»Fau Kleudchen,« sagte Adallah, »Vate fäht zu Bahn; es is 'n Tegamm gekommen.« Die Kleudchen ließ Minka zur Erde gleiten. Ihr kleiner, zahnloser Mund schnurrte zart und gramvoll zusammen. Sie blickte vor sich hin. Dann stand sie auf und ging mit kleinen, knappen Altweiberschritten den Korridor hinunter; der Kamm steckte in der Tasche ihrer schwarzen Moiréschürze; Minka watschelte kurzatmig hinterdrein.

»Kinder, Kinder,« sagte die Kleudchen. Und dann: »Macht euch nun an eure Aufgaben, nicht wahr?«

Sie ging die Treppe hinauf, es krachte bei jedem Schritt, sie mußte sich am Geländer festhalten; auf halber Stiege machte sie halt. Die Kinder hörten sie in das verschlossene Zimmer gehn; dann machten sie sich an ihre Aufgaben für Herrn Pastor Gordon.


Nun war die abendliche Milchsuppe glücklich vertilgt, ein Gericht der Ewigen Wiederkehr, dem ebenso regelmäßig eine Schüssel der Jahreszeit entsprechenden Kompotts folgte. Adallah, der Obst nur in rohem, wenn möglich unreifem Zustande würdigte, hatte namentlich vor gekochten Pflaumen einen Abscheu, während ihnen Ali einen sekundären Reiz abgewann, indem er später die Kerne gegen die geschwärzten Ahnenbilder im Korridor spuckte. Er hatte sich darin zu einem wahren Scharfschützen ausgebildet.

Auch diesmal räsonierte Adallah leise mufflich vor sich hin, und die Kleudchen hatte ein Einsehen und räumte alles ohne Gegenrede weg. Sie schien heute nur auf eins zu drängen, daß die Kinder möglichst bald schlafen gingen.

Das Gewitter war noch immer zu keinem Entschluß gekommen. Auf der Seeseite zuckte es ab und zu fahl auf, und die Haufen dürrer Lindenblätter wirbelten plötzlich auseinander, wenn ein kleiner Windstoß sie aufkescherte. Die Schwüle hatte sich eine Spur gehoben, wer konnte sagen, ob heute nacht noch die Erlösung kam.

Nachdem sie ein wenig an einem Lampenschirm für Papas Geburtstag gepappt hatten, gingen die Brüder, ziemlich klebrig und deprimiert, hinauf in den Giebel, wo ihr Zimmer war. Sie schliefen dort allein. Es war eine Diele in der Mitte, auf welche drei Türen mündeten; ihnen gegenüber ein dem ihren ähnlicher Raum, wo Kleudchen die besseren Äpfel und allerhand Kräuter verwahrte, Fenchel, Krauseminze und Zitronenmelisse; es roch nach Apotheke durch die Türritzen. Im Hintergrund aber war ein Verschlag, wo Koffer und Körbe aufgestapelt standen, auch mancherlei ausrangiertes Mobiliar, kummervoll aussehende Lehnstühle und Etageren, denen Dominik bei Gelegenheit zu neuem Jugendglanze verhalf. Im Dämmerlicht gab es dort kuriose Umrisse, Schatten und Geräusche.

Die beiden genossen ihre Freiheit im Giebel, aber es gab auch Momente, wo sie lieber unten geschlafen hätten oder im Seitengebäude, wo Kleudchen ihr Reich hatte. Aber sie schämten sich, es einzugestehen. »Ich glaube gar, ihr habt Angst?« würde Mama sagen und die Augenbrauen hochziehen. Nein, lieber knackende Schränke und unmotivierte, schlurrende Geräusche als das! Heute aber, mit dem Gewitter in den Gliedern, lagen sie recht klein und kümmerlich in ihren Bettchen, mit großen Augen zum Gebälk aufschauend, wo ein pelziger Nachtschmetterling mit Gebrumm seine Kreise zog.

»Will Satan mich verschlingen,
So laß die Engel singen:
Dies Kind soll unverletzet sein,«