Tante hatte ein Briefpaket geöffnet, es stand eine Jahreszahl auf der Hülle, verschiedene Handschriften waren darin. Sie blätterte ein wenig, dann legte sie's auf die Glut; ein Kräuseln, ein Aufflammen – pht ... und nun war es nicht mehr. Und das Herz zog sich ihr zusammen, denn nun erst waren sie ganz tot, die ach so bescheidenen Toten, die nur noch leben vom leisen Atem der Erinnerung. Eigentlich eine Hinrichtung, als ließe man vor der Abreise einen alten Hund erschießen, damit er nicht in gleichgültige Hände falle. Manchmal zögerte sie, glättete die Seiten. Da war der englische Freund, der so resigniert und losgelöst über den Zeitverlust aller Politik, aller Ambitionen redete, der zart und unaufdringlich jeden ihrer Wünsche erriet und erfüllte. Sie hatte sich nichts dabei gedacht: sie ganz jung und leichtherzig, er so viel älter. Seine Fürsorge, seine väterlich-ironische Art: sie hatte alles für Spielerei gehalten. Und nun las sie: »Oh don't be constant, for the fear of losing you is one of your greatest charms« – und begriff (denn das Alter macht auch geistig fernsichtig), warum er die Tür der Ironie immer offengehalten hatte: um sich hinein zu flüchten, weil sie ihn niemals recht verstand.

Hier knisterte der Brief einer alten Freundin, sie auch schon lange tot. Damals wurde viel geredet über eine gemeinsame Bekannte. Aber die alte Dame hatte nie mit eingestimmt: »Je sais qu'on me trouve bien large. Non, je ne veux être que juste et j'ai horreur de la médisance. A part les plaies de Notre Seigneur, auxquelles je crois sans avoir vu, je ne veux rien croire sans voir. Je sais que vous pensez de même, car vous n'écoutez que votre cœur qui est meilleur conseiller que la tête.«

Der Brief flackerte auf, sie öffnete einen anderen. »Maria ist in Rom, sie ist bei den Karmeliterinnen eingetreten. Der allerstrengste Orden. Sie gehen barfuß und dürfen nie, nie wieder heraus. Ihre Augen, ihr Lächeln, ihr entzückender Gang, wir werden sie nie wiedersehen. Warum nur? Zu bereuen hatte sie nichts, wußte ja gar nicht, was Haß und Sünde sind. ›Terra gentile‹, wie die Italiener sagen. Es ist ein Rätsel ...«

Aber in einem anderen Brief war die Lösung. Da stand mit großen eiligen Buchstaben auf vielen kleinen, abgerissenen Blättern, wie man noch rasch ein Abschiedswort kritzelt, wenn das Gepäck schon fort ist und sich nur noch das winzige Notizbuch in der Tasche findet: »Lebewohl und Dank Dir zum letztenmal, Du Einzige, die alles verstehen wird. Immer hatte ich mir gewünscht, einmal zu lieben, ohne geliebt zu werden. O ich Unselige, welch ein wahnsinniger Wunsch. Nun ist er erfüllt und es ist die Hölle ...«

Da waren Briefe alter Diener, Danksagungen für manche geleistete Hilfe. Auch ein armer Tanzlehrer, den sie in seinem Alter und Elend besuchte, schrieb: »Heute danke ich Gott und den Grazien, weil noch einmal die Anmut unter mein armes Dach gekommen ist. Wie gut werde ich diese Nacht schlafen.« Immer wieder fuhren die hungerigen Flammen auf. Nun war nichts mehr übrig. »Amsel,« sagte Tante und ihre Lippen bebten, »das waren lauter gute Menschen. Ich werde sie nie wiedersehen.«

Amsel kroch ganz nah an sie heran, sie legte den Kopf an ihre Schulter, dicht am Hals, und atmete den geliebten Duft, der ein wenig wie Bergamottbirnen war. Dies mit anzusehen war eine große Qual gewesen. Als ob ein Mensch zur Reise rüstet und sein Hündchen steht dabei mit flehenden Augen und weiß ja doch, es wird nicht mitgenommen.

Tante legte die Wange an den kleinen aschblonden Kopf. Armes Kind, es war für sie gesorgt, was man in der Welt darunter versteht. Aber sie mußte durchs dunkle Tor und das Kind würde allein weitergehn. Würde sie ihr sehr fehlen, wenn der erste, scharfe Schmerz vorüber war? Denn sie hatte erlebt, wie sich Wunden schließen, die man für unheilbar hielt, und im Grunde war sie sehr bescheiden, was sie selbst betraf: warum sollte gerade ich unentbehrlich sein? Aber so recht hatte sie das Kind doch nie verstanden, denn zwei Schamhafte hören oft aneinander vorbei, gerade weil sie dieselbe Sprache sprechen.

Ihre Gedanken gingen wieder zu der schönen Marie, die so sehr geliebt worden war, und doch ... was war ihr Leben gewesen? Und plötzlich fing sie zu singen an, sang hin zu ihr, die doch unerreichbar war, mit der lieben atemlosen Stimme, in der man das arme, arbeitende Herz keuchen hörte:

»La notte tutti dormono,
Io non dormo mai ...«

Ihre Farbe kam und ging, ihre Augen standen voll Tränen. Aber Amsel lag wie ein Vogel unter Mutterflügeln; sie horchte auf den geliebten Klang, die fremden Worte verstand sie nicht.