Der Gatte murmelte etwas, das wie »Duckmäuserei« klang, und die Kleudchen, die, obwohl ganz zur Familie gerechnet, genau wußte, wann sie lieber nicht gegenwärtig war, wollte taktvoll mit ihrer Erbsenschüssel verschwinden. Er flog ihr nach und öffnete mit gewohnter Ritterlichkeit die Türe für sie. Mit seinem etwas zu tief ausgehöhltem Kreuz und der geschmeidigen Gebärde erinnerte er an jene tadellos ajustierten Bereiter, die im Zirkus zu beiden Seiten des Eingangs stehen und der lächelnden Dame im Flitterröckchen mit federnder Eleganz aufs Pferd helfen, die Reitgerte überreichen ...
Seine Frau blinzelte an ihm vorbei, auf die hellgetünchte Wand gegenüber: »Ich glaube nicht, daß Kinder, deren Selbstbeherrschung täglich geübt wird, zu Duckmäusern werden,« sagte sie. »Mein Blut neigt überhaupt nicht dazu.« Ihre Stimme bebte, aber sie sammelte ruhig die leeren Schoten in ihrem Schoß zusammen und legte sie in den Korb. Dann band sie ihre große Hausschürze ab und begann sie zu falten: »Ich habe von Anfang an auf Abhärtung, auch in Gefühlssachen, geachtet. Du hast dich nie gefragt, ob mich das nicht selber hart ankam. Aber es erschien mir das wichtigste, viel wichtiger als alles, was man aus Büchern lernt. Überhaupt meine ich, wie einer lernt, ist mehr wert, als was einer lernt. Jedenfalls bild' ich's mir ein, und darum muß ich danach handeln. Sonst verlange ich nichts für die Kinder. Es sind gute Jungens, nicht unbegabt, aber nichts Außergewöhnliches. Vielleicht wären sie besser dran, wenn sie Holzpantinen trügen, und so mancher Firlefanz, der ihnen einmal noch das Herz schwer machen wird, träte gar nicht erst an sie heran.«
Sie war aufgestanden und hatte vor sich niedergesehen, mechanisch die Schürze immer schmaler zusammenlegend; nun blickte sie auf; ihre Augen waren warmdunkel geworden und der Klang der Stimme paßte zu den Augen: »Eins aber,« sagte sie, »sollen die Kinder haben, ihr Leben soll auf klarer Bahn beginnen, sie sollen mit harten Sehnen losgehen und an Wahrheit gewöhnt sein; damit, wenn je die Stunde für sie käme, wo es schwer ist, sich zur Wahrheit zu bekennen, sie auch dann ... nicht anders könnten. Was sie an Hindernissen auf ihrem Weg finden werden, das verfügt unser Herr und Gott, was von außen kommt, liegt nicht in unserer Macht. Wir können nur den Willen bereiten. Das müssen wir. Denn ich meine, das ganz Furchtbare, das, was nicht heil zu machen geht, ist, wenn der Hahn kräht und einer einsieht, daß er seinen Mann nicht gestanden hat. Erkennen, was die Hauptsache ist und was die Nebendinge sind, ja, wer das hat, was kann ihm schaden, wer kann ihn besiegen? ...«
Dem Gatten waren solche Aussprachen – die meistens als Monologe verliefen –, wenn seine Frau ihr Veledagesicht aufsetzte und das Gesetz verkündete, geradezu fürchterlich. Es fiel ihm ja gar nicht ein, gegen ihren Wunsch Entscheidungen zu treffen; man konnte aber doch wohl seine Ansicht sagen. Zum Glück kamen derartige Explosionen selten vor; für gewöhnlich war Gerta sehr zurückhaltend. Aber er fühlte immer etwas durch: Mißtrauen von vornherein und einen kindischen Eigensinn in Dingen, über die er kein Wort verlor. Gouvernantenhaft, das drückte es am besten aus. Seit der albernen Freundschaft mit den überspannten Livländerinnen wurde es immer ärger. Er war gewiß für Religion; mein Gott, wohin geriet man auch sonst, schon allein der unteren Klassen halber war sie ganz unentbehrlich. Und eine Frau ohne Religion war ja ganz wider die Natur. Aber diese Hyperfrommen hatten etwas direkt Aufwieglerisches an sich – sie konnten reden wie die rötesten Sozialdemokraten, geradezu bedenklich; und taktlos waren sie auch alle, weil in ihren Augen der höhere Zweck die ärgsten moralischen Anrempeleien rechtfertigte – ja, sogar wenn sie schwiegen, brachten sie's fertig, rechthaberisch zu sein.
Er stand auf und sagte: »Wir wollen uns doch nicht über Grundsätze und dergleichen ereifern; dazu ist es heute viel zu warm. Jedenfalls, ich bin wie eine tote Fliege und gänzlich kampfunfähig. Meine Ansicht in der Sache, die uns vor allen andern beschäftigt, kennst du. Möglichste Schonung nach allen Seiten. Auch gegen uns selbst. Auch gegen die konventionellen Hühneraugen unserer Nachbarn und Standesgenossen. Man lebt eben nicht auf einer Robinsoninsel, nur mit einem Lama und einem Papagei. Aber die Zeit ist der beste Alliierte, und die Menschen vergessen nur zu gern, wenn sie dadurch einer Unbehaglichkeit aus dem Wege gehen können. In einigen Jahren kann man das Gras mähen, das darüber gewachsen ist.«
»Ja, in Dingen der Weltklugheit rede ich nicht mit, das liegt mir nicht. Hier im Haus aber, wozu das Versteckspiel? Ich will Freud und Leid tragen, ohne Scham, wo ich doch keine empfinde. Warum auch, es liegt ja alles so einfach. Man macht so oft die Dinge kompliziert, bloß aus Furcht. Und ich hasse die Furcht. Es ist etwas Fremdes, es soll nicht an uns heran. O Thilo, du mußt mir ja recht geben. Sollen wir denn erröten, wenn das Evangelium vom verlorenen Sohn gelesen wird? Was ist uns das Geschwätz von Nachbarn und Standesgenossen? Nicht mehr als der Rauch deiner Zigarette. Denk an die großen Jagdrennen, früher, oh, wie stolz war ich auf dich, Thilo. Immer der erste, kein Gedanken an Gefahr. Willst du dich vor dem Gerede mehr fürchten als vor dem irischen Wall in Iffezheim?«
In ihre Augen war feuchter Glanz gekommen, ihre Farbe kam und ging. Ganz jung sah sie wieder aus, wie damals ... Schumanns »Widmung« fiel ihm plötzlich ein, die sein Vetter Landrat – Theo mit den Lakritzenaugen – am Polterabend hinter der kleinen Bühne gesungen hatte; er hörte noch die gaumige Baritonstimme, die ihn damals tief gerührt hatte: »Mein guter Geist, mein beßres Ich!« Und an den Tag in Iffezheim hatten ihre Worte gemahnt. Eine rasche, heiße Welle des Erinnerns ging ihm durchs Blut. Wie sie dort auf einem schmalen Brett gestanden hatte, hochgereckt, in dem weißen Sommerkleid, das der Wind fest zurückblies um ihre feinen, mädchenhaften Glieder, den Hut etwas nach hinten geschoben, das Haar verwirrt um die leuchtende Stirn, und ihre großen reinen Augen so strahlend und voll Vertrauen auf seinen Sieg, sie, die in ihrer Unschuld doch schließlich auf das Körperliche hereingefallen war und dem stählernen, furchtlosen Reiter auch Seelenstärke und Unabhängigkeit des Denkens angedichtet hatte; warum eigentlich? Weil er einen geraden, guttrainierten Körper besaß und eine gewisse Art physischer Furcht nicht kannte? Jugend, Jugend! Von ihrem Glauben getragen war er sich schließlich selbst wie ein famoser Kerl vorgekommen, auserwählt, dieses scheue und doch unendlich aufrichtige Geschöpf an sich zu fesseln ... Er seufzte auf und küßte, sich plötzlich vorbeugend, ihre herabhängende Hand. Der Schmerz zog wieder so elend in seinem Genickwirbel. Da stand er auf und ging in sein halbdunkles Zimmer zurück, wo auf dem Schreibtisch so viel angesammelte, aufgeschobene Arbeit wartete.
Das war am Dienstag gewesen, Mittwoch kam, nicht heißer, das war nicht möglich, aber noch bleierner, schon seit dem frühen Morgen. Die Pferde fuhren mit großen Tonnen zum See hinunter, es sollte heute wieder im Gemüsegarten gegossen werden; Park und Blumen mußte man ihrem Schicksal überlassen, da war für diesmal nichts mehr zu machen, die Fliederbüsche standen grau und matt und an den Wegrändern häuften sich ihre zusammengerollten Blätter, die braunen Grasflächen dehnten sich wie schäbige Löwenfelle, und auch die Linden auf der Terrasse ließen runzlige Blätter niedersinken; wär' es nicht so furchtbar heiß gewesen, es hätte Oktober sein können.
Papa saß unter den Platanen, gerade oberhalb der Wiesen, die sich bis zum See erstreckten. Er wurde stets sentimental, wenn er von diesem etwas erhöhten Platz die Landschaft überblickte.