Wenn sie dann wieder bei ihrem Buche saß, starrte Amsel darauf hin, ohne die Blätter zu wenden. Sie mußte an so vieles denken, was ihr Tante erzählt hatte und was da, während der Musik, an ihr Herz gepocht hatte, wie Zweige ans Fenster pochen, wenn der Wind geht: Tante als kleines Ding auf dem Schoß des großen Verbannten, inmitten feurig redender Männer und Frauen mit leidvollen, brennenden Augen. Da klirrten Waffen, da zogen Revolutionen dröhnend durch die Nacht. Und andere Menschenzüge wanderten, stumm, verzweifelt, endlos durch den Schnee, und neben jedem Mann stapfte eine Frau ... dann wieder Lichterglanz und Rauschen, und immer tönte Musik, wild oder zärtlich, wie hinter einem Vorhang. Die schöne Anselma ging durch große Menschenmengen, wie heute durch die Einsamkeit, fein und etwas spöttisch und ganz ohne Furcht, Verfolgten und Geächteten hatte sie Treue gehalten. Aber auch in die Mächtigen dieser Erde hatte sie ihr Vertrauen gesetzt und war nicht getäuscht worden. Folgte sie einer Witterung, wie Tiere und wilde Völker sie haben, die sie den einen zugänglichen Punkt in eisernen Herzen finden ließ?
Ganz jung war sie mit Onkel verheiratet worden, und mit ihm hatte sie wohl so manches durchgemacht. Zeitweise mußten sie auf das verwahrloste Gut ziehen, von dem die alte Kammerfrau noch heute mit Schaudern sprach. Dann lagen ihre Perlen auf dem Leihhaus, ja schließlich kamen sie nicht wieder. Vor ein paar Jahren war Onkel noch einmal aufgetaucht; elegant und verwittert und etwas kreuzlahm, mit großen Saphiren an den nikotingelben Fingern und der ganzen überströmenden Galanterie des schlechten Gewissens. Man saß bei Tische, die Kerzen knisterten, die Malmaisonrosen, die er gekauft hatte, in ihrer Mitte. »Votre fleur, chère amie,« sagte er, und Amsel wand sich; wozu sprach er eigentlich französisch, er schnurrte das R so, dann war er ihr erst ganz antipathisch. Von Biarritz erzählte er, von Monte Carlo und den »potins de Florence«, denn jeden Winter war er an einem anderen Ort. Tante sah geistesabwesend vor sich hin; es war doch seltsam, dieser fremde Mensch, dessen Namen sie trug ... Aber voller Fürsorge war sie doch, konnte sich nicht genug tun an Aufmerksamkeiten für seine Gesundheit und sein Behagen. »Der Arme,« sagte sie, »er hat sich sehr verändert, und es hat etwas Schmerzliches, wenn jemand so begnügsam geworden ist, der früher so verwöhnt war. Ach und etwas Nachsicht und Fürsorge, das Kleingeld hat man ja immer übrig. Den andern freut es, und er hält es für gutes Gold. Nun, Gott verzeih uns allen.« Es lag ihr nun einmal nicht, mit jemand abzurechnen, mit dem sie auch nur eine gute Stunde verlebt hatte. »Es ist so schrecklich umständlich, Buch zu führen über Recht und Unrecht,« sagte sie; »das ist eine Arbeit, die ich gern unserem Herrgott überlasse.«
Nun aber kam Onkel nicht mehr. Tante ließ alljährlich eine Messe für ihn lesen, und es war aus irgendeinem Album ein Bild von ihm auferstanden, aus seiner schönen Zeit, als beau ténébreux an einer Säule lehnend, halb Taschenspieler, halb Fürst der Finsternis. Wenig Bekannte nur drangen in ihre Einsamkeit; ein paar alte Russinnen, die hier das ganze Jahr verbrachten, waren die Getreuesten. Ihr Haus lag rosenumsponnen über den großen Klosterwiesen, eingenistet in dem verwilderten Garten, in Tulpenbäumen und Linden und riesenhaftem Azaleengebüsch. Ewig froren sie, und im Salon flackerte zu allen Jahreszeiten das Feuer im Kamin. Man konnte sich kaum zu ihnen durchwinden vor fürstlichen Andenken: Malachittischchen und gestickte Wandschirme und lebensgroße Katzen aus Porzellan. Die Luft war blau von Zigaretten, und es wurden Bonbonnieren herumgereicht, unerhörte Pariser Fondants, die wie Taufkinder in gepolsterten Atlasschachteln lagen, rosa oder strohgelb oder pistaziengrün. Dort traf man bejahrte Diplomaten, wichtig und geschwollen, voll dunkler Rankünen und einer Fülle einbalsamierter Anekdoten. Oh, wie schnatterten die alten Russinnen und stießen kleine Schreie aus wie teilnahmsvolle Papageien und nannten einander beim Vatersnamen wie in den Büchern von Tourguénief, und immer die Zigarette im welken Mund, die Lippen vom ewigen Rauchen schlaff geworden, wie bei den drei Spinnerinnen im Märchen, redeten sie von Politik und Liebe und Verstorbenen. Amsel saß derweil über juchtenlederne Albums gebückt und besah sich die Menschen, wie sie früher ausgesehen hatten; Herren, romantisch schmerzlich mit ihren Vatermördern und schwarzen Halsbinden, den Zylinder in die Hüfte gestemmt, ein ganzes Adagio im Blick; und feine Frauen in seidenen Krinolinkleidern, wie die Püppchen, die man aus umgestülpten Mohnblumen macht; elegisch über Balustraden gelehnt, eine Weintraube essend: kleine erlöschende Gespenster, die in den alten duftenden Büchern langsam vergilbten.
Wenn sie dann wieder daheim waren, konnte es nichts Schöneres geben, als wenn Tante »Albumgeschichten« erzählte, gerade jetzt, wo es früh dunkelte. Draußen seufzten die Pappeln; die Moderateurlampe stand milde auf dem Tisch, von den Rosen löste sich ab und zu ein Blatt, und in der Lampe fiel, still und zuverlässig, ein Tropfen Öl in den Behälter. In ihrem Schein liefen Herbstmotten über den Tisch, die winzigen, perlmutternen und die großen mit weißen Pelzröckchen und Gesichtern wie kleine Eulen. Dann erzählte Tante. Und wie sie erzählte, wurden Länder und Bauten zu etwas zauberisch Kleidsamem, in dem sie herumging, jung und fremd, und war doch wie beim Träumen ganz selbstverständlich, sie durch die fernen Perspektiven kommen und schwinden zu sehen. Da war Venedig. »Dort sitzt die Markuskirche wie eine große goldene Henne,« sagte sie. Und Amsel sah alles in Gedanken, sah die braungoldenen Tiefen, wo die Säulen wie Orgeltöne aufsteigen und wieder verschwimmen in Weihrauchblau und Schatten, all das wimmelnde, traumartige Gehen und Stehen der Menschen, sanftbewegt wie Algen auf dem Meeresgrund. Draußen auf dem Platz war Musik. Da saß Tante in einem weißen Kleid mit vielen schwarzen Samtbändchen benäht und aß Eis mit den jungen österreichischen Offizieren, die so fabelhaft dünne Taillen hatten. Rauschende, wiegende Musik. Und Kähne kamen von den Inseln, mit Melonen und Trauben und Paradiesäpfeln ganz beladen, tief schwammen sie im Wasser, und andere, aus Murano, mit farbig glitzernden Glasperlen, hineingeschüttet wie Sand. Einer zog langsam vorüber, mit einer gehäuften Last von schwarzem Schmelz und Flitter – wie funkelte das traurig-prächtig. Wie der Tribut einer trauernden Königin sei es gewesen.
Compiègne! Die mächtigen Alleen, die am Ende zusammenliefen in einem grüngoldenen Punkt; die uralten Bäume bilden ein Gewölbe, unter dem Tante mit der schönen Kaiserin fährt. Beide in bauschenden Kleidern, mit gestickten Bolerojäckchen, winzige Barettchen auf dem schweren Haar, eine Feder wallt ins Genick. So, immer die breite, dämmrige Allee hinunter, trott, trott, mit schweren, glänzenden Karossiers in den grüngoldenen Punkt hinein. Dort, in der Sonne, träumt der schlanke Pavillon, mit Bildern berühmter Jägerinnen in den Stuck der Wände eingelassen; dort liest der feine, ironische Schriftsteller seine Novellen vor; Sehnen und Entsagen, wie kühl, wie knapp in Worte gekleidet ... Manchmal kommt auch der Kaiser. Fett und müde, mit schweren Augenlidern, man wußte nie, schlief er oder hörte er zu. Aber immer ritterlich und voll behäbiger Grazie.
Andere Bilder. Tante in Galizien. Um zu sparen. Das war auch eine Abwechslung. Nachher konnten wieder Smaragden und Brüsseler Spitzen an die Reihe kommen. Ihr war das Lumpenleben recht – sie lachte zu allem. Nur mit der Leibwäsche, ach Gott, ja, da war sie wohl sehr verwöhnt. Madame Céline flickte und stopfte, es war so fein, so mürbe. Und dann, daß sie immer Blumen haben mußte, auch im Winter ... Aber sonst? »Du lieber Gott,« sagte Madame Céline, »Madame gab ja alles her. Es kam ihr nicht darauf an, immer dasselbe zu tragen. Wenn sie dann den Hals so reckte, was ihr die Leute als Hochmut auslegten, aber es war doch nur, weil sie kurzsichtig war – und groß und schlank in einen Salon hereinglitt – une déesse, quoi? – wer dachte da an Kleider!«
Das Leben auf dem Gute, mit den Tanten, war ein Hauptthema für Madame Céline. »Ah le vilain pays, mademoiselle,« klagte die kleine Französin mit dem verwitterten Gesicht, den rastlosen Augen, dem glatten, korrekten Veuve-d'employé-Kleide: »Nichts als Stoppeln und Sümpfe und la boue haut comme çà. Weiden standen an den Landstraßen, schwarz von Krähen. Wie sie schrien, die Unglücksvögel. Das Haus, nur ein Stockwerk, aber lang wie eine Schlange. Wenn Madame klingelte, mußte ich erst durch sechs andere Zimmer, alle gingen ineinander wie ein Korridor. Le palais des taupes, quoi! Gott, wie es da aussah. Überall lagen die Tanten herum, auf allen Sofas, des vieilles avec des burnous, mit gelben Babuschen an den bloßen Füßen und die Hände voll kostbarer Ringe – und die Nägel gelb von Tabak. Denn immer wickelten sie Zigaretten und spielten Patience, schon am Vormittag. Et toujours un tas de petits chiens – unter den Plümos, es war wie Erdbeben. Oder sie schlampten im Garten herum in Frisierjacken und Papilloten und pflückten Beeren; dann wurde Saft gekocht oder Gurkenwasser gegen die Sommersprossen. War das nun ein Milieu für meine junge Dame, die an allen Höfen Regen und Sonnenschein gemacht hat und in allen Sprachen korrespondierte avec des personnages illustres? Aber der Engel, sie lachte nur. Abends stieg sie gern auf eine Anhöhe, wo eine Windmühle war; da stand sie, und ihr Kleid wehte ... man sah so weit ins Land, der Himmel war wie eine Feuersbrunst, die Fohlen liefen herum mit wilden Mähnen. C'est beau, sagte Madame. Nun ich konnte mir Schöneres denken, so ein Apriltag auf den Boulevards, wenn's eben noch geregnet hat, aber die Sonne scheint aufs nasse Pflaster, und die Blumenkarren mit Veilchen duften so frisch ... Ich wäre dort an Melancholie gestorben, wenn nicht der Bücherschrank gewesen wäre. Er roch nach Schimmel, der Atem verging einem, wenn man aufschloß. In dem einen Sommer las ich zweiunddreißig Bände Paul de Kock. Er rettete mich vor Tiefsinn. Kein Wort verstand ich, was diese Wilden sprachen. Die Mädchen gingen mit bloßen Beinen und hatten Ketten aus Vogelbeeren um den Hals, aber die Betten wurden von Männern gemacht; struppig waren sie comme le père Noël und hatten außer ihren gestickten Hemden auch nichts Nennenswertes an. Es war ja tief drinnen in dem barbarischen Lande, sur la route de Varsovie. Si mademoiselle voulait se tolurner un peu,« sagte Madame Céline, denn sie probierte Amsel ein neues Kleid an, aber die Stecknadeln in ihrem Munde hinderten nicht ihren Redefluß.
»Am Nachmittag,« fuhr sie fort, »kamen die Nachbarn, geritten und gefahren. Dann fuhren die Damen aus dem Mittagsschlaf, avec des cris de paon, und zogen sich endlich an. Das waren kuriose Toiletten. Aber meine junge Dame war immer duftig, und wenn ich die Nacht hätte durchbügeln müssen. Damals trug man Mullkleider mit Volants, so etagenweis bis oben ... Sie sah aus wie eine Glockenblume aus ›fleurs animées‹. Dann gab es Tee und Framboise und zwanzigerlei Konfitüren, und Melonen, nie sah ich solche Melonen. Die Damen schrieben einander Rezepte ab. Wenn dann die Lampen kamen, wurden die Karten geholt, sie spielten die halbe Nacht durch. Oft flogen Fledermäuse herein, ich hätte geschrien vor Angst, aber die Alten banden sich Antimakassars um die Köpfe und spielten ruhig weiter; das gab Schattenbilder an der Wand, die reinen Hexen; aber sie blieben totenernst dabei. Ihre Tante langweilte das ewige Kartenspielen, sie setzte sich an den Flügel, un Erard passablement vermoulu, dann sahen die alten Damen von den Karten auf und nickten den Takt mit den Köpfen. ›Ah, Beethoven, il n'y a que çà‹ – sagten sie. Aber wenn sie Chopin spielte, weinten sie, denn sie hatten ihn alle geliebt und an seinem Sterbebett gesessen. Junge Herren kamen auch, sie lagen Ihrer Tante zu Füßen, wie auch konnte es anders sein! Da war der Stefan Czartorisky, Gott, wie distinguiert, des pieds d'enfant et toujours le mot pour rire. Wir alle beteten ihn an. Aber er hatte eine viel ältere Frau, eine häßliche Viper, sie verklatschte meinen Engel, und da gab es dann des embêtements avec Monsieur le comte ... Zum Herbst wurde es ganz einsam, die Wege waren ein Morast. Da saßen sie dann im Salon und stickten auf Stramin, Rosen und Pensees, ich seh' das Muster noch, un vrai cauchemar; ›c'est un peu monotone, ma pauvre Céline,‹ sagte Madame, wenn ich alles wieder auftrennen mußte, denn mit Handarbeiten ist sie nie ein Held gewesen. Gott, sie war noch so jung. Man mußte sie lachen hören ... Ja, damals waren Sie noch gar nicht auf der Welt! ...«
Amsels Erziehung war, nächst dem Gott Zufall, einer Reihe mehr oder minder verdienstvoller Fräuleins anvertraut, deren Kommen und Gehen durch den Wechsel des Aufenthalts bedingt war, aber auch durch plötzliche Erkenntnisblitze, daß Tantes Mitleid ihrer Menschenkenntnis Dunst vorgemacht hatte. Eine Deutsche, bieder und schwärmerisch, die in Amsels Erinnerung mit dem Lied von der Glocke und einer fürchterlichen Brosche aus Elfenbein verschmolz, denn beim Hersagen jener ebenso unsterblichen wie langatmigen Dichtung hatte sie immer, wie der Vogel auf die Schlange, dorthin gestarrt. Einmal gastierte auch eine Pariserin mit dünner Taille und kleinen Füßen. Mit ihrem schmalen Kopf, ihren schwarzen, zusammengewachsenen Augenbrauen, saß sie wie ein gereizter Schwan, der gleich beißen wird, hinter den Büchern. Aber sie verschwand meteorartig. »Der himmlische Akzent war Schuld,« hörte Amsel Tante sagen, »der ist für mich wie für den Schweizer der Kuhreigen.« Nach ihr kam ein Fräulein aus dem Waadtland, mit flachem, kalvinistischem Strohhut und hüpfender Intonation, die an Heimweh litt. Sie erzählte vom Pasteur und dessen Sohn, le missionnaire, un jeune homme si bon, si doué, und wie sie zusammen im Frühling in die Berge zogen »pour cueillir la gentiane«. Durch diese junge Helvetierin wurde Amsel mit der ebenso vortrefflichen wie findigen Familie des Robinson Suisse bekannt. Nichts brachte diese Menschen außer Fassung. Denn immer, im kritischen Augenblick, spürten sie die außergewöhnlichsten Dinge auf, um ihren Hunger zu stillen, eßbare Ameisen, Stachelschweine und Schildkröten, oder auch Faultiere, die wie Räucherwaren stumpfsinnig an ihrem Aste hängen blieben, bis sie gebraucht wurden; von unerhörten Früchten zu schweigen, die den Nährwert der Kartoffel mit dem Wohlgeruch der Ananas verbanden. Man brauchte um das leibliche Wohl der Familie wirklich nicht bange zu sein. Aber auch für geistige Stärkung sorgte der Himmel. Denn im Augenblick tiefster seelischer Depression, als sie mit ihrem Schicksal zu hadern begannen, kam von dem unerschöpflichen Wrack eine Bibel angeschwommen. Beschämt sanken sie am Strande auf die Knie, und Vater Robinson sprach ein Dankgebet. Und das alles in tadellosem Passé Défini vorgetragen! Ja, es war beinahe zu viel der Tugendhaftigkeit, so als ob einer Lebertran einnähme und dazu auch noch lächeln würde.