nach dem Unglücklichen zu sehen und ihn mit Stärkungsmitteln zu versorgen. Ich begann meine Stunden, konnte aber meine Aufregung kaum bemeistern! Grade als wir Pause hatten, kam der Bote zurück. Er hatte einen Toten gefunden.

Gretele, da drang mir ein Erlösungsschrei aus der immer doch menschlichen Brust hervor, und „homo sum“ mußte ich mit Beschämung erkennen. Als aber dann ein heftiges Weinen mir die angespannten Nerven gelöst hatte, konnte ich ohne selbstischen Nebengedanken dem unglücklichen Paria die ewige Ruhe gönnen, und ich konnte nicht anders als mir vorstellen, wie das Wort, das fast das einzige war, das ich aus seinem Munde gehört, gewiß auch sein letztes gewesen sei: „Gelobt sei Jesus Christus.“

Ein alter, fast unbrauchbarer Ochsenwagen wurde bespannt, und, in eine Hängematte gelegt, fuhren zwei Neger den Toten zu seiner letzten Ruhestatt. Es war schon stark dämmerig gewesen, als sie im Dorfe anlangten und vor der Wohnung des Kaplans hielten, um diesen um Beerdigung der Leiche in einem der immer bereiten Gräber zu ersuchen. Aber so spät eine Beerdigung, und nun gar eines Schwarzen — eines Sklaven — eines Aussätzigen — unverschämtes Ansinnen! Rauh war ihnen bedeutet worden, bis zum anderen Morgen zu warten. „Es geht nicht, wir müssen heim, Herr, wo sollen wir auch die Nacht über bleiben?“ hatten die Neger remonstriert. „Erlaubt denn, daß wir die Leiche in den Kirchhof stellen und selber umkehren.“ Auch dies war ihnen barsch verweigert worden, so daß die aufgebrachten Leute endlich gedroht hatten, die Leiche des Aussätzigen dem christlichen Geistlichen auf die Schwelle zu legen. Da befahl ihnen der Priester, die Aussätzigen der Kolonie herbeizuholen und von diesen die Leiche während der Nacht vor dem Kirchhofsthor hüten zu lassen. Die stille Krankenbrüderschaft ist dann gekommen, und es haben dem früheren Genossen ihres Elends, den die Menschen selbst über den Tod hinaus aus ihrer Gemeinschaft stießen, diese Paria der Menschheit die nächtliche Totenwacht gehalten.

Ich erinnere mich, daß in jener Nacht hellglänzend das Sternbild des Kreuzes am Himmel stand. Aber jetzt muß ich oft denken bei dem heiligen Zeichen: Warum bescheint es die Erde! Ich will heute nichts mehr hinzufügen mein Gretele, aber ich schicke dieses erst mit dem nächsten Briefe zusammen ab.

[8] In Brasilien zirkuliert fast nur Papiergeld.

[9] Krämereien.