»Das ist,« sprach der Pfarrer, ihrem Blicke folgend, »unsere Heilige-Mutter-Kirche, die sich den Sündern und Verirrten hingibt und die Traurigen und Mühseligen an ihr Herz nimmt wie der Pelikan seine Kinder ...«

Wie katholisch, dachte die Frau. Dieser freundliche Mann will jedem, der mit den Wellen kämpft, ein Ruder hinhalten, ihn daran zurückziehen in die große Familienarche. Seine Religion hat so viel Winkel und Schnörkel und Ruhepunkte wie die alten gotischen Dome, in deren Zacken und Simsen Tauben nisten.

Dann schnitt der Pfarrer Goldlack für sie ab, und wie sie so dastand, halb noch zurückgewendet, hätte sie in der Demut ihres Herzens am liebsten still ein Kreuz geschlagen; auch tat es ihr leid, daß er gemerkt hatte, daß sie nicht zu seiner Kirche gehörten, und so gütig und ausführlich hatte er ihnen doch alles erklärt. Darum hätte sie das symbolische Zeichen, das niemand schaden kann und dem alten Manne heilig war, gern angebracht; aber sie war nicht allein und verpaßte den Augenblick, und wenn man in Gefühlssachen nachdenkt, so unterläßt man Dinge, die eigentlich so einfach sind.

Nach Jahren kam sie allein zurück. Sie bewohnte ein kleines Fremdenheim am äußersten Gürtel der Stadt, wo sie in kurzer Zeit ins freie Land gelangen konnte. Es war Sommer, und den ganzen Tag ging die Feile der Zikaden von den Platanen der Ringstraße. Feigen gab es in Überfluß, an jeder hing die reife Süßigkeit wie ein klarer Bernsteintropfen; aber Rosen gab es nicht mehr. Die Erde war wie gebacken, die Hecken an den Wegen staubgepudert und leblos; auf der Windseite hatten die Zypressen einen grauen Überzug, und die Luft schmeckte nach Staub; es würde noch Wochen dauern, bis Regen kam. Wenn sie dann am Abend ihr Fenster auftat und die noch glühende Luft hereindrang, dachte sie manchesmal an jungen Buchenwald in ihrer Heimat, wenn sich die Kronen nach einem Regenschauer dehnen, oder an die Wiesen daheim, noch ungemäht, wo zwischen Erlen und Haseln der Bach schlüpft, übervoll, durchsichtig braun mit goldenem Sonnengekringel; aber doch sehnte sie sich nicht fort. Ihre Bekannten hatten längst die Stadt verlassen, aber das Losreißen wurde ihr schwerer denn je, ach, überall hatten sich Wurzeln ihres Herzens festgesaugt. Nun war die Zeit, da die fliegenden Buden der Limonadenverkäufer aus der Erde schossen, mit unzähligen, vielfarbigen Flaschen, mit Papiergirlanden und baumelnden Zitronen geschmückt; arme Kinder gingen und kauften sich Eis, löffelweis, für zwei Centesimi, und das winzige Schwesterchen, dem ein kleiner Papierfächer am Ärmchen hing, leckte zuerst, und der große Bruder leckte auch, aber eigentlich tat er nur so, damit das Schwesterchen alles bekäme. Die Militärmusik spielte auf den Plätzen, und schöne sonnenbraune Ammen, die mit ihren bunten, getollten Haarbändern wie eine Versammlung königlicher Georginen breitschultrig auf allen Bänken saßen, die Bambini mit den Samtaugen streichelnd und ihre braunen Brüste darreichend, schwatzten mit heiseren toskanischen Kehllauten und wiesen beim Lachen ihre kleinen, gesunden, feuchtglitzernden Zähne. Aber auch drinnen in der Stadt verlegte sich das Leben mehr und mehr auf die Straße. Aus all den Rembrandthöhlen der Schuster und Schreiner tauchten alte und junge Gestalten und schafften vor offenen Türen; und bei offenen Türen auch übte der Barbier seine Kunst aus, in seiner weißen Jacke geschmeidig wie ein Hermelin. Als wäre man mitten in eine Komödie von Goldoni geraten, oder als sollte im nächsten Augenblick die Musik zum »Liebestrank« einsetzen und Doktor Dulcamaras Wunderkarren auf den Platz rollen. Nun war die Zeit, daß die Statuen und Gemälde in den verlassenen Galerien ihr zu winken schienen: »Wie, du willst gehen? Bleibe, wir sind allein, wir wachen und reden, Heidengötter und Christengötter, alle hat uns die Schönheit angehaucht mit ihrem unvergänglichen Kuß.« Und um sie alle wob die Einsamkeit immer wieder jene feine, befremdende Luftschicht, die erlesene Kunstwerke umgibt, anlockend und abwehrend und niemals ganz bezwungen.

Aber das liebste von allem waren ihr die stillen Höfe der Kirchen, die früher Klöster gewesen sind. Mit ihren großen, schläfrigen Katzen, dem heißen sonnigen Fleck in der Mitte und darüber ein Stückchen tiefblauen Himmels; plötzlich ein leuchtender Taubenflug, wie rauschte das durchs Herz! In den Klosterhöfen schimmerten die fedrigen Sterne an den Myrtenbüschen, bitter würzig; aber die Oleanderblüten lagen gebräunt und verwundet auf den Steinplatten der Kreuzgänge; unaufhaltsam destillierte die Sonne das flüchtige Öl aus Kräutern und Blättern. Und stundenlang konnte sie da sitzen, auf einem Mäuerchen, einem Säulentrümmer ... bis schließlich der freundliche Kustode kam und sagte, es würde geschlossen ...

Es war gegen Abend, als der kleine Einspänner sie nach jenem Kirchlein fuhr, das sie seit damals nie wiedergesehen hatte. Die grausamen, quälenden Jahre waren nun vorbei, als sie Augen und Ohren zuhielt, nur um nicht erinnert zu werden, als sie Ruhe nur fand an Stätten, wo sie früher nie gewesen. Jetzt hatte sich etwas geändert. Denn es war so vieles seither über sie hereingebraust, Dinge, von denen man weiß, daß sie immer in der Welt waren, daß sie niemals unmöglich sind; aber am eigenen Weg hatte man sie nie erwartet, und auf einmal sind sie da und legen einem die Hand auf die Schulter – wie wenn einer verhaftet wird, der sich sicher fühlte im Menschengewühl. Ach, diese harten, einfachen, trostlosen Dinge, die da gestanden hatten und gewartet ... Und jetzt, auf einmal, hatte sie Heimweh nach jenem ersten brennenden Leid, heute schien es ihr kostbar, denn es war ja so traumhaft verwoben mit Lebensdrang und Ungeduld und Entzücken, und nun suchte sie in der Erinnerung, und siehe, der Schmerz war dumpfer geworden, aber das Freundliche, das Entzückende jener Tage lebte auf, und Stunden gingen an ihr vorüber und lächelten ihr zu, den Finger an den Lippen.

Ach damals, wie alles zu versinken schien, jung war damals ihr Herz; jeder Nerv hatte sich kläglich gewunden und um Gnade gefleht, wie ein verbranntes Kind das Händchen hinhält und nicht glauben will, daß das je vorübergehen kann. Aber es hatte sich doch gewandelt; denn die großen, harten Dinge waren gekommen und die Zeit war gegangen, grau und unbekümmert, und nun war sie wieder hier und witterte und horchte und suchte ihr erstes Leid in zitterndem Heimweh. Und fand es wieder an abgeschrägten Straßenwinkeln, wo man zwischen Mauern hinuntersieht, und ganz in der Ferne sind die unvergessenen Hügel, zart und karg und traurig im Abendrot, die Straße führt hin, führt ins Paradies ... fand es wieder, wenn sie ein Lorbeerblatt zwischen den Fingern rieb oder wenn am Abend der Geruch von schwelendem Rebenholz durch die Luft zog ... fand es wieder, wenn sie nachts, halb schon im Schlaf, die ächzenden Karren hörte, den heiseren Gesang der Männer, die, einen Grashalm im Mund, auf ihren Lasten ausgestreckt, die Pferde im Sternenlicht lenken.

Der Wagen hielt; an dieser Stelle ging das letzte Stückchen Wegs steil aufwärts. Die Frau stieg aus; auch damals waren sie hier ausgestiegen, um das kleine eifrige Pferd zu schonen. Der Himmel öffnete seine Perlmutterschalen über der matt atmenden Welt. Der kleine Garten war leer, der Pfarrer nicht zu sehen, aber drinnen in der Kirche putzte eine alte Frau den Altar mit Papierlilien. Sie schritt nach der Seitenkapelle. Dort war es beinah Nacht, das bunte Fensterglas schwarz, nun die Sonne es nicht mehr durchglühte. Aber der stille Mann schimmerte treugeduldig in seiner Einsamkeit, und auf seinem Antlitz fand sie das feine, sorgenvolle Lächeln wieder, als warte er auf einen Ruf, auf eine Antwort und sähe ein, daß er sich für heute bescheiden müsse; ja, noch lebendiger schien ihr der Mund, schienen ihr die kraftvollen Hände, als ob das Herz noch immer, stillgeschäftig, seine Eimer vollschöpfte und wieder ausgöße in das Geäder des ruhenden Leibes. Ja, da war auch die Mulde zwischen Schulter und Brust, groß genug, daß man den Kopf hineindrücken konnte, dort Stein zu werden in tiefem, wunschlosen Schlaf. Sie fühlte Tränen in der Kehle und biß sich auf die Lippen, denn Weinen war ihr keine Erlösung. Schritte hallten durch die Kirche, es war die Frau, die zuschließen wollte für die Nacht. Da wandte sie sich ab und ging, und hinter ihr blieb der Schlummernde allein. Nun stand sie draußen, und die Luft war um sie wie linder Atemzug. Über ihr leuchtete das Nest des Pelikans im letzten Licht. Da schien ihr, als sei's das Sinnbild der Frauenliebe, die gern das Letzte hingibt und ihr Glück bezahlen muß mit Geduld und mit Gefahr.

Ob es uns gutgeschrieben wird, daß wir Menschen alles so teuer erkaufen, dachte sie. Wie heißt's doch immer, wenn die Richter mitleidig sind und ein Einsehen haben: die Untersuchungshaft soll angerechnet werden ... Bei uns daheim hing ein Knüttel am Stadttor, darunter stand: Wer seinen Kindern gibt das Brot und leidet später selber Not, den schlag man mit der Keule tot. Das war sehr alte, und doch ganz moderne Weisheit, viel moderner als deine, alte Pelikanmutter! ... Bin ich meiner Mutter dankbar, daß sie mich in dies Leben brachte? dachte sie wieder. Maskenfeste in Labyrinthen, hier und da ein Umschlingen, bleibe, ach rede zu mir, dieselbe Sprache reden wir ja. Oh, nur bis der Weg sich teilt, dann wieder allein, fremde Zungen ... Und wenn man dann nicht mehr zu jemand sagen kann: es war alles gut, Nacht und Licht, Süßigkeit und Bitterkeit, nur Dank fühle ich, Dank sei dir heute und immer – oder wenn man im Morgengrauen erwacht und an die Augen von Schwerkranken denkt, wie auch sie den Tag erwarteten, der keine Hoffnung brachte, und die Fensterscheiben fingen an hell zu werden ... o das! Schöne, schöne Erde, warum wird es uns so schwer gemacht!

Der Tag war ganz geschwunden, das steinerne Nest über ihr sah grau und geisterhaft in die Luft, wo die Fledermäuse anfingen hin und her zu zucken. Unter ihr, im Dunst, erwachten viele Lichter; dort war Leben und Lärm, hier oben war es totenstill. Sie dachte an den alten freundlichen Pfarrer. Unsere Mutter Kirche, hatte er gesagt. Ob sie wirklich die Menschen trösten konnte, wenn sie sich so hineinwühlten, wie Kinder in das Kleid der Mutter? Versprach sie ihnen doch so vieles, hatte so schöne, schauernde Worte der Verheißung; man mußte ihnen glauben, so schön waren sie. Und das eben war es wohl, was die Kirchen immer wieder stützte und aufrecht hielt: die Sehnsucht nach den Toten.