betete Ali mit Nachdruck; sie hatten beide eine Vorliebe für diese hochdramatische Stelle. Und »Amen« klang es leise stockschnupfig aus Adallahs Bett an der anderen Wand. Diesem war der Gedanke an »Satan« heute abend gar nicht so genußreich wie sonst.

Die Kleudchen sah mit dem Licht in der Hand mehr denn je aus wie eine treue, zuverlässige Hexe; den Kindern kam sie vor wie ihre einzige Rettungsplanke. Es war einsam und schwül hier oben, und morgen war Doktor-Löschwitz-Tag; sie würden wieder mit ihm spazierengehen müssen, so langweilig; er wollte nie aus dem stickigen Park heraus. Herr Doktor Löschwitz kam stets im Bratenrock, er führte sie bei der Hand, er sagte ab und zu: »Nun, meine kleinen Freunde, und was machen die Wissenschaften?« oder: »Nun, Freund Albrecht, wie sagt der Lateiner?« Lauter so einfältige Fragen, auf die man gar nichts zu antworten wußte; aber er ließ nicht los, und seine Hände waren heiß und knöchern in den knirschenden Zwirnhandschuhen.

»Frau Kleudchen, bleib doch da,« sagte Adallah weinerlich, er war nun schon ganz haltlos. Sie saßen noch aufrecht, vom Beten her; ihre Hälschen streckten sich nach ihr aus wie Vogelhälse über den Nestrand. Die Kleudchen stand zögernd mit dem Licht; ihr Schatten schwankte langnasig über die Tapete. »Ich komme in zehn Minuten und bring' euch noch frisches Wasser,« sagte sie. Bis dahin würden sie eingeschlafen sein. Doch die beiden wurden wohl schläfrig, aber darunter blieb eine eigentümliche Unruhe bestehen. Papa war noch vor dem Abendbrot mit Dralle weggefahren, bei der Dürre konnte man den kürzeren Sandweg nicht nehmen. Unten saßen jetzt Mama und Herr Pastor, der immer am Mittwoch zum Tee kam. Aber heute blieb er nicht, das war seine knappe Art zu reden, auf dem Vorplatz, und nun Mamas tönende Stimme: »Ja, da ist der Regenschirm;« und dann ging die Haustür und fiel ins Schloß. Nun war es totenstill, nein, war das nicht Mama, die im Gartensaal auf und ab ging? Wenn sie ans andere Ende kam, drehte sie sich mit einem kleinen Ruck. Abends trug sie immer ein seidenes Kleid, und es war ihr im Wege, und dann sagte sie: »Ach, das gräßliche Kleid ...«

Ja, die Frau im Gartensaal ging schon eine Weile auf und nieder, die Hände auf dem Rücken, den Blick geradeaus, ohne viel zu sehen. Manchmal stand sie an der Glastür still und sah in die Finsternis, und wenn ein Blitz kam, blieben ihre Augen ruhig, als schauten sie andere Dinge.

Dieser Pastor gehörte also auch zu den Menschen, die »zum Guten« reden. Sie hatte Thilo beredet, die Stelle an Gordon zu geben. Seine schottische Abkunft, seine hagere, asketische Erscheinung, sein physischer Mut – damals, als sich der Bulle losgerissen hatte –, das alles hatte sich in ihr mit Vorstellungen von Cromwells ernsten Scharen zu einem Bilde puritanischer Einfalt und Furchtlosigkeit gestaltet, das eine heimliche, romantische Saite in ihr zum Schwingen brachte. Aber sie wurde seit einiger Zeit die Empfindung nicht los, daß Gordon bei allem, was er tat, in seinem eigenen Bewußtsein ein unsichtbares Publikum besaß. Es war nicht der gewöhnliche, äußerliche Ehrgeiz, den sie durchfühlte, nein, etwas Raffinierteres, den Ehrgeiz der Entsagung, der seiner Demut den heimlichen, erquickenden Stachel gab. Und sie erkannte, daß er in schwierigen Momenten versagen mußte, weil er nicht einfach genug war für all die Kompliziertheiten des Lebens.

So hatte sie denn allein, wie sie es gewohnt war, in diesen Tagen tief in die letzten Winkel ihres Herzens hineingeleuchtet, eine jener Generalrevisionen vorgenommen, wie sie ihr die frommen, livländischen Freundinnen als ordentliche und außerordentliche Exerzitien – ähnlich den Alarmübungen der freiwilligen Feuerwehr – so liebevoll eindringlich empfohlen hatten, und wenn sie dabei auch in anderem Geiste verfuhr als die sanften Gemeinschaftlerinnen, ihr war solche Übung von Zeit zu Zeit recht. In den zehn Jahren, die sie hier lebte, hatte sie Thilo mehr und mehr das Geschäftliche, die Rechnerei, die ihn so furchtbar irritierte, abgenommen, hatte mit mancher Unordnung und Unredlichkeit aufgeräumt, für die sie ihm im stillen schwerere Schuld gab als denen, die träge Vertrauensseligkeit in Versuchung führte. Dabei hatte sich ihr Blick geschärft, sich gewöhnt, Ursache und Wirkung fast gleichzeitig zu erkennen und auseinanderzuhalten. Nun wollte sie auch sich selbst nicht schonen, nein, um jeden Preis mit ihrem Gott ins reine kommen. Und da hatte sie manches gefunden, was sie beschämte, Selbstüberhebung, Herrschsucht, Heftigkeit, sogar gegen Untergebene, die sich nicht wehren konnten – recht erbärmlich war's gewesen; aber Menschenfurcht und Eigennutz waren nicht dabei. Sie hatte Thilo angefleht, hatte darum gekämpft, den Fremdgewordenen, das zertrümmerte Leben, das heute nur auf wenig Stunden hier einkehren sollte, nicht wieder von sich zu lassen. Er hatte doch nun seine Sünde verbüßt, nach dem Rechtsspruch, der bei all den braven, hochgeachteten Leuten galt, die unversucht in Ehren starben und begraben wurden, und für deren Gesetze, die trotz aller Tüftelei nie bis zu den letzten verwirrten Wurzeln einer Handlung drangen, sie dieselbe Geringschätzung empfand wie ein überzeugter Naturarzt für die Pflaster und Schlafmittel der berufsmäßigen Doktoren. Was half's, das Evangelium vom verlorenen Sohn zu bekennen, wenn man das Herz nicht hatte zu tun, was jener israelitische Vater getan? Aber das war eben die Halbheit, die Willensschwäche, dasselbe, was Thilo die unangenehmen Abrechnungen von Woche zu Woche verschieben oder ihn zu der feigen Spritze greifen ließ, sobald es stärker in der Schulter bohrte, dasselbe, was ihn seine jüdische Großmutter verleugnen ließ, aus deren Mitgift doch die Vorwerke zurückgekauft, der englische Park und die nunmehr verfallenen Treibhäuser angelegt worden waren. Unbegreiflich! Hätte sie auch nur einen Tropfen des verpönten Blutes in den Adern gehabt, nie hätte sie's verleugnet. Ach, sie hatte sie gesehen, damals, in Livland, diese heimatlosen, jüdischen Leute, auf kleinen, öden Bahnhöfen gestrandet, im rieselnden Landregen oder in Glut und Staub zusammengekauert, gleich aufgescheuchten Nachttieren, denen plötzlich das Licht scharf und ohne Erbarmen in die Augen brennt. Diese Kinder, denen das bittere Leben schon so viel unkindliche Pfiffigkeit beigebracht hatte, diese engbrüstigen Männer, die etwas Weichzähes hatten, Geschöpfe, die sich zugleich anschmiegen und festklammern müssen, um zu bestehen; diese uralten Judenmütter, unbeweglich, ganz verwittert wie Steinbrüche; nicht ihr eigenes Alter, nein, all die tausend Jahre ihres Volkes schienen in ihre Runzeln eingezeichnet. Vor wenig Wochen saßen sie zwischen Kindern und Kindeskindern, am schöngedeckten Tisch, vor sich den heiligen Leuchter, den Kuchen und den Wein, und nun hockten sie hier, die Füße im Graben! Oh, ihr Wasser Babylons! Ein junger rothaariger Jude hatte traurig auf der Ziehharmonika gespielt. Und sie hatte sich so brennend gewünscht, ein großer Maler möchte das malen, wie sie es sah, den flimmernden Staub, die trostlose Landstraße, die Jammervollen da am Graben entlang. Aber hinter ihnen, riesengroß, geisterhaft, silberglühend in der gelben Mittagsglut, ein Kreuz, und unser Herr und Heiland daran, der die blutenden Hände von den Nägeln losgerissen hat und hinunterstreckt zu den Ausgewiesenen in unendlichem Jammer! Aber sie wurden verleugnet. Und verleugnen kam doch gleich nach verraten; ja, war's nicht noch schmählicher, so etwas Passives, Bequemes? Man hielt einfach den Mund, wo man hätte reden müssen, weiter nichts!

Aber ihre eigenen kleinen Söhne dort oben – es kam ein kurzes, trockenes Aufschluchzen in ihre Kehle –, die sollten unberührt bleiben von der Welt. Sie sollten nur wahr sein und deshalb furchtlos, ganz ohne Furcht und darum wahr. Vertuschen, schweigen oder sagen: ich kenne ihn nicht – nein, das würde ihren Jungen unmöglich sein; da hatten ihre eigenen Vorfahren ein Wort mitzureden, die alten Niedersachsen, die lieber mit ihren toten heidnischen Brüdern verdammt sein wollten, als ohne sie himmlische Freuden gewinnen. Auf einen Augenblick sprühte der blaue Funken in ihren Augen auf, der die Kinder, wenn sie ihn erhaschten, eine fremde, ungezähmte Mama ahnen ließ, die ihren eigenen Weg ging, auf den so kleine Jungens nicht mitgenommen wurden.

Wahr sein! Ach, nur das, nur das, alles andere legte sie gern in Gottes Hand, wollte heiter sein, nicht sorgen um den kommenden Tag, so wie die Freundinnen es ihr anempfohlen, deren tiefe Herzensruhe alles um sie her glättete und ganz einfach machte. Aber in dieser einen Sache, da mußte sie selber Posten stehen, zur Stelle sein mit Augen und Händen und ihrem ganzen Verstand; da galt der Spruch, der ihrem Wesen entsprach: Mensch, hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Denn sie wußte, wenn es später hiermit nicht stimmen sollte, würde sie nie vermögen, sich ein X für ein U zu machen, es als eine Schickung hinzunehmen, es dem allwissenden Gott in die Schuhe zu schieben, sozusagen.

So ging sie auf und ab. Der lange Raum war halbdunkel, die Lampe über dem Teetisch machte nur die eine Ecke hell und heimlich. Aber die Blitze zerrissen die Nacht in immer kürzeren Intervallen. Unter ihrem Augenlid fing es wieder an zu zucken, das Kleid hing ihr schwer um die Glieder. Einmal griff sie nach dem Türpfosten und lehnte den Kopf auf den Arm, sekundenlang: wie mochte wohl Frauen zumute sein, die ruhevoll und ohne Zweifel den anderen entscheiden ließen und wußten, es würde gut sein, was er auch erwählte? So ein Mann wie ein großer schützender Baum! Solche Frauen mußten doch einen wunderbaren Frieden haben, so großen Frieden, daß die Werktage fast wie Sonntage wurden ... Oh, die dummen, schmerzhaft-süßen Gedanken, ganz matt wurde man davon; besser, sie nicht weiter zu spinnen.

Neben ihr auf einem Gartentisch standen allerhand blühende Töpfe. Sie knipste ein wohlriechendes Geraniumblatt ab und steckte es an den Gürtel, die herbe Süße tat ihr wohl. Sie hatte so ganz verschwiegene Vorlieben unter den Blumen. Nun war wieder ein Lächeln in ihre Augen gekommen.