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Der Pelikan
Zwei Menschen wanderten im toskanischen Lande. Sie hielten sich fern von den großen Städten. Nicht aus Menschenscheu; denn große Liebe ist wie der Panzer des Ritters ohne Furcht und ohne Tadel. Aber es war in der Frühlingsvollendung ein Ermatten über sie gekommen, und in den kleinen, grauen Nestern, wo das Land mit tausend blühenden Obstbäumen, die Hügel hinan, gegen die alten Mauern zu Felde zog, ließen sich die letzten Tropfen mit trägeren, tieferen Zügen trinken. Hier waren nur einfache Menschen, die die Erde umgruben oder vor den Häusern saßen mit ihren Handwebstühlen und Korbflechtereien: irgendein graues Steinwappen über der Tür deutete wohl zurück in alte, streitsüchtige Zeiten, aber in diesem gleichmütigen Sonnenschein dachte man nicht an sie, streichelte ein Kätzchen, lächelte einem braunen Mädchen zu, das mit schönen überfließenden Kupfergefäßen vom Brunnen kam; da war kein Peitschenknallen, kein Menschengedräng, keine großen, weltberühmten Bauten, die beiden aus ihrem Behagen aufzuschrecken, wenn sie durch das silberne Land schlafwandelten, das sie anzublinzeln schien wie eine heimlich Verbündete. Ohne Plan gingen sie, hügelan und hügelab, zwischen Mauern auf engen gepflasterten Wegen, über die der Schattentanz der Olbäume zitterte, oder die Mauern hörten auf, und man sah weit aus ins Grau, ins Silber, von Mandel und Pfirsich und Kirsche weiß und rosig getupft; feine Kirchtürme ragten, zart und erlesen, und immer neue Hügel taten sich auf, breitschultrig und grau und gütig.
So kamen sie einmal zu einer kleinen Kirche, bei der ein paar verwitterte Denksteine standen und lagen, von wildem Salbei umwuchert; seitwärts eine niedere Mauer, das Gärtchen umschließend, wo eben der Pfarrer, mit geschürztem Kleide, die Gießkanne in der Hand, zwischen Artischocken und Brokkoli und süßduftendem Goldlack umherging. Als er die Fremden erblickte, kam er herbei, trocknete sich die Hände und stellte seine Führerdienste freundlich und selbstverständlich zur Verfügung. Denn in dem Kirchlein war ein schönes Grabmal von berühmter Hand, das weiß und unverletzt in der Verlassenheit ruhte, wie in Italien nicht selten, wo in weltvergessenen Winkeln die zartesten Wunder leben, als sei die Schönheit mit zerrissener Perlenschnur durchs Land gegangen, achtlos, wohin die schimmernden Tropfen rollten.
Sie traten in die Dämmerung der Kirche. Überall schälte sich der Bewurf von den Mauern, daß der zartrosa Ziegel und Überreste früher Fresken sichtbar wurden: hier eine flehende Hand, ein Stück blauen Gewands, dort ein runder Baumwipfel, mit Früchten und Vögeln beladen. Aber der Altar glänzte in neuer Ölfarbe und vergoldetem Zierat, und an den Wänden hingen die Stationen des Leidenswegs in grellbunten Bildern. Da – in einer Seitenkapelle – blieb alles zurück, das Grabmal lag so rührend in seiner wehrlosen Schönheit und hatte doch – wie einst eine reine Jungfrau ihre Heimatstadt vor der Pest bewahrte – die verwitterte Kapelle vor Kelle und Kalktopf und schlimmerer Unbill bewahrt.
Eine Schwester hatte es ihrem Bruder errichtet in jener Zeit, da man durch Werke selig und unselig wurde und es dafür wohl weniger Gedankensünden gegeben hat. Die Furchen des hagern, nachdenklichen Gesichts waren leicht bestaubt; in jeder Mantelfalte, zwischen den ums Schwert gefalteten Fingern hatte sich Staub angesammelt; so war der Ausdruck, trotz des dämmerigen Lichts, deutlich, gleichsam unterstrichen. Es lag freigebige, menschliche Güte auf diesen Lippen, ja ein wenig gutmütiger Spott zuckte in der Wange, schien hinüberzuwinken in eine spätere Zeit; aber die Stirn war entschlossen und sorgenvoll, und die Hände, zum Halten wie zum Geben tauglich, würden nicht lange die betende Stellung bewahrt haben, hätten sie gefühlt, wie jemand den schönziselierten Schwertknauf berührte.
An der Mauer gegenüber war die Grabstelle der Schwester, eine lateinische Inschrift an der Wand, und auf der Erde, da, wo ihr Sarg versenkt war, eine Marmorplatte mit eingemeißeltem Wappen und Federgekräusel. Sie hatte nur wenig Jahre nach dem Bruder gelebt, seinen Namen geehrt, sein Gut verwaltet und hier, bei seiner Ruhestätte, in der spitzfindigen Demut jener Zeit als Franziskanerin gekleidet, die ewige Ruhe gefunden, nachdem sie ihr Eigentum verteilt und im Hofe ihres Landhauses täglich alle die Elenden, die Bettler und Kranken und Krüppel gestärkt und verbunden hatte. Aus den alten Scheiben fiel Regenbogenlicht wie ein Schmetterlingsschwarm über die Ranken und Zacken des Wappenschilds. Ach, war es nicht schön und stolz, nach stillen, nützlichen Jahren hier zu ruhen, dem einen nahe, dem ihr ganzes Leben, wie selbstgesponnene und -gewobene Leinwand unter die Füße gebreitet war? Was auch sonst ihre kleinen, verbrauchten Jungfrauenhände geschafft und gewirkt, wieviel Wunden sie gewaschen, wieviel Brot sie verteilt hatten, diese Liebe war der Wein ihres Lebens gewesen ...
Die Frau trat zum Grabmal des Bruders zurück und legte ihre Hand in die sanfte Mulde zwischen Schulter und Brustwölbung, erschaffen, um ein schlafendes Haupt zu stützen, und bei Frauen eben groß genug, um ein Kinderköpfchen aufzunehmen.
Und es ging ihr ein schmerzliches Entzücken durchs Herz, wie eine Seligkeit, die man nicht nennen, nicht festhalten kann, kurz vor dem Erwachen in der Frühe, wenn der Traumfaden immer feiner wird und abreißt ohne Schluß.
Als sie nun wieder aus der Kirche herauskamen, sah die Frau, sich wendend, um Abschied zu nehmen, zu einem kindlich in Stein geschnittenen Neste über dem Türbogen empor, darin sich ein Pelikan für seine Jungen die Brust zerfleischte.