Der junge Mensch wurde rot, er murmelte den Namen einer fremden Stadt.

»Stanja ist in einer Schule gewesen,« sagte Mama. »Wir Menschen müssen alle in die Schule. Aber nun hat er ausgelernt.« (Wie geschraubt das klang, dachte sie, gleich als sie's gesagt hatte.)

»Bleibst du nun hier?« piepste Adallah weiter, dem sich schon berauschende Aussichten auftaten, Kombinationen von Stanja mit dem Kahn und Haselnußexpeditionen mit Stanja und dem Gefleckten.

»Nein, morgen reise ich weiter,« sagte der neue Bruder. Er hatte eine verschleierte Stimme, die den Kindern wie ein fremdartiges Instrument vorkam; und es war da etwas Nettes mit seinen haselfarbenen, etwas schräg gestellten Augen, wenn er beim Lächeln das untere Lid so hochzog.

»Ja, aber du kommst wieder und kommst oft wieder, und schließlich bleibst du da und wirst unsere rechte Hand.« Mama hatte ihr leises Mädchenlachen und wurde rot. »Du bist ja unser Ältester. Ja, mein Junge,« und sie legte ihm die Hand auf die Schulter und strich sanft an seinem Arm herab, und aus ihrer Handfläche schoß ein heißer Strahl zurück in ihr Herz, »ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß du ganz bald wiederkommst in dein Elternhaus. Wo auch deine liebe Mutter gelebt hat. Ja und siehst du, mir gehorcht man.«

Der blasse Mensch lächelte wieder gequält, es war alles so freundlich gemeint, aber oh, beinahe sehnte er sich zurück, dorthin, woher er kam, wo er selbstverständlich war und dazu gehörte wie das eiserne Bett, der Schemel, der häßliche Blechkrug auf dem Tisch. Und sie fühlte es und quälte sich auch. Was half die beste Absicht – da waren eben noch Wunden. Es war, wie wenn man einem Schwerkranken sagt: So, nun schlafe schön, morgen ist dir besser; dann lächelten die Kranken auch so mühsam, um ihren guten Willen zu beweisen. Wund war alles; was man auch sagte, es war zu deutlich. Ach, ihre Hand war nicht leicht genug für so schwere Dinge!

Sie wandte den Kopf dem offenen Fenster zu. Es hatte noch ein paarmal geblitzt, aber schwächer; der Donner klang weit ab, als habe das Ungetüm mit dem einen Schlag seine Wut verbraucht. Der Regen rauschte nieder in großen, ruhigen Wogen, ein unendlicher Segen.

»Lieber Gott, der Roggen!« sagte Mama und horchte auf; ihr Mund bebte ein wenig. »Nun ist der Regen noch zur rechten Zeit gekommen.«

Sie ging zum Fenster; sie lehnte sich hin, als wolle sie das Rauschen trinken, als sei sie selbst ganz ausgedörrt gewesen. Es war ihr lieb dazustehen, unbemerkt; so konnten ihre Augen die beiden brennenden Tränen zurücksaugen, ungesehen.

Hinter ihr, bei den kleinen Betten, war nun ein Gewisper und Gekicher entstanden; sie merkte es wie im Traum. Und sie stand regungslos, ohne sich zu wenden; sie spürte, daß dort etwas vor sich ging, ganz außerhalb ihres guten Willens, etwas, das von Recht und Unrecht nicht wußte und nicht von Belohnen oder Verzeihen. Nein, ungerufen, sanft erobernd, wie das neue Gras hier früher und dort später die verdorrten Stellen durchbricht und belebt, heilend wie der Saft, aus der Wunde selbst bereitet, den Baumschnitt überzieht, daß er nicht faulen kann. Sie fühlte, sie konnte nichts dazu tun; aber abseits stehen, sich nicht drein mischen, nicht stören, das konnte sie. Demut! Sie hatte das Wort oft gebraucht, aber doch nur auf andere angewandt. Jetzt eben meinte sie, es in sich selbst zu erkennen.