Sie nahm seine Hand und legte die Wange für einen Augenblick hinein, so eine Sekunde nur, da war sie wieder jung – wie ein Kätzchen jung ist, jung wie damals, ganz am Anfang, als er sie noch Henrietterl nannte ... dann sah sie sich um, aufmerksam; hierher kehrte sie nie zurück. Und seltsam, es tat eigentlich nicht weh, nur kühl, kühl war alles. Sie merkte, daß sie schon draußen stand im Zuschauerraum, die kleine leere Bühne verlassen hatte. Ach, schenkte das Leben vielleicht ganz heimlich, gerade dann, wenn es nahm? Oder hatte sie zu sehr geliebt, daß es ihr an Kraft zum Schmerz gebrach? Wann würde sie's wissen? Abschied, Opfer, höhere Pflicht ... sonderbare Worte. In der Brust ein toter Fleck, und hier, was blieb zurück? Ein paar verkohlte Zigaretten, ein kleines zertretenes Taschentuch. Und nun kam der Wirt, die Gläser wegzutragen, die Windlichter auszulöschen, und morgen sitzen andere Gäste am Tisch, mit leichten oder schweren Herzen; was weiß ein Mensch vom andern!
Die Verirrten
Das ausgeweidete Reh hing mit verglasten Augen vom Balken herab, von seiner Zunge troff langsam ein schwarzer Tropfen auf den Lehmboden nieder.
Nachdem die Frau des wilden Mannes es mit Wacholderreisern ausgelegt hatte, wandte sie sich, zum Brunnen zu gehen. Da liefen ihre kleinen Töchter auseinander, die in der braunen Dämmerung der Tür gestanden hatten, vom Blutduft angelockt.
Aber eine saß auf dem Brunnenrand im letzten Abendglast. An ihren baumelnden Füßen hatte sie runde Schuhchen aus Baumrinde, mit bunten Wollbändern um die Beine verschnürt.
»Geh heim, Bärhild,« sagte die Frau, »die Abendkost steht auf dem Tisch.«
Das Mädchen grinste. Ihre hellen Augen standen ein wenig schräg, wie bei Katzen. Um den Hals hatte sie ihren zahmen Marder gelegt, man wußte nicht, wer von beiden spitzere Zähne hatte; sonst aber ähnelten sie einander nicht, die Kleine breit und stämmig, mit kurzem sehnigen Hals, mit kurzer, zerzauster Mähne, rotblond wie alle Töchter des wilden Mannes.
»Jetzt geh ich Schlingen legen,« sagte sie mit rauher Knabenstimme und schlüpfte davon.
Die Frau seufzte und bückte sich zu den Blumentöpfen, die beim Brunnen standen und einsam dufteten in die Abendstille hinein. Sie beugte sich über den Brunnenrand und sah hinunter in die Finsternis. An den schleimigen Wänden wuchsen Farn und Moose, nur selten kam ein Lichtstrahl und glitzerte sie wach. Hinter ihr lag das Haus gekauert zwischen Weiden und Erlen; wohin man trat, gab die schwarze, schwammige Erde nach; im ersten Frühling, wenn alles voll gelbstäubender Kätzchen war, drängten sich die großen, breitblättrigen Dotterblumen in den Sümpfen zwischen den Erlenwurzeln; jetzt waren die Gräben blau von Vergißmeinnicht. Die Frau verstand schöne, feste Kränzchen daraus zu binden und hätte sie gern ihren kleinen Töchtern aufgesetzt, die aber hatten sie abgeschüttelt mit Geschrei. Sie wollten nichts auf ihren wilden Mähnen dulden, nur manchmal setzten sie die Kupferreifen auf, die der wilde Mann ihnen mitgebracht, fremde Schmiedearbeit aus Norden, wunderliche Zeichen drin eingesetzt, sahen aus wie Beile und Galgen.
Ja, wie kam sie zu diesen Wildkatzen, die mit spitzen Zähnchen zur Welt gekommen, ihr die Brust zerbissen und ihr Blut getrunken hatten; man hatte sie den zottigen Stuten anlegen müssen, die sie mit Stampfen und Schlagen in Ordnung hielten; und von der wilden Milch waren sie stark geworden. Nun fingen sie sich die Fohlen, ihre Milchbrüder, ein und trabten auf ihnen durch Weidengebüsch und seichtes Gewässer und über den toten weißen Sand.