Diese ereignisvolle Nacht, die die Kinder im Halbwachen durchlebten, dieses Gemisch von Donner und Wagengeroll, die kurze Erscheinung des großen Bruders, der von nun an wie ein unsichtbarer Kriegsgott bei allen Abenteuern der Schiedsrichter war, und, fast ebenso erstaunlich, Mamas Erscheinen hier oben, ihr leiser Duft, ihre Stimme, wie von Regentröpfchen durchglitzert, als sie dort am Fenster lehnte, abseits, freundlich, schwach erhellt ... das alles wurde für Ali und Adallah zu einem unauflöslichen Ganzen, wie Dinge, die man im Nebel gesehen, sich getrennt nicht vorstellen kann.

Beinahe das allermerkwürdigste aber war, daß, als sie bei gleichmütigem Regenakkompagnement wieder allein lagen, Dralle im Gummimantel erschien, naß und wortkarg, aber doch wie ein rechter Himmelsbote, denn er hatte das Braune und das Gefleckte auf dem Arm, setzte dieselben auf die beiden Bettchen nieder und erklärte, es geschähe dies auf Befehl der gnädigen Frau.

Etüde

I

Wenn am Nachmittag die Sonne durch die Läden drang und goldene Leitern auf Tisch und Sessel malte, übte Amsel ihr Adagio. Anfangs ging es glatt, aber das war trügerisch, bald wurde es schwarz von kleinen wimmelnden Noten, die alle untergebracht sein mußten; da waren die schrecklichsten Fallstricke, sogar Triller im Baß, wie eingesperrte Brummfliegen. Aber sie arbeitete sich durch, wie ein Maulwurf durch lichtlose Gänge, und dann kam die Belohnung, das Allegretto: still gefaßt, auf feinen Füßchen, sah sich's versonnen um in dem dämmernden Raum, und irgendwie schien es den Ausdruck der Dinge umher zu haben, sich zu vermischen mit dem Duft der Herbstveilchen, mit dem sonngebleichten Gelb und Grau der Kretonnerosen; eine schöne, weiße Hand leuchtete auf, ein schleifender Schritt kam gegangen, ein Lachen war dabei, dunkel und zärtlich.

Die feine, zerbrochene Seele, die über Amsels Kindheit wachte, kam seit Jahren an diesen winters so verlassenen Ort, wo für sie in den großen Alleen, vor den Säulen des weißen, langgestreckten Kurhauses, die Erinnerung wandelte, angetan mit der Krinoline des zweiten Kaiserreichs, jener Zeit, da alles jung und erwartungsvoll gewesen und sie selbst, die schöne Anselma, den Menschen ins Herz gedrungen war wie ein Wohlgeruch. Kalte Winde ließen sie erschauern, für den Süden aber fehlten ihr die Mittel, so kam sie, wenn der Herbst zu Ende ging, immer wieder in das stillgewordene Tal. Dann taten die großen Gasthäuser die Läden zu, in den Gärten roch es nach moderndem Laub, und auf den Wegen war es menschenleer, aber oh, so voll von Erinnerung. Sie paßte nicht mehr in Menschengewühl; Gespenster, ja, die drängten sich heran, aber wie sanft gingen die mit ihr um. Und mehr und mehr zog sie sich zurück; wie ein krankes Tier, fühlend, daß der Kampf zu Ende geht, sich unter Hecken in eine Mauerritze verkriecht in der stillen Anspruchslosigkeit des Todes.

Schon zum viertenmal war sie in die Villa an der Berglehne eingezogen. Wie der Wasserfinder die Quelle, so spürte sie Häuser auf, die bessere Tage gekannt und nun, im Alter verwahrlost, einen eigenen Lockreiz hatten. Mit silbrigen Dächern, mit schönbemessenen Räumen und schlanken Fenstern hinter geflickten Marquisen, träumten sie in der Herbstsonne. Der Hausrat alt und fadenscheinig, die Kretonne gedemütigt durch allzuhäufige Wäsche; aber da waren noch schöngearbeitete Türschlösser, wie man sie nicht mehr macht, schmale Goldleisten faßten die Tapeten ein, Kamine warteten auf Winterabende, und hinter weißen Holzpaneelen, die kniehoch um die Wände liefen, raschelten die Mäuse. Alles aus einer Zeit, als die Häuser fein und zierlich und die Gärten groß waren, und die Menschen anmutig, aber ganz ohne Prunk den guten Dingen dieser Welt die Türen auftaten. Und wenn das gesternte Parkett in der Sonne knackte, ging ein Knistern alter Modenjournale durch die Zimmer und Erinnerung an Lavande ambrée, von sachttretenden Dienern auf zischende Schaufeln getröpfelt. Hier standen noch Hortensien in grünen Holzkübeln und Fuchsien mit ihrem feinen Glockenspiel; auf die gefleckten Sandsteinstufen sanken Blätter und Beeren, Pappeln säuselten golden in der stillen Luft. Der nächste Sturm würde alles mitnehmen, aber noch waren die Tage warm, die Nächte gütig, und im Grase lagen süße, wurmstichige Birnchen, und die letzten Wespen nagten sich hinein, bis der erste Frost sie lähmte.

An der Wand, gradüber dem Flügel, hing Tante Anselmas Jugendbild. Mit den leuchtenden, weich gleitenden Schultern, dem Grübchen in der Wange, dem kurzsichtigen, amüsierten Blick zwischen zusammengezogenen Lidern, in Spitzenwolken gehüllt, eine Garbe ziemlich unwahrscheinlicher Blumen im Arm, einer der schönsten unter den schimmernden Schwänen, wie sie einst, unnahbar und doch empfindsam, und alle mit einer leisen Familienähnlichkeit, aus Winterhalters Atelier hervorgerauscht kamen. Amsel starrte hinauf. Nun waren Wange und Kinn zart gewelkt, wie die Ränder der Malmaisonrose, die es so rasch verrät, ob sie am Tage vorher gepflückt ward. Aber das Grübchen war noch dasselbe, das kam und ging wie Sonnenflecken durch die leisklappenden Jalousien.

Abends, wenn das Lampenlicht die Möbel streichelte und hier und dort ein Bildrahmen, ein Türschloß aufglühte, ließ Tante die graue Häkelei sinken und ging an den Flügel, auf dem das Bild der schönen, unglücklichen Großfürstin stand. Sie blinzelte ihr zu, während sie spielte, mit zurückgeneigtem Kopf, die Zigarette im Mundwinkel. Und es war, als ob Chopins feines Filigran mit dem Rauchgekräusel zusammenflöße, aufstiege in immer leichteren, immer durchsichtigeren Spiralen. Amsel saß an der Erde, die Hände um die Knie, und feine Klingen stachen ihr ins Herz; denn süß und zögernd ging die Melodie an ihr vorbei, und sie hätte bitten mögen: »Bleibe, bleibe,« aber schon war sie in breiterflutenden Gewässern untergegangen, Dinge, die wild und herrlich waren und vergangen sind, hoch aufrauschend von ritterlichem Opfermut und goldenem Leichtsinn ... nur zum Ende noch ein paar Takte wie am Anfang, Arme, die sich auftun, schüchtern flehend. Wie stand doch unter dem Marienbild, dort in dem kleinen Bergdorf: »Mein armes Kind, wo gehst du hin, weißt nicht, daß ich deine Mutter bin?«

Tante Anselma ließ die Hände sinken; die große Müdigkeit war über sie gekommen. Stromab; wie leicht ist das, wenn man müde wird; und die Mündung war nicht mehr fern.