»Nein, nein, sprich weiter,« sagte der Prinz, der an anderes gedacht hatte, aber ihre weiche Stimme mit dem leisen südlichen Klang in sich einsickern ließ wie ein angenehmes Akkompagnement. Sie merkte es wohl, aber sie redete weiter, mehr für sich als für ihn. »Bühringen ist eine kleine Stadt, vom Hof meiner Tante sind es drei Stunden zu gehen. Am 19. heuchelte ich schreckliches Zahnweh und erhielt die Erlaubnis, nach der Stadt zu fahren. Es war ein heißer, luftloser Spätsommer, dieselbe Zeit wie jetzt, darum fällt mir's wohl alles wieder ein. Ich war drei Tage in Bühringen; am dritten Tag ging ich zurück; Marie Weiß war nicht gekommen. Aber diese drei Tage werd' ich nie vergessen, sie waren so beklemmend erst und dann so erstickend trostlos, daß sie mich wohl für mein ganzes Leben gefeit haben, und dafür muß ich heut vielleicht dankbar sein.«
Der Prinz sah rasch zu ihr hinüber. Bis dahin war's ihm vorgekommen, als läse sie ihm irgendein Feuilleton vor, es gab jetzt oft solch verschwommenes, abschattiertes Zeug, lauter Beschreibungen, und meist traurig, man wußte nie recht warum; er las eine gute Detektivgeschichte lieber, oder sonst Geschichtliches, woraus man ersah, daß es vorwärts ging in der Welt ... Aber eben war ein Ton in ihrer Stimme, der ihm wehtat: »Liebe, liebe Rita,« sagte er bewegt, »erzähle mir nur alles, ich kann das nachfühlen; meine Jugendzeit hatte auch ihre dornigen Seiten.«
»Hoheit sind gewiß niemals an einem heißen Augustnachmittag in kleinstädtischen Anlagen gewesen – ja, wie kämen Sie auch dorthin! So zwischen fünf und sechs, wenn es ganz windstill ist. Da sitzen dann so kleine, alte Dämchen und häkeln, die Spatzen schlafen in den Büschen, und auf die Wege fallen die ersten welken Blätter – so wie hier ... Dort war ein Bassin, ein längliches Viereck, wo große Goldfische wie fette Mohrrüben schwammen, und ein paar Schüler mit roten Mützen spielten gelangweilt Verstecken hinter den Büschen und der Riesenbüste des Landesvaters, die den Teich übersah; wenn ich nicht irre, ein Großoheim Eurer Hoheit, ob seiner Gerechtigkeit und Leutseligkeit bewundert und geliebt; er konnte einem leid tun, wie er da immerzu lächeln mußte in der heißen Sonne, als träumte er von Veteranenfeiern und Bürgermeistern und könnte zu keinem richtigen Nickerchen kommen.«
»Rita, Sie sind goldig,« sagte der Prinz und wollte ihre Hand küssen; wenn sie sich – es war leider selten – über seine Angehörigen lustig machte, kam sie ihm gleich menschlich so viel näher.
»Ach nein, nein,« sagte sie, »die Verzweiflung kommt wieder über mich. Hoheit ahnen nicht, wie man noch in der Erinnerung zusammenschrumpft, wie man manche Orte, manchen Blumenduft meidet, als säßen Mörder darin, die nur warten, um einem ins Herz zu stoßen. Zwei ganze Tage war ich in Bühringen, ging die Hauptstraße mit ihrem Kanal zwischen großen, staubigen Kastanienbäumen hin und her, saß in der Konditorei, wo es Limonade gab und Kuchen unter Glasglocken, wie Reliquien. Dahinter führte eine kleine Brücke in den Stadtgarten, und immer wieder, zwischen den Zügen, ging ich hin, und war mir anfangs beklommen zumute, so war's mir schließlich unerträglich, und doch mit einem Stich ins Komische. Ich saß dort wie verhext. Alte Herren mit fetten, asthmatischen Hunden kamen an mir vorbei, sie standen in der prallen Sonne und redeten über Steuern und Gemeindesachen, und Euer Hoheit hochseliger Oheim lächelte geduldig zwischen den Buchsbäumen rechts und links, und die Goldfische schliefen im Bassin. In einem Gasthaus in der inneren Stadt war Kaninchenausstellung, dahin ging ich den letzten Tag; ich war immer ein Tiernarr; darum wünschte ich, ich wäre nicht dort gewesen. Es war ein häßlicher Backsteinbau, und überall roch es nach schalem Bier. Droben, in einem dunkelgetäfelten Saal mit altdeutschen Trinksprüchen stand Käfig an Käfig. Sie hatten's viel zu eng, sie saßen in die Winkel gedrückt mit erschrockenen Augen, es war schmutzig in ihren Ställen. Menschen kamen und gingen, die die guten weichen Tiere herausnahmen und wogen und ihnen Zigarrenrauch in die Augen bliesen, man sah die Herzchen klopfen ... ich war dicht am Weinen und ging fort. Ja, und da hatte die Tante geschrieben, wo ich denn bliebe, und da mochte ich ihr nichts weiter vorlügen; so eine tüchtige Lüge, einmal, wenn's sein muß, gut, aber immer wieder, das ist so läppisch. Ich stand am offenen Fenster und packte meine Sachen zusammen; vor der Haustür sprach der Wirt mit einem anderen Mann, und da hörte ich, Marie Weiß sei schon vor vierzehn Tagen hier gewesen beim Bürgermeister, um Papiere zu holen, sie würde heiraten, einen hohen Offizier, der ihr schon lange nahe gestanden. Er hat ja dann auch den Abschied genommen, und sie sind sehr glücklich zusammen gewesen ... sie hatten einen kleinen Jungen ... Ja, da stand ich am Fenster. Dann bin ich zu Fuß heimgegangen, und wie ich über die Höhe kam und die Sterne wachten auf und von den Wiesen kam solch frischer Hauch – da war's, als ob etwas von mir abfiel, und ich sagte mir, es war zum Sterben, aber ich glaube, nun ist's vorbei ... Aber bisweilen kommt es noch so über mich.«
Sie streichelte seine große, schlanke Hand, und dann tat sie einen guten Zug aus ihrem Glase. »All die Länder, wo man offenen Wein trinkt,« sagte sie, »sollten doch von Rechts wegen gut Freund sein miteinander.«
»Stimmt leider nicht –« sagte er, »aber man könnte es in Erwägung ziehen. Völkerbündnisse, je nach Nahrungsmitteln sortiert ....«
Sie trank noch einmal. »So,« sagte sie, »der Wein war gut, und nun ist er zu Ende. Nun aber bleiben Sie hier, Ludwig; mein Wagen hält unten beim Kapellchen. Sehen Sie mir nach, ich werde geradeaus marschieren, wie kein Leibgrenadier es besser kann. Was Tenue betrifft, da kann ich mitreden.«
»Nein, laß mich dich zum Wagen geleiten, Rita, und sprich nicht so – ja, wie soll ich sagen – höhnisch; du brichst mir das Herz.«
»Ach Gott, von Hohn ist keine Rede,« sagte sie. »Wir sind beide betrübte Leute, die ein Einsehen haben. Und glaube mir, il tempo è galantuomo, du wirst es verwinden und sollst es auch, laß mich nicht in einem grämlichen Schleier in deiner Erinnerung stehen. Und habe Dank für alles – hörst du – für alles ...«