Es war eine schöne Fahrt gewesen, ein letzter milder Tag, wie ein Geschenk über die Erde gekommen. Erst die Allee hinunter an den geschlossenen Gasthäusern, den schlafenden Villen, dann an bescheidenen Wirtschaften, an spielzeugartigen Schweizerhäuschen vorbei. Ein jedes spannte seine kleine Brücke über den seichten, plätschernden Bach, der hier flache grüne Ufer hatte. Dann weiter, am Kloster vorüber, durchs Dorf, immer vom Flüßchen begleitet, das durch die Wiesen schlüpfte, durch Garnbleichen und Sägemühlen. Und nun rechts hinauf, dem Landhaus zu, das einst den russischen Cousinen gehörte, wo das große, sengende Glück ihr Herz getroffen hatte. Tante war ausgestiegen, die paar Stufen hinauf bis an die Gittertür in der Hecke; nun hielt sie sich mit einer Hand am Gitter fest und sah, halb zurückgewendet, noch einmal hinunter in das liebe, nie vergessene Tal.
Dort, im Grund, sandten kleine geduckte Häuser ihren Rauch empor; am Abhang, in den Wiesen, standen Nußbäume, halb entlaubt, Vögelchen schlüpften durch die Hecken, es roch nach Moos und Erde. Im Dunst schien sich alles zusammenzuschmiegen, so bescheiden und liebreich war ihr dies Land noch nie erschienen wie heut in seinen stillen braunen Farben, geduldig den Winter erwartend. Kein lauter Ton, nur das Gurgeln kleiner Rinnsale im Gras, auf denen rote und braune Blätter schwammen.
Auf dem Fahrweg, der sich in weiter Kurve emporwand, waren Radspuren. Damals – wie kamen sie angefahren, die Freunde und die Fremden, zu dem immer fröhlichen Haus, wo sie bei den Cousinen den Sommer verbrachte. Den zweiten. Es waren Jahre vergangen, seit sie zum ersten Male hier gewesen, sie war feiner noch, ja, und auch härter geworden, wie ein gespannter Bogen hart ist; der erste weiche Duft war geschwunden von den Dingen und auch von ihr, und oft lag Erwartung in ihren Zügen, als sei ihr Herz hellhöriger geworden und horche auf irgend etwas, einen Ton, einen Schritt, den Hornruf des Glücks? Und ihr Mund konnte spöttisch sein damals, wenn ihre Augen zuviel gesagt hatten, und trotz aller Leichtlebigkeit war sie ein verschlossener Schrein. Und dann – o wie unabwendbar war das große Glück auf einmal da!
Sie sah hinauf zu den hohen Glastüren des Musikzimmers, aus denen einst Lichterglanz strahlte und Akkorde hinausströmten, all das Unaussprechliche, das nur in Klängen Worte fand. Rosen hatten auf den Tischen gestanden, und zu den Türen herein atmete Jasmin von allen Büschen, aber auf den Wiesen wurde das erste Heu gemacht – Juniduft, unvergeßlicher! Und heute nun stand sie am Gitter, und es war ihr Haus nicht mehr. Der Spätherbst war im Land, aber sie witterte die vergangenen Sommer, sie suchte in der Luft nach den Harmonien, die seine zaubernden Hände, seine nur andeutende Stimme ihr ins Blut, in die Seele gedrängt hatten, bis Tag und Nacht zu einem einzigen, seligen Schlafwandeln geworden, jede Minute voll bis zum Rande. Bis eines Tags der eine Tropfen mehr ihr Herz zum Überfließen brachte. Ein Blick, eine Bewegung ... ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, wie bei der Stelle in ihrer Lieblingssymphonie, wenn die Hörner einsetzen, leise erst und immer drängender, ach unerbittlich in ihrer Süßigkeit; da war nur eins, das dieser tiefen Pein Ruhe geben konnte: Hingabe. Denn wie der Durst nach Wasser, wie das Fieber nach Schlaf, so begehrt Liebe nach Erfüllung. Ihr ganzes Leben wollte sie ihm schenken, alles – und kein Ende; nie wieder hatte sie sich selber angehört.
Aber an das Schwinden ihres Glücks dachte sie heute nicht mehr. Die Ammen streichen Bitteres auf die Brust, um die Kinder zu entwöhnen; so entwöhnt uns Leid und Verlust vom Leben. Aber, Herr Gott, sie hatte doch einmal alles besessen. Gewinnen, verlieren, was sollten die Worte? War er ihr nicht eben nahe gewesen? Nur eine große, hilflose Dankbarkeit erfüllte sie. Einen Augenblick sah sie hinauf und ihre Augen tranken ... tranken. Dann ging sie, ohne sich umzusehen, zum wartenden Wagen zurück.
Am selben Abend ließ sie den alten Badearzt rufen, den sie aus jener Zeit her kannte, der aber sonst nicht mehr praktizierte. Er blieb lange mit ihr allein. Dann bat er um Schreibzeug und setzte ein Telegramm auf. An den berühmten Mann in Heidelberg. Dabei putzte er sich heftig die Nase in ein großes rotseidenes Taschentuch. Er sah über die Brille Amsel lang und zweifelnd an, als wolle er reden. Aber er seufzte nur und ging.
Der berühmte Mann kam und befahl Ruhe, als ob man bisher in einem Vergnügungstaumel gelebt hätte, und abends kam nun Schwester Ludovika und löste Madame Céline ab, die vom Aufsitzen und nächtlichen Kaffeetrinken elend war. Die Schwester war schlank und durchsichtig mit dunkelumwimperten Augen. »Wie Genovefas Hirschkuh,« meinte Tante. »Aber weißt du, Amsel, als Kind besaß ich einen Tintenwischer, der stellte eine Nonne dar, mit einer Menge Flanellröckchen – du verstehst – für die Federn, aber sonst nichts, und da dachte ich eigentlich, daß Nonnen gar keine Beine hätten.«
Sie lachte mit den Augen und wandte den Kopf dem Licht zu; ihr Haar lag schwer und feucht auf den Kissen, im Lampenschein war die Stirne so klar nach den Qualen der Nacht. Als sei sie jünger geworden durch die Schmerzen.
Amsel führte ihr Leben wie sonst, all ihre kleinen Pflichten, viel Warten und Harren. Flüsternde Stimmen legten sich ihr aufs Herz. Da war ein schimmernder Punkt am Ende des finstern Ganges: Hoffnung. Dorthin strebte sie, jeden Tag ein winziger Schritt. Aber manchmal sah sie das ferne Licht nicht mehr.
Heut aber saß Tante endlich wieder im langen Zimmer, wo der Flügel war und das Kamin. Neben ihr die kleine Boulekommode, mit offenen Fächern; da waren so viele zusammengebundene Briefe. Am Nachmittag war Frau Schwämmle dagewesen, hatte köstliche Birnen gebracht und einen großen Busch Herbstastern. Zu solchen Visiten preßte sie sich in ein braunes Kaschmirkleid, und auf dem glatten Scheitel balancierte dann ein kleiner Kapotthut mit schwarzem, nickenden Hafer. »Püh,« sagte sie beim Eintreten und riß die Hutbänder unter dem Doppelkinn auf, denn sie war vollblütig und erzählte mit finsterer Genugtuung, daß alle in ihrer Familie am Schlagfluß stürben. In ihrer Waschküche mußte man sie hantieren sehen, in Wolken von Dampf und Seifenschaum, silberne Schweißtröpfchen auf der Oberlippe, den Niobebusen ausgebreitet in der rosa Kattunjacke, an der viele Knöpfe fehlten. Jedes Jahr kam ein Kind, nicht immer um zu bleiben. »Unser Vatter« war Droschkenkutscher. »Ja, der Deifel isch en Eichhörnle,« sagte sie, wenn sie neuen Zuwachs ankündigte.