Die alten Bäume in der Allee waren braun geworden, kleine Buben in gestrickten Mützen suchten Eicheln im dürren Laub, und auf den Klosterwiesen, wo die Laienschwestern, großen Elstern gleich, das letzte Grumt geharkt hatten, standen nun die Herbstzeitlosen, blaß und zerbrechlich. Der blaue Dunst, der klares Wetter verhieß, schlug morgens in glitzernden Tröpfchen an den Fensterscheiben nieder. Der Herbst war milde hier, der Winter kurz; nur einmal ausschlafen wollte die Erde, nach all dem Blühen und Schenken; bald, schon im Februar, fing es wieder an zu wispern und zu keimen.

Tante sah still in die Luft. Hier hatte sie als junge leichtherzige Frau gute Tage erlebt und dann noch einmal, ein paar Jahre später, als das ganz große Glück Besitz nahm von ihrem Geist, ihren Gliedern, von jedem seligen Tropfen Bluts. Ach, gut war es gewesen, gut!

Auf der Promenade hatten die kleinen, eleganten Buden geschlossen, nur der Mann mit den böhmischen Gläsern und der Mann mit den Kuckucksuhren saßen noch hinter ihren Waren wie verklammte Vögel. Und der alte Tiroler mit dem Quastenhut und seine stattliche Frau, die allen Fürstlichkeiten der Erde Handschuh anprobiert hatte, waren auch noch da, aber sie packten ihre Schachteln zusammen. Vor der Bude standen Tisch und Stühle, die Blumenverkäuferin kam mit Herbstveilchen und den kleinen, ausdauernden Monatsrosen. Tante schwatzte mit ihr. Es ging immer gemütlich zu, wenn sie dabei war, das leichte Blut ihrer süddeutschen Mutter redete seine Sprache. »Wenn ich nur wüßte, warum es oft bei herzensguten und gar nicht dummen Menschen so furchtbar langweilig zugeht,« sagte sie. »Ich schwör' dir, Amsel, ich wollt' den Kaiser mit unserer Frau Schwämmle zu einem Kaffee bitten und die Stimmung sollte großartig sein. Man muß sich nur fest einbilden, daß man sich für die Antworten der Menschen interessiert, und das Kuriose ist, daß man es dann schließlich wirklich tut. Und ob's nun ein König ist oder eine Waschfrau, alle brauchen sie halt Verständnis, aber sie merken's ganz genau, ob es echt ist oder nur so Getu. Wenn ich vier Wochen lang Königin wär', ich sag' dir, ich wollte die Leute königstoll machen.«

Das Kurhaus lag weiß und langgestreckt im Nachmittagslicht. Tante ging hin und her, blieb manchmal stehen. Sie sah da wohl mehr, als für andere zu sehen war. Dort, unter dem »russischen Baum«, hatte sie oft mit den Cousinen gesessen. Sie spielten Domino mit dem alten galanten Staatsmann, und die Adjutanten des Königs stellten sich dazu, schlanke, preußische Tannen, und gaben Ratschläge, denn die alten Russinnen nahmen es furchtbar ernst mit dem Spiel.

Hier traf sich die Jugend zu Fahrten und Landpartien nach alten Jagdschlößchen und Ruinen, wo man auf Türme stieg und in die schauernden Wälder niedersah und weit in die Ebene, die glitzernde, in Sonne und Dunst. In Char à bancs und englischen Mailcoaches, vier- und sechsspännig, ging es los. Sie saß meist auf dem Bock neben dem dicken, rothalsigen Mister Tomlinson, der seines zarten Töchterchens wegen hier lebte ... Es war ein fast traumhaftes Gefühl des Ausruhens neben dem vierschrötigen Riesen. Einmal waren sie in ein Wagenknäuel geraten, die Pferde bäumten sich, alles schrie und fluchte. Der starke Mann neben ihr zupfte kaum ein wenig an den Zügeln, und seine kleinen, hellblauen Augen blitzten in dem ziegelroten Gesicht. »Sit tight, you are quite safe, little girl,« hatte er gesagt, denn in ihrer holden Jugendschlankheit kam sie ihm kaum älter vor als sein eigenes kleines Mädchen. Und dann zwang er die vier Pferde mit unmerklicher Gewalt, rückwärts zu treten, und schon hatte sich das Chaos entwirrt. Ihr war gar nicht bang gewesen, eher schläfrig; wenn er dabei war, fühlte sie sich geborgen wie einst als Kind in ihrem kleinen Gitterbett. Ach, wie gut war das Leben! An Rebenhügeln ging die Straße vorbei, die blauen, duftbestäubten Trauben wurden geerntet. Hübsche, sonnverbrannte Mädchen lachten unter roten und gelben Kopftüchern. Zwischen den Weinstöcken ragte ein großes graues Kruzifix in die Luft, und die Leute setzten ihre schweren Butten zu seinen Füßen und wischten sich den Schweiß von Hals und Stirne. Manchmal fuhr man im Tal, das Flüßchen hinauf, bis zu dem Wasserfall, wo es Forellen gab und säuerlichen Landwein. Wie flammten die Bauerngärtchen, Rosenstöcke ganz beladen, Kapuzinerkresse und blaue Winden in luftigem Gerank; große reife Kürbisse lagen in der Sonne, und unter den Dächern hingen Girlanden von Welschkorn. Aber von den Wiesen kam der Geruch vom zweiten Schnitt, der so scharf ins Herz greift, wie Anklammern an ein letztes Glück, und über den Höhen lag Dunst, damals wie heute der Bote milder Tage.

Sie hatte das alles ganz unbewußt geschaut und in die Scheuern gesammelt; heute zehrte sie davon. An Abende dachte sie zurück bei der berühmten Sängerin, die sich in einem Seitental, von Erlen umdämmert, einen kleinen Musiktempel erbaut hatte. Mit halbgebrochener Stimme trug sie die alten feierlichen Arien vor. Ihre großen, furchtlosen Gebärden, ja ihre düstere Häßlichkeit paßten zu der Meisterschaft, mit der sie Licht und Schatten breit und unbekümmert hinwarf. Oder sie sang spanische Volkslieder mit ihren Töchtern, jungen, mageren Geschöpfen, bräunlich wie Hindumädchen, aneinandergelehnt ... Wie das von ihren Lippen kam, die heiseren Rufe des Maultiertreibers, der langgezogene Schrei des Melonenverkäufers; und die Mutter am Klavier, die mit dunkler Stimme ihren Part mehr knurrte als sang ... Zerstoben, verstummt. Wer konnte sie noch singen, diese schmerzlich gefaßten Rezitative in königlichem Faltenwurf, diese gramvollen Arien, in denen es wetterleuchtet von niedergepreßtem Gefühl? Der kleine Musiktempel war abgerissen, das Wohnhaus in andere verbaut, die Bäume gefällt. Und daneben, wo der verbannte Dichter wohnte, einer der vielen seines Landes, die verfolgt wurden um der Gerechtigkeit willen; ja, das Haus war noch da, aber tot, mit geschlossenen Läden, die Wege von Moos übersponnen, stand es zwischen großen Platanen über dem kleinen Gehölz, wo im Mai die Nachtigallen im Faulbaum schluchzten. Und sie dachte an den schönen, grauhaarigen Mann, wie er, weißgekleidet, mit schweren und doch weichen Schritten, einem guten Bernhardinerhund ähnlich, im Garten auf und ab ging, wenn in dem versumpften Erlenwäldchen, ihm zu Füßen, die Frösche quarrten. »J'aime les grenouilles, ça me rappelle la Russie,« sagte er. Oft plagte ihn die Gicht, dann ruhte er im Gartensaal zu ebener Erde, sein Fuß, zu einem unförmigen Bündel gewickelt, wie eine gekränkte Gottheit auf einem besonderen Taburett. Die Wände mit Büchern austapeziert, das still brennende Kamin und auf dem Tisch ein großer Strauß Heliotrop. Dazu rauchte er die kleinen blonden Papyros seiner Heimat und bekritzelte lange schmale Papierstreifen, die den Teppich bedeckten. Hier waren viele seiner Erzählungen entstanden, mit ihrem eigenen, ureigenen Duft wie von Frühlingswald und allerkostbarstem Tee. Aber nun hing am Gitter ein Plakat: Baustellen zu verkaufen. Wie lange würden sie hier noch rauschen, die Silberpappeln, die Birken und Platanen?

Oh, wie hatten sie damals seine Bücher verschlungen, wie hatten sie geschwärmt, gehofft und prophezeit. Musik und Philosophie und Menschenrechte, alles wurde leidenschaftlich diskutiert; da war so vieles, das zum Licht begehrte, überall schäumten kleine Wirbel über dem tiefkochenden Meer. Und vieles war eingetroffen seither, was sie herbeigesehnt hatten, aber in plumperen Umrissen, mit Abzügen und Zugeständnissen, die ihrem kühnen Hoffen fremd gewesen. Denn verwirklichte Ideale sehen wohl immer aus wie die Stiefmutter, die den Schmuck der rechten Mutter trägt.

Wo waren sie hin, die zarten, rastlosen Frauen, die sich im milden September zusammenfanden, wenn die Trauben so süß und die zweite Rosenblüte noch erlesener war als die, die der Juni beschert? Wenn Johann Strauß seine Walzer dirigierte, während am Nachthimmel große Raketenbündel hoch fuhren und knisternd niedersanken, goldener Hafer und blaue strahlende Sterne, zögernd, trauernd um die eigene kurzlebige Schönheit? Viele waren tot, ach, wer nannte sie noch? Andere lebten, fern von hier, von neuen Pflichten, neuen Generationen beschlagnahmt: Großmama, Nonna, petite tante ... Ach und jene Allersüßeste, Allerkostbarste, deren Herz überschäumte in Bewunderung alles Schönen, in leidenschaftlicher Abwehr aller Enge und Halbheit, sie lebte hinter Mauern; ja, lebte sie noch? Sie, deren göttlich schöne Füße die Bildhauer toll gemacht hatten, ging sie barfuß auf kalten Steinen? »Diane vaincue« hatten die Freundinnen sie genannt, nach einer tiefgelben Rose, die damals neu war; deren schmalen, bräunlichen Knospen sie ähnlich sah. Ach, Runzeln und Gebrechen paßten nicht zu ihr, wollte Gott, daß sie schon lange in irgendeinem totenstillen Klosterhof lag, wie eine Schmetterlingspuppe in ihre kleine braune Kutte gewickelt, dort, wo die Zikaden in der Mittagsglut sägen und der Lorbeer die Luft mit bitterem Dunst erfüllt!

Ja, sie hatten sich alle mit dem Leben eingerichtet, so oder so, und da waren manche, denen das große Glück nie genaht war, oder die es nicht erkannt hatten, da waren auch die kleinen Hermeline, die nichts riskieren wollen. Aber viele hatte das Leben wissend gemacht. Und ab und zu hörten sie voneinander. Sie, die für Zukunftsmusik und Befreiung der Geknechteten geschwärmt, die über Tolstoi und Schopenhauer diskutiert hatten, als ginge es um ihr Leben, so edelmütig und verschwiegen in der Freundschaft, so weich und rückhaltlos in der Liebe ... »Ma chère belle,« so fingen ihre Briefe an; ja, aber nun mußten sie Brillen aufsetzen, um sie zu lesen.