Aber als sie nun viele Jahre König und Königin gewesen waren, dachte die Königin manchmal zurück an ihre Höhle. Nun war sie bequem und dick geworden, und die schönste Stunde des Tages war die von drei bis vier, wenn sie ihr Korsett auszog und sich mit einem Roman auf den Diwan legte. Die Kammerfrau holte ihr die herrlichsten Schmöker aus der Leihbibliothek, denn der König ließ sie durch den Hofbibliothekar ausschließlich mit Memoirenliteratur versorgen; aus diesen Produkten des ancien régime hoffte er, daß sie den Geist feiner répartie, der ihr von der Natur versagt war, erlerne. Sie gestand es sich kaum ein, aber eigentlich hatte sie dies Leben gründlich satt mit seinen Denkmalsenthüllungen und Audienzen, wo die Menschen immer ganz kleine Mündchen machten, als könnten sie nur Tütü sagen. Die Tage waren so künstlich zugeschnitten, jede Stunde fügte sich in die andere ein wie bei einem Geduldspiel, da war keine Ritze, wo die kleinste Maus hätte durchschlüpfen können, und nun überkam sie oft ein Verlangen nach anderem, wie ein wohlerzogener Knabe aus guter Familie, der in eine Hafenstadt kommt, voll neidischer Wonne nach den schmutzigen Schiffsjungen auf den Heringsbooten schielt. Der alte Drache – ja es war merkwürdig, wie bald er sich in alles gefügt hatte. Wenn sie an seine Filzpariser dachte! Nun, er hatte sich ja auch viel gründlicher als Drache ausgelebt. Nun war er ein kleiner, trockener, ältlicher Herr geworden, mit einer irritierenden Art sich zu räuspern, und all die Vorschriften der Etikette waren ihm unentbehrlich wie eine hygienische Unterbekleidung. Neuerdings konnte er sich ganz merkwürdig über die kleinsten Mißgriffe aufregen, so neulich, als die Zuckerzange nicht gleich bei der Hand war. Da hatten seine Augen Drachengift geschossen, wie sie es damals, in der Höhle, nie getan. Der Lakai schlotterte und der Oberhofmarschall fühlte die Fundamente seines Daseins wanken. Aber die Königin konnte nicht an sich halten; sie lachte in ihrer unpassend explosiven Art und bekam einen ganz roten Kopf: »Lieber Mann,« sagte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen – denn sie mußte beim Lachen immer weinen – »als wir noch in der Drachenhöhle lebten, hast du deinen Zucker abgebissen und den Kaffee trankst du aus der Untertasse wie eine Waschfrau.« Alles war wie versteinert, denn die unselige Drachenepisode wurde ja totgeschwiegen und jede Anspielung darauf als grobe Taktlosigkeit empfunden; eine Zeit eisiger Ungnade war die Folge dieser übelangebrachten Reminiszenzen. Seitdem versuchte die Königin ihre seelischen Aufwallungen zu unterdrücken, aber wenn sie im halbverdunkelten Boudoir der Ruhe pflegte, kam es über sie, und vor ihren geschlossenen Augen stand die Höhle wieder auf, braungrün und verräuchert, ach, und so traulich!

Heut gerade war ein schläferiger Sonntagsnachmittag, dessen freundliche Langeweile durch die Ritzen der Jalousien drang. Die Wache auf dem Rondellplatz vor dem Schloß war eben aufgezogen, die Kommandoworte, das Trommeln verhallte, und nun begannen die beiden Schildwachen ihr Auf und Ab, bis zur nächsten Ablösung. Nettgekleidete Bürgerfamilien wanderten auf den Kiespfaden und bewunderten die schönen Teppichbeete, die den Neid zugereister Hofgärtner erregten. Weiter ab, unter den Kastanienbäumen wandelten Landgerichtsräte und Gymnasiallehrer, und bleiche, schwärmerische Jünglinge saßen auf den Bänken und lasen in Reklambändchen. Die kleinen Knaben und Mädchen aber freuten sich ihrer roten Luftballons, und alles strömte dem Schloßgarten zu, der Sonntags dem Publikum offenstand. Die fürstliche Frau hatte es sich leicht gemacht. Das Korsett lag, gedemütigt wie ein verabschiedeter Zeremonienmeister, auf dem Teppich, ihre Füße dehnten sich in weiten, gelben Babuschen, und sie begann eben den zweiten Band vom Geheimnis der alten Mamsell. Aber sogar dieses ganz neue, ungemein fesselnde Werk konnte die Gedanken nicht bannen. Hatte sie nicht eben, in der Ferne, einen leisen Kuckucksruf gehört? Es war das freilich die Schwarzwälderuhr des Türhüters gewesen, die man in der sonntäglichen Stille schlagen hörte, aber auch die stammte aus dem Walde, darum war wohl ihr Ton so echt; mit einemmal wuchs ihre Sehnsucht riesengroß; sie mußte den Wald wiedersehen, ob sie gleich ahnte, daß es dort nicht mehr sein würde wie einst. Ohne Zaudern zog sie sich an und band einen grünen Schleier über den Hut, von der glänzenden Sorte, die sich Donna Maria nannte und damals Mode war. Das Glück war ihr hold, denn die Lakaien, die im Treppenhaus, bei schläferigem Fliegengesumm Dienst hatten, glaubten, sie ginge in den Privatgarten; als sie aber an die Tür kam, die zu ihm führte, saß da der alte Türhüter und war über dem Sonntagsblättchen eingenickt: so schlüpfte sie hinaus.

Niemand gab auf sie acht, als sie den Schloßpark durchquerte, denn sie ging nur selten zu Fuß; träge und fett, wie sie war, fuhr sie stets in der Karosse. Auch sah sie in ihrem Alter der Frau Hofkonditor Butterweck ähnlich, und in ihrem einfachen Anzug galt sie den Spaziergängern wohl für diese, wenn sie sich überhaupt nach ihr umsahen. So wanderte sie unerkannt, wie irgendeine behäbige Bürgersfrau, durch den Schloßgarten, zum äußeren Tore hinaus und eine lange Rüsterallee hinunter, an deren einer Seite Seildreher ihre Werkstatt hatten, wo man sie wochentags sehen konnte, die Schürze voller Werg, aus dem sie, rückwärtsschreitend, wie Kreuzspinnen, ihre langen Seile drehten. Nach längerem Gehen, das ihr manchen Seufzer entriß, denn es war ihren Füßen eine ungewohnte Fron, lenkte ein Weg seitab in den Wald, oder vielmehr dorthin, wo er früher gestanden hatte. Denn es war freilich alles anders geworden. Da waren Bänke und Wegweiser und kleine Buden, wo man Himbeerwasser und Sandtörtchen kaufen konnte, die reliquienhaft unter Glasstürzen schimmelten; ach und eine ganze Straße von blitzblanken Villas mit Erkern und Türmen und gotischen Fenstern war entstanden, wo pensionierte Generale ihren Ruhestand verlebten, sich der Rosenkultur widmeten und die Blattläuse mit Ausdauer und Tabakslösung bekämpften. Ach, wo war das Dickicht von einst? Den Krötensumpf hatte man ausgetrocknet, Kinder in schottischkarierten Kleidern und schrecklichen Schürzen aus Wachstuch spielten dort im Sand, ja der Platz hieß sogar nach ihr, Karoline-Amalien-Platz, denn in ihrer Familie hatten die Frauen alle so schreckliche Namen, und die Männer hießen Adolf oder Emil oder Ferdinand, was auch nicht hübsch war. Auch ihr Drache hieß Ferdinand. Ach, wo waren die Drachen geblieben! Tot oder ausgewandert? Oder hatte sie alles nur geträumt? Dort, die alte Eiche, oh, sie erkannte sie wieder; wie oft hatte sie dort gesessen und den sich paarenden Eichkätzchen zugeschaut, wie sie sich haschten, immer um den Baum herum. Einmal noch wollte sie seine Rinde streicheln. Aber was hing dort an seinem Stamm? War's ein Muttergotteshäuschen? Dann würde dort auch eine Bank sein, oh, wie brannten ihre Füße, wie gut würde man sitzen unter dem breiten Geäst. Da ging sie näher, aber es war kein Muttergotteshäuschen, sondern ein lackierter Kasten war aufgehängt am Eichenstamm, und es stand daraufgeschrieben: Gegen Einwurf eines Fünfzigpfennigstücks eine Tafel echt deutsche Familienschokolade. Über dem Kasten aber war noch ein Blechschild mit deutender Hand: Restaurant Drachenhöhle, Kegelbahn, Kaffee und Bier. Zehn Minuten. Da fühlte sie Erbarmen mit dem Baum und mit sich und mit all den alten vertriebenen Drachen; und mußte weinen. Aber wenn sie weinte, ging das nie ohne vielfaches Nasenputzen vor sich, daß sie ganz rot und verschwollen aussah, und das war ja auch nicht königlich.

Als sie sich ausgeweint hatte, ging sie langsam, denn die Füße taten ihr weh, in ihr kühles Königsschloß zurück, wo man sie bereits vermißt hatte und ihr Hofstaat im Begriff stand, den Schloßpark nach ihr abzusuchen.

Zoologie

In Erinnerung eines kleinen Tiergartens,
der verschwunden ist

I
Die Kastellanin

Damals war ich oft bei der Känguruhmutter. Sie hatte liebe, staubige, kurzsichtige Augen, als hätte sie bei Lampenlicht zuviel schwarze Strümpfe gestopft, und einen verschwiegenen Zug an den Mundwinkeln wie alte Kinderfrauen, die in der Familie geblieben sind und vieles haben mitansehen müssen. Sie hätte einen kleinen Kapotthut tragen sollen, mit Glaskirschen oder Samtpensees und eine Mantille; und Klatschkaffees geben und immer wieder nötigen, man möge doch zugreifen: »Denn es ist alles mit reiner Butter, meine Damen, Kokos und Margarine und all diese schrecklichen Erfindungen dürften Sie umsonst in meiner Speisekammer suchen; einfach aber prima das ist mein Wahlspruch.«

Die Känguruhmutter und ich, wir verstanden uns. Wenn sie mich sah, kam sie gesprungen. Aber gleichsam entschuldigend, sie könne nun einmal nicht anders. Ich brachte ihr das Angebackene vom Schokoladenpudding. Süßigkeiten und ihr Kuhlchen im Heu, das war ihr Schönstes. Ich konnte das begreifen. Es kommt einmal die Zeit, wo man Äußerlichkeiten verachtet. Und dann offenbart das Leben andere, stillere Reize.

Als ich Frau Känguruh kennen lernte, hatte sie ein ganzes Schurzfell voll Kinder, das letzte Andenken von dem Herrn Känguruh, der selber im australischen Busch geblieben war. Wie ein Briefträger zur Neujahrszeit lief sie daher, aber statt Päckchen und Kreuzbandsendungen waren es kleine Känguruhs, die aus ihrer Tasche kullerten. »Nun ist mir leichter,« sagte sie, als die Kleinen größer geworden, zu groß für den Schlafsack, »aber nun friert mich beständig. Ja, ja, die Kinder gehören der Mutter, doch nur so lange sie klein sind.« Denn ihre Schwäche waren wohl gewisse, etwas rührselige Gemeinplätze. Damals schon hätte ich ihr gern ein Schaltuch geschenkt.