Sie ging langsam den steinigen Weg zum Wagen hinunter, zwischen Mauern, über denen dunkle Köpfe sichtbar wurden. Ein kleiner Spitz lief oben entlang und gab ihr kläffend das Geleit. Das heiße Feilen der Zikaden hatte längst aufgehört, aber aus allen Gräben und Mauerritzen zirpten nun die Grillen, kühl und zart. Das war wie daheim auf den großen Waldwiesen, wo jetzt die Glockenblumen standen und das Zittergras. Sie horchte auf und schlug die Hände ineinander. Nun wollte sie heimreisen; sie hatte gefunden, was sie suchte. Nur noch vereinzelt klang der Grillenton, wurde immer weniger, je mehr sie sich der Stadt näherte. Es war ganz dunkel geworden, hier dauerte die Dämmerung nur kurze Zeit. Sie saß sehr aufrecht, mit weit offenen Augen. So fuhr sie zurück durch die laue, windstille Nacht.

Mitleid

 La peine qu'on a n'est rien,
mais celle qu'on a faite aux autres
empêche de manger son pain.
P. Claudel

Sophie Barnekow hatte geklopft, ohne Antwort zu erhalten; nun öffnete sie leise die Tür, um sie aber sofort wieder zu schließen, behutsam, wie man's in der Krankenpflege erlernt.

Dort im halbdunkeln Raum, wo die Sonne durch die schräggestellten Läden glitt und goldene Leitern auf die Dielen malte, wo der Geruch von Reseda und nassem Kies und das leise Klirren von Gießkannen durch die offenen Fenster eindrang, saß Meisi, ihre junge Herrin und Schutzbefohlene, nicht allein. Neben ihr, die Hände um eine Stuhllehne geschlungen, stand Rütten. Ohne die Frau zu berühren. Und doch, hätten sich beide in den Armen gelegen, festgeklammert, Blick in Blick getaucht, nicht deutlicher hätte es von letztem, bitterstem Abschied reden können.

Von Meisi war nichts zu sehen gewesen als der braune Hinterkopf und das feine Genick, da, wo der Haaransatz in warmen goldenen Flaum überging; tief auf den Tisch gebeugt. Wie oft befestigte Sophie das kinderweiche und doch eigensinnige Haar, mit ganz wenig Nadeln, weil alles gleich Kopfweh machte; immer wieder glitten die Zöpfe hinunter, dann mußte Sophie leise erinnern: »Liebste, Ihre Haare.« Und auch eben hatte das Ende einer Flechte über die Schulter gehangen. Kleine physische Eigentümlichkeiten geliebter Menschen können einem ans Herz wachsen und es seltsam wehrlos machen, mehr als die Tugenden, die sie besitzen oder die wir ihnen andichten. So fuhr's ihr auch jetzt durchs Herz, und was erst Erschrecken gewesen, empfand sie nun als tiefe, schmerzende Zärtlichkeit. Sie seufzte auf und schlüpfte in ihr Zimmer gegenüber zurück.

Starke Leidenschaften, die ihr Ziel in offenem Aufruhr oder auch durch List und Heimlichkeit und manche schmerzliche Selbsterniedrigung zu erreichen wissen, waren Sophie fremd geblieben. Sie wußte, es gab dergleichen. Aber doch nur so, wie man von Mormonen liest oder von den Bacchanalien entarteter Cäsaren. In ihrem klaren, hilfreichen Wesen, ihrem Abscheu vor jeder Unsauberkeit und Unordnung war kein Raum für Ungeregeltes; eine verbotene Liebe lag ihr im Grunde ebenso fern wie Taschendiebstahl. Dabei – oder vielleicht gerade deshalb – konnte sie von verblüffender Parteilichkeit sein, wenn sich's um Menschen handelte, die sie liebte. Sie war aus dem Holze geschnitzt, das gute Royalisten abgibt. Wen sie einmal liebte, zu dem hielt sie auch, er mochte tun und lassen, was er wollte; das war doch sehr einfach. Und dann – bei näherem Zusehen müßten gewiß Gründe genug zu finden sein, die alles erklären würden; wenn sie selbst auch gar nicht danach suchte.

Auf ihrem Bett lag die eben abgelieferte Wäsche. Ihr Blick glitt an einem grauen Leinwandkittel entlang, der in seiner knabenhaften Spärlichkeit etwas von Meisis Umriß bewahrte. »O du Armes,« sagte sie vor sich hin, und ihre Augen fingen an zu brennen. Dann begann sie mit ihren feinen, verbrauchten Händen die Sachen zum Ausbessern zurechtzulegen.

Drüben in dem dämmrigen Zimmer war es sehr still. Die leise Stimme des Mannes redete in abgebrochenen Sätzen, so von fernher, wie Selbstgespräch. Die Frau hörte und hörte auch nicht. Denn ihr war, als hätte sie's längst gewußt, daß er einmal so reden und handeln würde. Es hing ja alles in ihm – wie man es sonst nur bei Pflanzen findet – ganz selbstverständlich zusammen; so wie die äußersten Zweiglein einer Eiche immer noch die Gewaltsamkeit der Äste, den Eigenwillen der Wurzeln ausdrücken. Es waren in diesem Manne wenig Widersprüche, er mußte handeln, wie er empfand, mußte dies lieben, weil ihm jenes widerstrebte, selbstverständlich und unerbittlich in seinen Neigungen und Abneigungen wie ein Tier, wie ein Künstler, wie ein kleines Kind.

Meisi drückte noch immer die Stirn auf den Arm, der sich um die Tischkante krampfte; denn sie empfand es dumpf: solange sie nicht aufblickte, würde er nicht fortgehen, erst mußte er ihr Einverstehen in ihren Augen erzwingen, eher konnte er sie nicht allein lassen, nicht aufhören zu reden, zu überzeugen. Und ob ihr auch das Blut in den Ohren rauschte und sie kaum verstand, was er sprach: ach, er war doch immer noch da, sie atmete den leisen Duft seiner Kleider; eins nur sollte er nicht, nicht aus dem Zimmer gehen. Oh, solche Tür, die zufällt, nein, nur das nicht. Dableiben, im Zimmer bleiben, er sollte sich auch gar nicht um sie kümmern. Am allerseligsten war es doch immer gewesen, wenn sie still im Zimmer saß und nur auf die kleinen Geräusche horchte, wenn er den Bleistift hinlegte oder wieder ein paar Seiten aufschnitt in dem dicken, verzweiflungsvollen Buch, das er las. Über Heimindustrien war's gewesen. O Gott, die unglücklichen Menschen, von denen da erzählt wurde; welch entsetzliche Winkel gab es in der Welt, warum durfte das sein! Wenn sie ein König gewesen wäre, all die stillen, leeren Königsschlösser hätte sie den Armen aufgetan, herrlich erwärmt im Winter und im Sommer kühl und hallend inmitten heißer brütender Wiesen, mit grünen Schattengängen und Nachtigallenschlag. Man dachte nicht genug an andere, wenn man selber glücklich war, ach glücklich zum Sterben, als versänke und ertränke man in einem riesenhaften Maiblumenstrauß und würde ohnmächtig vor lauter Wonne. Ob so arme schmutzige Menschen jemals so etwas hatten? Immer nur Ruß und Lärm oder zu Haus zusammengepfercht mit verklebten Fenstern. Und alles so häßlich, auch die Kinder, und nichts, auf das sie sich freuen konnten morgens beim Erwachen. Aber Gerhard würde etwas ersinnen, um ihnen zu helfen, er schien Hilfe auszuströmen wie kluge Ärzte. Natürlich, es brauchte alles Zeit, und einstweilen war es doch kein Unrecht, wenn Glückliche ihr Glück genossen. Sie wollte niemand etwas wegnehmen, das brachte sie gar nicht fertig, es hätte ihr alles vergällt, aber ihn – ihn konnte sie nicht hergeben. Sie war abergläubisch geworden. Wenn sie etwas Hübsches besaß und jemand bewunderte es, gleich hatte sie's hergeschenkt. Hatte vielleicht Gott bestechen wollen mit Opfergaben, damit er ihr das Eine, Einzige nicht wegnehme ... ja und nun nahm er es doch.