Das große Glück, das nur wenige finden; der einsame Weg, den nur wenige gehen! Ach, mit zitternder Hand griff sie ans Herz, den Mund gespannt in unvergeßlich süßer Qual: Mein Schmerz, mein Eigen! Und wenn sie die Augen schloß, spürte sie mit suchenden Nüstern Heuduft und Jasmin in der Sommernacht, spürte die kühle Glätte des Flügels, an den sie die Stirn gelehnt hatte – oh, wie oft –, damals, wenn er ihr mit leichter, fast knabenhafter Stimme die neuen Opern sang, welche zu jener Zeit die Welt aufwühlten und in feindliche Lager teilten. Ob unter seiner Leitung das Orchester zu einem großen, gebändigten Instrument wurde, einer Republik der Stimmen, von seines Blutes Rhythmus befeuert und gezügelt, oder ob sie beide, träumend, zuhörend, schweigend genossen, es waren dieselben Schauer, es war dieselbe Weite und Enge, die sie im Herzen erlitten, eine Gemeinschaft, ein äußerstes Durchdringen, das den Menschen in dieser unfaßlichsten und doch körperlichsten aller Künste gegeben ist.

Um sie her fielen die Kastanien ins gelbe Laub; unter der Säulenhalle war es leer, die Stühle aufeinander getürmt, leer der runde Musiktempel am Eingang. »Si vous n'avez rien à me dire« – oh, diese kleine zuckerige Melodie! Damals war sie neu, und man spielte sie zum Überdruß. Nun ging sie ihr auf einmal durch den Sinn, ein kleines betrübtes Gespenst. Sie fühlte ihre Augen brennen und wie ihr Mund sich verzog. Nach Hause, nach Hause, die Sonne wärmte nicht mehr.

II

Amsel war mit Madame Céline einkaufen gegangen. »D'abord les petites brioches pour madame,« sagte die kleine Französin. Der Sommerkonditor Romplemayère, wie Madame Céline es aussprach, hatte sein Zelt schon abgerissen, aber sein Rivale, der den märchenhaften Namen Schababerle trug, gleich dem Efeu bodenständig, überwinterte hier. Eigentlich müßte es umgekehrt sein, hatte Tante gesagt, denn sie fand, daß sie beide die Jahreszeit verwechselt hätten. Rumpelmaier war doch sicherlich ein Abkömmling von Rumpelstilzchen und paßte daher weit besser zu Schnee und Christbäumen und krausem Winterspuk als zu der Côte d'Azur. Während Schababerle, den konnte man sich nur mit einem Turban denken, wie er Sorbet und Limonaden bereitete, kühl-wohlig in der Sommerschwüle, und schließlich wurde er Pastetenbäcker des Kalifen und erhielt die jüngste Tochter des Großwesirs zur Frau.

Sie gingen durch Gassen und Gäßchen, die den Berg hinaufkletterten, bis zum Schloß mit seinen Höfen und Brunnen und überdachten Treppchen und der großen Lindenterrasse. Die Tore waren verschlossen, die freundlichen, grauhaarigen Lakaien gingen nicht mehr aus und ein, und die Linden standen in einem Teppich raschelnder Blätter. Staffeln führten hinab zu kleinen Plätzen, wo im Dämmerlicht Brunnen rieselten, an sauberen Häusern vorbei mit Transparenten an den Fenstern, hinter denen Waisenratswitwen im Lehnstul saßen und sich nicht entschließen konnten Licht zu machen, ehe die Laterne an der Ecke brannte; so sahen sie vor sich hin, die Hände im Schoß, und sannen über das Alter des Kanarienvogels nach, ihr eigenes darüber vergessend. Kuriose Lädchen gab es hier, Althändler, in deren Schaufenster stockfleckige Lithographien verblichener Landesväter zwischen gestickten Klingelzügen und alten, gedemütigten Regenschirmen lächelten, daneben ein Sargtischler, der kleine Sargmodelle ausgestellt hatte, in verschiedener Ausstattung, wie für alle verstorbenen Puppen – geringe und vornehme – der Nachbarschaft. Beim Seifenhändler hingen die großen Altarkerzen aus gelbem Wachs, honigduftend, die in kühlen hallenden Kirchen von Sommergärten und summenden Bienenkörben erzählen, dazwischen die schlanken Kommunionskerzen, symbolisch umwunden mit Weinlaub und gläsernen Trauben, und am Griff ein kleines, steifes Spitzentuch für die kleinen zerkratzten Hände, die an diesem Tag in weißen Baumwollhandschuhchen prangen. Bei der Vogelhändlerin kamen sie vorbei, die in der offenen Ladentür saß, ein schwarzes Kaninchen im Schoß, und hinter ihr aus dunklen Ecken leises, unaufhörliches Trillern wie aus zarten Wasserpfeifen, das war wie im Märchen von Jorinde und Joringel und der bösen Zauberin. Zwischen Mauern ging der enge Weg hinab, über die hier und dort ein erfrorener Rosenzweig nickte, und Häuser, die auf der einen Seite einstöckig kauerten, ragten auf der anderen aus Abgründen. So denk' ich mir Capri, sagte Amsel.

Als sie heimkehrten, stand Tante, in ihren großen Orenburger Schal gewickelt, am Fenster und sah nach ihr aus. Von den Pappeln segelten gelbe, herzförmige Blätter durch die Luft, Schneebeeren lagen weich und verregnet auf den Gartenwegen, bald würde nun der Winter kommen, auf Samtpfoten, eine große, weiche, weiße Katze.

»Nun wollen wir uns einwintern,« sagte Tante. »Das alte Murmeltier und das kleine Murmeltier, eigentlich beneidenswerte Geschöpfe, so die ganze kalte Zeit zu verschlafen, so gut haben wir's nicht, und ein bißchen Französisch mußt du auch wieder treiben; der Mensch kann immer noch zulernen, und wenn er auch schon siebzehn Jahre alt ist.« Und ein paar Tage später sagte sie: »Ich habe Rächerchen gemacht, denn so sprach ich's als Kind aus, wenn ich meinem Vater vorlesen mußte; und nun hab' ich die Perle gefunden, eine schwarze Perle, denn sie ist Witwe, und nur Französinnen verstehen es, so gründlich Witwen zu sein, ich glaube, sie genießen das wie ein Moorbad; also, sie heißt Benoît und sieht aus wie ein Kokon aus Trauerkrepp, und ihr Seliger war auch Sprachlehrer, ja, sie sagte, er sei ein Vater der Syntax gewesen, und das ist doch gewiß eine Seltenheit.«

So erschien denn Madame Veuve Benoît in ihrer ganzen überzeugenden Witwenhaftigkeit, in einem Trauerschal aus Kaschmir, ein düsteres Gebäude auf dem Haupt, von Schleiern umflutet. Am Arm hing ihr ein schwarzer Beutel, der ihre Lehrbücher enthielt, wie auch ein Flakon Melissengeist und ein Döschen mit Pastillen – cachou des orateurs. Und sie saß da wie eine weiße, fette, gutgepflegte Made in all dem raschelnden Krepp und hörte lächelnd, aber unbestechlich zu, wie Amsel mit Vokabeln rang, deren sie sich wohl nur selten in Gesprächen bedienen würde, la pelouse und le bocage, le nénuphar, le guéridon und les brises embaumées; oder über den unberechenbaren Seitensprüngen des participe passé nachsann, die der verewigte professeur in einem schmalen, aber inhaltsschweren Bande festgenagelt hatte, dessen Exerzitien Spaziergängen zwischen Fußangeln glichen. Zum Schluß wurde sie mit verdienstvollen, wenn auch keineswegs kurzweiligen Autoren bekannt gemacht, der gefrorenen Langeweile Racines, den Grabreden Bossuets – Madame se meurt, Madame est morte – und den »Conseils à ma fille«, die mit dem Satze schlossen: »et maintenant, chère Sophie, pose ta plume et embrassons nous«; aber auch mit Paul und Virginies träumerischem Dasein auf einem tapetenartigen Hintergrund von Palmen und Papageien, wo die Mütter des Liebespaars, der Lehren Jean Jacques Rousseaus eingedenk, ihre Kinder im Schatten des Brotbaums säugten, und später dann Virginies vorbildliche Schamhaftigkeit sie lieber ertrinken ließ, als sich den rettenden Armen eines nackten Matrosen anzuvertrauen. »Une des plus admirables pages de la littérature française,« sagte Madame Benoît mit Grabesstimme und nahm einen cachou des orateurs, und Amsel dachte: würde wohl auch Madame lieber ertrunken sein, in all dem nassen Krepp oder würde sie ... aber das war nicht auszudenken. Und Tante kam ins Zimmer mit ihrem schleifenden Schritt und sagte: »Gott, sind denn diese vortrefflichen Philister immer noch am Leben? Mit denen wurde ich ja auch schon geplagt.« Wenn es dunkelte, wurde Madame Veuve von Monsieur Jean Claude Benoît junior abgeholt, denn der Vater der Syntax war auch Vater eines einzigen Sohnes gewesen, eines trotz Brille und Bart mädchenhaften Jünglings, der mit einer Neigung zu Bronchialkatarrhen behaftet war. Und ma mère war in tausend Ängsten: »Mon fils, as-tu mis tes mitaines? Et tes Caoutchoucs, et ton cachenez?« Aber er sagte: »Vous« zu ma mère, und überhaupt verkehrten sie mit der ganzen urbanité, wie sie einst dem Hotel Rambouillet zur Zierde gereichte, und nie irrten sie sich im Gebrauch des passé défini oder des noch eindrucksvolleren passé du subjonctif. Ja, der Vater der Syntax konnte zufrieden sein mit seinen Werken.

Wenn sie dann schließlich unter ihren Regenschirmen fortgeschwankt waren, ließ sich Tante in einen Sessel fallen und lachte, lachte, sie konnte nicht aufhören, es klang weich und dunkel und aus ihren zusammengekniffenen Augen flossen Tränen. »Wie eine wahnsinnige Turteltaube,« hatte eine Freundin von ihrem Lachen gesagt; es war ansteckend. Und Amsel sah darin ein neues Vorrecht, wie es einer heißangebeteten Tante und Patin zukam. Sie selbst fand all diese Menschen nur sehr kurios, wie sie in ihrem Leben auftauchten und wieder verschwanden, Silhouetten, in ein Schattenhaus zurück. Nur vor einem hatte sie eine an Abscheu grenzende Angst: eines dieser fremden Wesen könnte sie anrühren oder gar küssen. Denn sie besaß die tiefe, unnahbare Scheu der Ausschließlichen, Leidenschaftlichen. Nein, nur Tante durfte sie küssen. Ganz kalt wurde sie, zur Eisblume erstarrt, wenn die feinen Lippen sie berührten, die schöne Hand über ihr Haar strich. Und sie konnte vor sich hinträumen, Heldentaten ersinnen, Schmerzen und Geduldsproben, die sie für Tante bestehen würde, unerkannt, schweigend, in unbegreiflich süßer Pein.

III