Er ahnte wohl ihre Gedanken. Und nun war es fast, als sei er der Verstoßene, als schritte sie, einsam und erlesen, von dannen, einem Leben entgegen, an das er kein Recht mehr haben würde.

»Unsere liebe alte Waldschenke,« sagte er und seufzte. Er hatte eine Vorliebe für die maßvolle Architektur jenes ausklingenden Jahrhunderts der Jabots und der Zöpfe. Teilweise wohl aus Widerspruch, weil er bei so vielen Enthüllungen fürchterlicher Denkmäler, bei so vielen Einweihungen prunkvoller Theater und Kirchen zugegen sein und lobende Worte sprechen mußte, war ihm gerade diese Bauart sympathisch, deren stilles Behagen, deren karger Zierat uns überkommt wie Resedaduft, mit leisem, schwermütigem Wohlgefühl. Das Haus hatte bessere Tage gekannt, sanft angelehnt am waldigen Hügel. Die schöngegliederte Tür, die leichten, halbverwischten Ornamente der Fenstereinfassungen, das zartsilberne Schindeldach, alles redete von einer Zeit, da zierliche Behäbigkeit der Form auch das Alltägliche erlesen machte. Heute standen Planwagen aufgereiht im weiten Hof, Fässer waren im Torweg aufgestapelt, und vor der Einfahrt tranken schwere Pferde gierig am Brunnentrog. Der Prinz neigte sich vor: »Durstige Tiere trinken zu sehen, ist doch eine Wonne,« sagte er. Frau von Brincken fühlte einen kleinen, süßen Stich ins Herz, und ihre Augen wurden groß wie von aufsteigenden Quellen. »Ich will immer an Sie denken, Ludwig, wie Sie eben den durstigen Pferden zusahen,« sagte sie. »Es gibt viel Durstige – vergessen Sie's nicht. Ihre Hand weiß so schön zu geben, und am meisten habe ich doch wohl Ihre Hände geliebt, damals – ihr Mund bebte ein wenig – als wir die erste schöne Reise machten und am Abend der Korb auf dem Tisch stand mit den herrlichsten, kostbarsten Pfirsichen und Trauben aus Eurer Hoheit Treibhäusern. Wir konnten es kaum erwarten, waren so heiß und durstig von der langen Fahrt. Aber da kamen die Bettler. Ja, Ludwig, und da nahmen Sie den Korb, die Pfirsiche, die Trauben, und schenkten alles, alles an die armen Kinder, behielten nichts zurück, auch für mich nichts, und gerade das, Ludwig ...« Sie wandte sich zur Seite, ihre Augen brannten. »Engel, es war ja deine Hand, die mich das Geben lehrte,« sagte er und war wieder ganz geschmeidiger Kater, »diese reizende Hand, die ich nicht festhalten kann. Aber wenn du mir schreibst, mit unserm lieben kleinen Sternensiegel, da kannst du sicher sein, daß mein dankbares Herz deinen leisesten Wunsch hören wird, bis in die fernsten Zeiten« ... Fast hätte er gesagt »das walte Gott«, denn er war es gewohnt, diese Schlußfloskel ziemlich wahllos anzubringen; aber da war auf einmal etwas in ihrem ferngerichteten Blick, das ihn ernüchterte.

»Es sind nicht einzelne Wünsche, die ich hegte,« sagte sie, und ihre Stimme klang blechern und müde ... »ich hatte Größeres erhofft ... Aber Euer Hoheit Leben ist noch lang, es werden so viel Kreuzwege kommen ... oh, vergiß nicht die durstigen Pferde,« und sie nannte ihn wieder beim Namen.

Es waren ein paar feine Fältchen an ihrem Munde, und er sah sie genau. Sie war ihm rührend wie ein kostbares Porzellanfigürchen, das immer noch mit zierlicher Grandezza zum Tanz schreitet, und hat doch leider schon so manchen feinen Sprung in der Glasur. Und diese unausbleiblichen kleinen Standreden ... nun ja, das war ganz natürlich; erst das Lyrische, und dann wird die Dame didaktisch. Er wollte sich gewiß nicht mit Goethe vergleichen, der ihm überhaupt vorkam wie ein Menschenfresser mit Orden ... aber er mußte seit einiger Zeit häufig an Frau von Stein denken. Es war eben der Altersunterschied; was konnten sie beide dafür! Es war alles bezaubernd gewesen – war es eigentlich noch. Aber eine Unterbrechung ... nun, und was an ihm lag, nichts Definitives, setzte er, zur eigenen Beruhigung, wie ein kleines Pflaster obendrauf.

Der Wind fuhr durch die Lindenwipfel; schmalgeschweifte Samenhülsen segelten herab, sich emsig drehend wie kleine Propeller.

»Sonnenwende,« sagte Frau von Brincken, »das ist eigentlich die schwermütigste Jahreszeit. Der Herbst ist noch nicht da mit seinen Farben, seiner frischen Nebelluft, aber die Bäume sind es müde geworden, grün zu sein. Das war mir als Kind schon die traurigste Zeit, viel ärger als der November, den viele so melancholisch finden.«

»Sei froh,« sagte er und dehnte sich hintenüber in seiner weidenschlanken Länge, »daß dir so etwas wie der Wechsel der Jahreszeit überhaupt damals zum Bewußtsein kam. Unsereiner steckt in solchem Drill, daß er das alles nur empfindet wie ein Schauspieler die veränderte Dekoration; einmal ist es Schneelandschaft, ein andermal Frühlingswald, aber Schneeballen kann man nicht daraus machen und die Rosen sind nur gemalt; er darf seinen Spruch hersagen und damit basta. Das Beste noch war die Jagd, nicht die großen Hofjagden, nein, allein, oder mit zwei, drei Kameraden, und abends dann die gute Müdigkeit am glimmenden Kamin, wo die Hunde liegen und im Traum bellen, man raucht seine Shagpfeife, und mein wackerer alter Buschmann erzählt Jagdgeschichten ... Rita, einmal waren Sie auch dabei, und nun, wirklich, niemals wieder?« Sie sah vor sich hin, unter ihren Augen zuckte es ein wenig: Glimmender Kamin, wackerer Buschmann, er hat nun einmal Redewendungen wie aus einem Schulaufsatz. Darum war's mir immer so peinlich, wenn er schrieb. Seltsam, diese Ausdrucksweise, und dabei dieser unfehlbare Geschmack in der Wahl seiner Kleidung, er käme sich degradiert vor, wenn er sich in der Farbe der Krawatte geirrt hätte ... Dann wurde ihr Blick weich. »Wenn Sie es irgend vermeiden können,« sagte sie, »so enttäuschen Sie niemand. Es ist ja wohl nicht immer zu vermeiden, aber man sollte es versuchen. Sie gehen oft mit Ungestüm auf eine Sache los, dann aber ist sie doch komplizierter, als Sie dachten, oder Sie meinen, Sie seien auf Undank und Ungerechtigkeit gestoßen, wo es oft nur Ungeschick ist ... dann lassen Sie's fallen. Denn es gibt ein Wort, das kennen Sie nicht: Geduld. Es ist auch nicht von Ihnen zu verlangen. Die Weltgeschichte wurde Ihnen von Hoflieferanten serviert und die Gegenwart ist Ihnen ein Schaufenster, und da liegt alles schön aufgebaut und ist alles zu haben.« Er lächelte mühsam, denn er dachte an Dinge, die gerade für ihn und seinesgleichen unerreichbar waren. Er hatte eine kleine Schwester gehabt, die hätte so schrecklich gern einmal in der Hundehütte geschlafen, aber das litt die Erzieherin nicht, und die kleine Prinzeß war gestorben, ohne ihren Herzenswunsch erfüllt zu haben. Ja, und er hatte wieder andere unerfüllbare Wünsche. Nun, wer weiß, hätte er sie erlangt, wären sie wohl bald ihres Reizes verlustig geworden. Immerhin, da war so manches, das fernab glitzerte ... jenseits, er würde es nie besitzen.

»Ich habe als Kind eine Enttäuschung erlebt,« fuhr sie fort, »eigentlich eine Kinderei; aber noch heute, wenn ich Faulbaum rieche, kommt es über mich, dies Gefühl der Erwartung, des felsenfesten Vertrauens – und dann auf einmal nichts, eine Leere, ach, ein Verratensein ...«

»Wie ging das zu?« frug der Prinz, der Frau von Brincken gegenüber immer Interesse zur Schau trug, wenn auch manchmal gerade die Eigenschaft, die sie ihm absprach, dazu nötig war.

»Das ging so zu,« sagte sie und sah vor sich hin, und die Erinnerung an diese erste Bitterkeit des Lebens stand auf wie eine graue, beklemmende Wolke; »wir schwärmten dort in der kleinen Residenz alle für die Schauspielerin Weiß. Sie gab das Gretchen und Klärchen, aber auch die Königin im Don Carlos und feine Salonrollen, wo sie in entzückenden Toiletten traurige und edle Schicksale verkörperte. Wir Schulmädchen hingen ihr Maiblumenkränze an die Tür, eine ganz Mutige warf ihr sogar Rosen ins offene Parterrefenster, und wenn wir ihr auf der Straße begegneten, hatten wir Herzklopfen. Sie wußte das und fand es wohl recht abgeschmackt, aber sie lächelte freundlich, wenn wir sie grüßten, und schickte uns bisweilen Freibilletts; wir kleinen Beamtentöchter kamen ja sonst nicht oft ins Hoftheater. Schließlich lernte ich sie in einem kunstfrohen Malerhause kennen. Diese Malersfamilie machte im Frühling mit ihren Freunden Landpartien in den herzoglichen Wildpark, es waren lauter junge Leute, Maler und Malerinnen, aber auch Musiker, Polytechniker, Schauspieler. An jenem Tage war Marie Weiß dabei. Es war so ein richtiger Maitag, in den Gärten und auf den Wegen, die zum Wald gingen, blühte der Faulbaum, oh, es war betäubend, und drinnen im Wald in dem dürren heißen Laub standen die großen, duftlosen Hundsveilchen, die anderen waren schon vorüber; und über Bahndämme kamen wir, wie goldene Straßen, das war der Ginster – und überall Zitronenfalter ... Marie Weiß sprach mit mir; sie ginge nun in Urlaub, und sie wüßte nicht, ob sie im Herbst wiederkehren würde. Das Herz wurde mir wie Blei, was sollte mir das Leben, die Stadt, meine Lehrer und Beschäftigungen, wenn dahinter nicht mehr Marie Weiß stand? Sie frug mich, wo ich den Sommer über sei, ich sagte es ihr, bei einer Tante, die ein Gütchen im Schwarzwald hatte, nicht weit von Bühringen. »Nun,« sagte sie, »so um den 20. August herum muß ich nach Bühringen; ich bin ja dort geboren, ich brauche allerhand Papiere. Wer weiß, vielleicht treffen wir uns?« Sie sah mich so warm und lachend an, sie hatte einen wunderschönen großen Mund und grüne Augen mit braunen Fleckchen drin, es gibt einen Stein, Moosachat, so ähnlich, und ihr dunkles Haar war so reizvoll angewachsen ... Ihr Männer ahnt ja nichts von der Hingabe, mit der ein junges, einsames Ding eine berühmte, selbständige Frau anbeten kann; man atmet kaum, wie in der Messe, wenn eben die Kerzen angezündet werden, ja, man denkt sich aus, was man alles für die Angebetete leiden möchte, Nesseln pflücken, was weiß ich für Unsinn. Aber ich langweile Sie ...« unterbrach sich Frau von Brincken.