Es schlug zehn. Da ging sie zu der erleuchteten Ecke. Mit ihren schönen ruhigen Händen zündete sie das Flämmchen unter dem Teewasser an, rückte Schüsseln und Blumen zurecht. Gleich würde die arme Brunislawa geschlüpft kommen und sich schüchtern und gewichtlos auf der Sofakante niederlassen, als hätte sie kein Recht dazu. So überbescheidene Menschen waren im Grunde doch nervenangreifend. Ja und nun in ein paar Minuten mußte der Wagen da sein.


Ali und Adallah waren, nachdem ihnen die Kleudchen Wasser gebracht, doch eingeschlafen. Aber nun wachten sie, ziemlich gleichzeitig, heiß und unruhig auf.

Das Gewitter schien jetzt Ernst zu machen. Das war kein Wetterleuchten mehr, sondern scharfes, bläuliches Blitzen. Der Donner kam immer näher und die Stimme des Windes hatte etwas zornig Pfeifendes, ähnlich wie der Bulle, wenn er ganz böse war und den Kopf zwischen die Vorderfüße bohrte. Die Fensterflügel zerrten in den Haken, und irgendwo war ein Laden locker geworden und klappte mit jedem Windstoß. Man hörte Baumwipfel sausen, tief und unheilvoll, Blätter huschten am Fenster vorbei; dann war es wieder ganz schwarz. Einmal mischte sich auch Rädergeroll in das Donnern. Die Haustür ging, Pferde stampften. »Oooda –« das war Dralles Stimme, die Braunen wollten nicht stehen bei dem Blitzen.

Die Kinder lagen steif unter ihren roten Wolldecken; der Wind fuhr ihnen abwechselnd heiß und kühl über die Haare. Oh, wenn sie doch jetzt unten wären bei den Großen, die gewiß um den runden Tisch, bei Tee und Lampenlicht saßen und sich gar nicht fürchteten, oder im Stall, wo Fritz Dralle im Verschlag schlief und die Laterne im Pferdedunst zwinkerte und Erda in der Kiste lag, das Braune und das Gefleckte liebevoll umringelnd.

Die Blitze folgten einander rascher; der Donner kam jetzt krachend, fast gleichzeitig; das war nicht mehr das tiefe Löwengebrüll des Anfangs. Unten gingen Türen, man hörte Stimmen, Papa krähend aufgeregt, Tante Brunislawas unverkennbarer Klagelaut, so perlhuhnartig, und zwischendurch die Kleudchen wie eine besorgte, vernünftige Truthenne: knapp, knapp, knapp. »Ich werde selbst hinaufgehen,« das war Mamas weicher Alt, »komm auch du, Stanja,« und Papa: »Nein, nein, später,« und wieder Mama: »Doch, Thilo, heute.«

Im selben Augenblick fuhr es blau zum Fenster herein; das Zimmer leuchtete hell auf, man sah jeden kleinen Riß in der Tapete; ein kurzes, scharfes Knistern, als ginge feines Glas entzwei, dem ein ohrenbetäubendes Knattern, eine hohe tückische Salve folgte; es roch seltsam schweflig. Aber nun prasselten schon die Regenmassen aufs Dach, in die Baumkronen hinein; sie wühlten den Kies auf; sie bildeten sofort eine Menge kleiner, aufgeregter Ströme, die über die Terrasse liefen, immer eiliger, immer wütender, die Brüstung entlang, bis sie Ritzen fanden, zu denen sie vereint wie Dachtraufen hinausschossen in den verdorrten, versengten Äpfelgarten hinunter.

Adallah hatte aufgeschrien. Ali blickte wie versteint nach der Türe. Dort, mit übergehängter Joppe, stand Mama, blaß, mit feuchtem Haar, ihre Augen glänzten so sehr, sie lächelte. Würde sie sagen: »Ich glaube gar der Junge hat Angst?« Aber sie sagte nichts dergleichen, sie wandte sich zurück, ein Fremder stand hinter ihr. »Siehst du, Stanja, deine kleinen Brüder sind wach,« sagte sie, »nun müßt ihr gleich Freundschaft schließen.« Ein langer, schlaksiger junger Mensch mit fahlem, kurzgeschorenem Haar ging verlegen von einem Bett zum anderen. Er murmelte »Guten Abend«, er lächelte, aber so als täte es ihm weh.

»Gebt eurem Bruder einen Kuß,« sagte Mama, »denn ihr müßt euch sehr freuen, daß er wieder bei uns ist.« Ihre Hände klammerten sich um Alis Bettpfosten. Die Hände dort, in die sich nun die kleinen, zerkratzten Pfoten ihrer Kinder so zutraulich legten, sie hatten Menschenblut vergossen in tierischer Wut. Und bis es soweit kam, hatten sie anderes verübt, was die Menschen milder beurteilen und das Gesetz milder bestraft, und das ihr viel schrecklicher schien, weil es ihr unbegreiflicher war. War das nun ausgelöscht durch die Strafe? Oder blieb einer, der solcher Vergehen fähig war, dadurch gezeichnet für immer, zu einer Menschenschicht gehörig, die man bedauern, aber nie begreifen konnte? Und schlief vielleicht in ihren eigenen kleinen Söhnen ebenso giftiges Samenkorn und schlief sich nach Gottes Ratschluß zu Tode oder wachte plötzlich auf, mit unbändiger Triebkraft, wenn alles sicher und befestigt schien? Aber war das ein Grund, nachsichtiger zu urteilen, weil man selbst oder das eigene Fleisch und Blut ähnlich straucheln konnte? Wie die Menschen, die feige zu allem schweigen, um ihr eigenes Glashaus nicht zu zertrümmern. Was half Denken und Abwägen? Eines war gewiß: er hatte zahlen müssen mit dem, was am kostbarsten ist, mit der unwiederbringlichen Zeit, mit Sonne und Luft und dem Rausch freier Glieder in der Morgenfrische, dort in der Enge und dem Schweigen, bei grauer, eintöniger Arbeit, ohne Kameradschaft, ohne helles Ziel. Er hatte gezahlt mit langen Jahren der kurzen Jugendzeit und die vergrämten, alten Fältchen an seinem Mund waren die Quittung darüber. Aber was an ihr lag, das sollte geschehen, auf daß er noch einmal in Klarheit, ohne Vertuschen und gerade darum nicht ganz ohne Stolz, sein schweres Leben neu beginnen konnte; und wenn es ihn jetzt in weite Ferne führte, auch dort sollte er wissen, daß sie zu ihm stand in seinem neuen Leben.

»Wo warst du denn die ganze Zeit?« fragte Adallah, dem der Fremde stumm und hilflos über den kleinen Hemdärmel strich.