Wie anders sah die Erde hier aus als dort, wo sie daheim war. Hier Busch und Binsen, düsterer Erlenwald, wo das Wasser zwischen den geschwärzten Silberstämmen gluckerte und man die schmalen Dämme kennen mußte, um nicht zu versinken. Man konnte sich verkriechen und war doch preisgegeben dem Regen, der Schwüle, den Mückenschwärmen im Dunst. Und weiter, da hörte auch das niedere Gebüsch auf, die Erde wurde karg und steinig, wilde Schafe mit bösen, schwarzen Fratzen schrien in den Wind. Dort begannen die großen, verlassenen Steinbrüche mit ihren Höhlen und Labyrinthen, ihrem schräg geschichteten Stein, als hätten Riesen sich große Stücke herausgeschnitten; Wacholder und Berberitzen wucherten in den Narben. Dort war die Welt zu Ende, weiter wußte sie den Weg nicht; da war ein strenges Verbot, und niemand, der das Geheimnis nicht kannte, hätte aus dem Irrsal heimgefunden. Als Warnung dienten noch die Knochen des Trödlers, der es gewagt hatte, und die betrunkenen Hochzeitsgäste, die auf eine Wette hin, um abzukürzen, den Weg genommen, sie hatten dasselbe Los gehabt.

Daheim, bei ihr, im Hochwald, schlüpfte die Sonne durch das Wipfeldach und streichelte den roten Pelz der Eichkatzen, die großen Bäume waren ihr Freunde gewesen, wie Helden stiegen die Stämme aus der rostigen Blätterdecke. Da war alles redlich. Und ihr Vater, der haßte die Fallen und Schlingen. Ein Pfeil ins Herz, ja, das konnte dem freien Wild recht sein, und die Mütter und Kinder blieben geschont; aber es gab kein Quälen mit zerschmetterten Läufen, kein Würgen und Zerren, keine Todesangst mit blutender, flatternder Schwinge. Der Vater! Wie silberweiß war sein Bart, wie scharf sein dunkles Auge, wie gut hatte er's immer gemeint.

Die Frau sog die Luft ein; es ging ein süßes Duften über den Geruch der Sümpfe, der Gräben voll braunen, faulenden Erlenlaubs dahin. Da hatte wohl irgendwo ein Jasminstrauch seine weißen Blumen aufgetan. Und der Duft tat ihr weh; denn so hatte der Strauch am Jägerhäuschen geduftet, an jenem Tage, als der Jäger nicht heimkam; als wolle er ihr helfen, ihr etwas sagen mit seinem Düften: Sie saß den halben Tag dort und sah ihn versinken im Dämmergrau und wieder auferstehen im weißen, traurigen Mondlicht. Aber der Vater kehrte nicht zurück. Da brach sie sich einen blühenden Zweig ab und ging in den großen unbekannten Wald.

Erst war sie mit schweren Füßen, mit schwerem Herzen gegangen, aber um sie her all das Summen und Säuseln machte ihr auch den Kummer zum Traum. Es ging sich so sacht über das tote braune Laub, gefleckte Salamander saßen unter den moosgrünen Steinen wie in Märchenhöhlen, und die Sonne glitt an den geraden Buchenstämmen hinab wie einer Mutter Lächeln über wohlgeschaffene Söhne. Dann, im Tannenwald, war's noch stiller, Bernsteintropfen glühten an den rissigen Rinden, und die Wipfel waren reglos. Aber das Schönste war der Abhang, wo die Holzfäller ihr Werk getan; da kam der Fingerhut zu seinem Recht; in Völkern stand er zwischen den Baumstümpfen und öffnete den warmen Samtschlund der Sonne und den Bienen. Und die Stechpalme wucherte und die wilde Himbeere warf die Arme aus nach dem Geißblatt, und das war so voll Süßigkeit, kein Bienchen konnte dran vorüber. Dort war sie lange gewesen, die Hände um die Kniee gespannt, der Berghang ihre Lehne, das Erdbeerkraut ihr Teppich; unter ihr die Wiesen lagen im Dunst, und aus dem Wald läutete der Kuckuck tief und eindringlich, und weil sonst alles still war, ging sie seiner Stimme nach.

Wie dann der Abend kam, stand sie in einer Lichtung; da war ein Teich und spiegelte schwarze Binsen im gelben Widerschein, Libellen standen in der Luft mit gläsernen Glotzaugen, das feine Waldgras nickte, die Hummeln lagen, vom Tau verklebt, in der Disteln seidenem Schoß. Da legte auch sie sich hin auf ihr Bündelchen, und hinter ihr öffnete der schwarze Wald seine Hallen.

Trapp, trapp, kamen die wilden Männer geritten, weich schlugen die Hufe auf den federnden Waldboden; als sie die Augen auftat, traten sie in die Lichtung mit finsterroten Gesichtern im Abendlicht. Stumm und gewaltig ritten sie an ihr vorbei, mit harten Stirnen und harten Lippen, leise klirrend die Speere und eisenbeschlagenen Knüttel. Aber der zuletzt ritt, hielt bei ihr an und streckte die Hand aus. Da streckte auch sie ihre kleine Hand empor, und es rieselte ihr durch den Arm bis ins Herz. Und der Wald summte um sie her. Da zog er sie hoch und aufs Pferd und nahm sie an sich ...

Die Frau beugte sich tiefer über den Brunnen. Da unten wohnte die Brunnenfrau, dort ging sie auf goldenen Wiesen mit ihrem kleinen silbernen Hund. In hellen Nächten, hieß es, könne man ihr weißes Kopftuch sehen. Nun fing es an zu dunkeln; das Haus versank in Grau, in Weiden und Erlen. Nur unter dem Dachrand blinkte ein kleines Fenster; dort lagen wohl schon ihre kleinen Töchter; sobald die Sonne sank, gingen sie schlafen, aber früh, kaum daß der Himmel fahl wurde, liefen sie schon und sammelten sich in der taugrauen Wiese, wo man sie schreien und schnattern hörte, ehe sie auseinanderstoben.

Die Frau ging ins Haus zurück. Heute nacht wollte der Mann heimkehren von einem Beutezug; da mußte sie auf sein und helfen, die Säcke verstauen an geheimen Plätzen; sie setzte sich an den Herd, um die Kittel ihrer kleinen Töchter zu flicken, aber die Arbeit sank ihr in den Schoß, und sie lauschte den Geräuschen der Nacht, all dem Seufzen und Knarren draußen in den Bäumen und drinnen im Gebälk. Nun wurden die Nachtvögel in den Wipfeln lebendig, sie wanden sich durch die Äste, plump und seidenweich, bis sie sich aufschwingen konnten, lautlos in die freie Finsternis. Sie wußten, wo die wolligen Junghasen lagen, die sie heimtrugen zu ihrer eigenen Brut, die mit bösen, gelben Augen nach frischem Fleisch schrie. Und durch die Baumwurzeln schlüpften Marder und Wiesel, sie hatten ihre Gänge und Höhlen, ihre Vorräte und Kinderstuben wie die Menschen, und wenn ihre Wege sich kreuzten, gab es da unten einen kurzen, bitteren Kampf mit heißem Gefauch, die Erde schluckte ein wenig Blut, aber darüber lag verschwiegen der moosige Teppich mit tausend nickenden Flockblumen, die faulenden Blätter des Vorjahrs, durch die sich die gelben Taubnesseln drängten.

Durch den Ladenausschnitt kam ein Mondstrahl und tastete über Bank und Tisch und über die Hände in ihrem Schoß; da stützte sie den schmalen Kopf und dachte an die Abende daheim, wie sie auch dasaß und die Quelle im Dunkeln hörte, und dann des Vaters Schritt, immer näher, bis er die Tür auftat und sein weißer Bart im Monde noch weißer war.

Wie sie so gesessen ist, hat sie auf einmal wirkliche Schritte gehört, viele kleine Schritte und Klopfen an der Tür, und wie sie geöffnet hat, haben da vier kleine Buben gestanden, einer immer ein wenig kleiner als der andere, und der kleinste wie ein kleiner Kater, man hätte ihn in der Schürze tragen mögen; die baten um Einlaß.