| »I quarti d'ora suonano |
| Le una, le due, le tre ... |
| Ti voglio bene assai, |
| Ma tu non pensi a me ...« |
So viele Nächte hatte sie nur halb geschlafen, die Angst im Herzen, sie könnte gerufen werden; aber nun kam der Schlaf – unwiderstehlich. Und Tante lächelte, wie der aschblonde Kopf immer schwerer wurde und hinunter glitt auf ihren Schoß.
Die Uhr tickte deutlich in der Stille, sie hatte es eilig mit ihrer Aufgabe. Und die Rosen dufteten. Schöne, gütige Blumen, wenn sie starben, erblühten neue, aber niemals dieselben. Warum sollte ich weiterleben, dachte sie, habe ich das ewige Leben mehr verdient als eine Rose? Aber wer konnte Recht sprechen, auch über sich selbst? Und alle Schuld war doch Strafe zugleich, es ging gerechter her, als man dachte. Etwas Hartes, Häßliches getan zu haben, das mußte wohl sein wie ein heimliches Gebrechen, wie wenn schöne Frauen häßliche Füße haben: es läßt sie nicht froh werden. Hatte sie auch Häßliches und Hartes getan oder gedacht in ihrem Leben? Es war wohl ihre große Müdigkeit, sie konnte sich durchaus an nichts Böses erinnern, nicht an solches, das ihr andere zugefügt, nicht an solches, das andere um ihretwillen erlitten. Neben ihr lag ein abgegriffenes Gebetbuch, Maries letztes Geschenk; ohne ein Wort dazu war es aus Rom geschickt worden, denn auch das hatte sie nicht besitzen dürfen. Da war ein Gebet, es schien ihr soviel menschlicher als alle anderen, das Buch öffnete sich von selbst an dieser Stelle, und sie las die leicht unterstrichenen Zeilen:
»O Marie, mère si heureuse dans le Ciel, n'oubliez pas les tristesses de la terre. Ayez pitié de ceux qui s'aiment et que Dieu a séparés. Ayez pitié de l'isolement du c[oe]ur, si plein d'abattement et même de terreur.« Und etwas weiter: »Ayez pitié de ceux que nous aimons, o Marie, ayez pitié de ceux qui s'aiment, de ceux qui ne savent pas se faire aimer.« Ja das, das mußte das Bitterste sein: qui ne savent pas se faire aimer. Aber für sie waren diese Worte nicht geschrieben; eins war gewiß, sie hatte grenzenlos geliebt und sie war heiß geliebt worden. Und als es dann zu Ende ging ... Wenn der Sommer zu Ende geht, nennt man ihn darum einen Verräter? ... Und nun kam anderes; etwas Großes, Fremdes tat sich auf, es wehte kühl. Schleier fielen auf die Dinge und sie konnte nicht mehr greifen und halten; nur noch das Aller-Allernächste war zu erkennen.
Ihr Blick ging langsam von einem zum anderen, über ihr Klavier, über die Bilder und das Glas mit den Rosen, wie sie standen und dufteten. Und ihr schien, als ginge sie selbst, unbeholfen und schon fremd geworden durch die bekannten Räume, mühsam Dinge beim Namen nennend, an denen doch ihr Herz nicht mehr hing.
Die Waldschenke
Von der Brincken unterschrieb sie sich und Freifrau war sie, wenn auch nur linkshändig und in Gebundenheit. Der rotköpfige Wirt zog heute noch demütig die Zipfelmütze vor ihr, aber wie sie hinaufstieg zu den kleinen schattigen Terrassen der Waldschenke, kam ihr mit dem Erinnern an die anderen Male, da sie die morschen Holzstufen unter den Füßen gespürt hatte, auch dieser Augenblick vor wie etwas schon Erlebtes, etwas, das abgetan ist und nur dumpf wehe tut, als würde einem auf den eingeschlafenen Fuß getreten. Aber die lange Disziplin, die Gewohnheit erwiesener und empfangener Höflichkeit half ihr das Treppchen hinauf.
Unter den düstergrünen Linden und Kastanien war es finster, und der Wirt brachte Windlichter und stellte sie auf die graue Holztafel. Unter ihr auf einer niederen Terrasse spielten drei Männer Karten, ein vierter stand angelehnt, die Pfeife im Mund, und sah zu; das Licht huschte über ihre harten, feinen Bauernköpfe und die Stimmen drangen ab und zu herauf. Sie hatte den dunklen Reisemantel zurückgeschlagen und stützte das Kinn in die schmale, magere Hand. Der breitrandige Federhut warf Schatten über Augen, die sich hochzogen, als spotteten sie der eigenen Tränen. Es war doch merkwürdig, die erste zu sein bei einem Stelldichein, sie, die sonst nie gewartet hatte; aber was lernt ein Mensch nicht alles!
Doch nun kam der Prinz, links, vom Walde her, wo das Forsthaus lag, in welchem er abstieg. Mit federndem Schritt und der etwas übertriebenen Bonhomie im Ausdruck seines jungen, verlebten Gesichts, mit den hellen, schräggestellten Augen, hatte er etwas von einem eleganten jungen Kater, der auf allen Dächern Bescheid weiß. Frau von Brincken erhob sich. Er wurde sehr rot und sagte: »Ich bitte dich.« Aber die kleine Formalität tat ihr wohl; sie liebte es, auch das eigentlich Unkorrekte durch ein gewisses Dekorum einzuhegen, abzusondern von den übrigen, landläufigen Unkorrektheiten. Er küßte ihre Hand, sagte ein paar liebenswürdige Worte über ihr Aussehen, die sie ohne Enthusiasmus entgegennahm, und lehnte sich zurück, die Hand in der Hüfte, die schlanke Lässigkeit unterstreichend, die ihm durch unzählige Porträte und Photographien beinahe zur Pflicht gemacht wurde. Der Wirt kam eilfertig mit eiskaltem Landwein und Kuchen. Sie nippte, er stürzte zwei Gläser hinunter. Warum ist keine Musik? dachte Frau von Brincken, es ist ja doch Theater, die Terrasse, der Wirt – basso buffo – die Statisten ... gleich werden wir aufstehen und unser großes Duett singen, Opfer und Entsagung, schmelzend, aber con bravura ...
Sie sprachen. Er mit forciertem Ungestüm, mit Selbstanklage, die aber doch dem Schicksal, das sich ja nicht verteidigen kann, die Hauptschuld zuschob; Mitleid und Besorgnis um ihr ferneres Ergehen in jedem Ton. Immer wieder der tadellose Kater, leichtsinnig, oberflächlich, wenn man wollte, aber doch im geheimsten Winkel seines Bewußtseins: der tadellose. Frau von Brincken fühlte, wie sich ganz leise der Gram von ihr löste, ohne daß sie selber etwas dazu tat, und diese Operation war nicht unangenehm, wenn auch mit einem leichten Frostgefühl verbunden. Mein Gott, waren es denn Kleinodien gewesen oder Glasscherben, die sie so lange, so angstvoll gehütet? War ihr Schicksal eines der vielen, unfertigen, die der Triebsand des Lebens einschluckt, arme, verirrte Reisende, deren protestierende Armbewegung aufwärts wie ein anklagender Wegweiser die Verräterei des Bodens verkündete? Und nun saßen sie hier und lächelten einander zu, und es war, als wenn man mit einem Stückchen Brot im abgestandenen Champagner rührt, um ihn noch einmal zum Moussieren zu bringen. Frau von Brincken sah das wohl mit ihren klargeweinten Augen, in diesem zweiten, beinahe reizvollen Stadium der Enttäuschung, wenn sich die Seele in zwei Hälften teilt und die eine leidet und die andere zusieht. Bei jungen Menschen kann das ein Vorfrühling sein. Der Schmerz hat die Seele gelockert, Neues kann keimen und aufgehen und bringt vollkommene Befreiung, erneuert das Herz nicht nur, sondern auch den Geist. Aber sie dachte heute nur an Frieden. Wie gut würde Ruhe tun, nachdem sie so lange gekämpft hatte. Wie anstrengend war es doch oft gewesen; so mußte den armen Teerosen zumute sein in den großen Tafelaufsätzen, alle hatten sie einen Draht durchs Herz gezogen ...