Die Bübchen hatten die Schüssel geleert, die sie ihnen hingestellt, saßen mit schweren Augenlidern um die kleine Öllampe und erzählten weinerlich von Mutter und Vater und wie sie in die Irre gegangen seien. Die Frau ging von einem zum anderen, streichelte dem den Kopf, rückte dem das Halstuch zurecht, beugte sich verstohlen über sie, immer wieder mußte sie den Dunst ihrer braunen Hälschen einatmen, wie er sie aus dem Ausschnitt ihrer Kittel ankam, diesen Duft, in den sich ein Ruch mischte von Harz und Kohlenmeilern und fetter ungebleichter Schafwolle. Ach, und ihre singende Sprechweise war wie Amselzwitschern. Von einem guten, geplagten Vater, von einer harten geplagten Mutter erzählten sie, von dem Hündchen Strupp und den Meilern tief im Wald, von Bucheckern und Pilzen, und sie meinte, wieder tief drinnen zu stehen, die Füße im Heidelbeerkraut, die Sonnenstrahlen um sie her, als würde das Licht zur Orgel ... Aber auch von einem Dorf erzählten sie, wo sie zur Schule gingen, früh, wenn es kaum Tag war, die einsame Straße hin, wo Krähen auf verschneiten Steinhaufen saßen und schweren Flugs in die graue Luft stießen. Manchmal kam ein Planwagen und der Fuhrmann ließ sie aufsteigen, da kauerten sie unter dem Zeltdach im Stroh, über ihnen die schwankende Laterne, wo das irdene Geschirr verpackt lag, oder zwischen Mehlsäcken, und schliefen und träumten von frischem Brot. Die Kinder waren so müde, sie nickten beim Erzählen ein, und auf einmal fuhr die Frau zusammen und sagte: »Ihr dürft nicht hier bleiben, o um Heilands Namen, Ihr müßt fort, kommt, wir müssen gehen ...«
Denn sie meinte, sie habe die Treppe knarren hören, und sie rannte die morschen Stufen hinauf, wo in der großen, niederen Stube ihre kleinen Töchter schliefen. Aber die rührten sich nicht, lagen nebeneinander im Mondlicht, mit zurückgebogenen schneeweißen Gurgeln; und ihre Zähne glitzerten und der laue Atem ging aus und ein.
Draußen wußte sie keinen sicheren Winkel; die bösen Hunde spürten alles auf. Da brachte sie die Kinder in die Kammer, wo das ausgeweidete Reh hing, dort war Holz aufgestapelt, ein gutes Versteck. Dort würde sie keiner wittern vor Wildgeruch. Aber still sollten sie sein wie die Mäuse. Ach, durch die Nacht meinte sie schon die rauhe Stimme zu hören, und das Pferd, wie es müde, mit gebeugtem Kopf, die Hufe aus den schmatzenden Pfützen zog. So hüllte sie sich ganz in eine graue Decke ein, die nur ihre dunklen Augen freiließ, daß er das Beben ihres Mundes nicht gewahr werde, und zog den schweren Riegel zurück, als er näher kam.
Wie dann der wilde Mann, von Wein beschwert, eingeschlafen war, winkte die Frau den kleinen Buben, und sie krochen aus ihrem Versteck hervor mit ängstlichen Augen. Da drückte sie sie ans Herz, die kleinen runden Köpfe, und küßte sie ins Genick und sog noch einmal den Duft ihrer sonnverbrannten Hälschen. Dann aber, den Finger am Mund, ging sie vor ihnen her, wo das Wasser zwischen den Erlen gluckste und der Mond schmalfingerig durch die Zweige griff. Und weiter, wo nur noch Gebüsch war und seichte, silberne Pfützen, wo der tote weiße Sand begann und der Pfad mählich aufstieg und dann am Rande des Steinbruchs vorbei, wo der Wind durch die Hallen und Höhlen fuhr und schwarze Gewässer tief unten heraufstarrten zum Mond wie Seelen, die kein Lichtstrahl mehr erhellen kann ... dort ging die Frau und trug den kleinsten im Arm, ein anderer hielt sie am Kleid und die größten folgten ihr nach; an Abgründen und Kreuzwegen kamen sie vorbei, aber keines sprach ein Wort; sie gingen mit blassem Angesicht, und die Frau irrte sich nicht und hielt auch nirgends an; sie sah nur gerade in die Luft, denn ihr Herz war ihr zum Wegweiser geworden. Dann, allgemach, senkte sich der Weg, die Steinbrüche blieben liegen, und schon schimmerte die Landstraße und ging von Nebelgrau zu Nebelgrau, aber in der Ferne blinkten Lichter ... Da kniete sie vor den Kleinen nieder und küßte sie, so jammervoll, und wies sie den Weg und flüsterte ihnen zu, guten Rat oder waren's nur Töne, wie brütende, säugende Tiere sie ausstoßen, in Angst und Liebe. Und wandte sich ab von ihnen in scharfem Schmerz, die nun still und ernsthaft im Mondlicht weiterstapften, kleine Buben, die so große Schatten warfen.
Vor ihr der Weg stieg wieder an, den sie zurückgehen mußte; erst durch Wiesen, wo hier und dort ein Steinblock lag, weich eingebettet im feuchten Thymian, dann aber karg, umlagert von Geröll, graues Gesträuch klomm aus den Fugen. Dem Steinbruch zu wand sich der Pfad zurück, schon wieder fühlte sie den kalten Wind aus den Höhlen, der ihr das Kleid um die Knie straffte. Wie schwer waren ihr die Füße, wie leer das Herz. Daheim? Dort würden die bösen Hunde im Verschlag winseln, dort stand der Brunnen, das Haus, grau im ersten fahlen Licht. O Herzeleid, o Ersticken.
Gradaus ging sie mit weiten Augen, die Hände über dem erstorbenen Herzen, und wie der Kreuzweg kam, redete der Wegweiser in ihrem Herzen nicht mehr. Hinauf ging der Pfad, so steil, so steinig; war das der, den sie gekommen? Und der andere führte hinunter ins Geklüft, der ging sich leichter. Im Steinbruch wisperte es und seufzte, und immer tiefer ging sie hinein, und der graue Nebel rollte hinter ihr zusammen.
Glückliche Zeiten
Ein zeitlose Geschichte