Später dann wanderten ihre Kinder aus, in andere Gärten, und sie blieb allein. Mit den übrigen Nachbarn konnte sie sich nicht anfreunden. Es fehlte die Resonanz. Sie bezog ein leidlich großes Quartier, mit einer Trauerweide in der Mitte und ihrem Borkenhäuschen in einer Ecke, das mich immer an eine alte illustrierte Ausgabe von Paul et Virginie erinnerte, die wir auf dem Lande besaßen. Aber mit zwei Sprüngen war sie doch gleich am anderen Ende. Und das nagte an ihr. Bis sie dann älter wurde und ruhiger.

»Sie glauben nicht, was ich früher für ein Temperament hatte,« sagte sie. »Aber nun ist man ja zufrieden, wenn man sein Essen hat und sein Plätzchen im Grünen.«

Die Känguruhmutter wäre eine entzückende Kastellanin gewesen. Im grauen, gehäkelten Seelenwärmer, den Schlüsselbund am Gürtel, wie wäre sie emsig die weißen, hallenden Treppen auf und ab gerannt; wie pflichttreu hätte sie Staub gewischt. Wie hätte sie andachtsvoll die seufzenden Mahagonisekretärs geöffnet und aus der griechischen Tempelarchitektur im Hintergrund jene schicksalsschwere Wedgwoodtasse hervorgeholt und den Auserwählten gezeigt, wie auch das Original des berühmten, herzzerreißenden Sonetts, das der Dichterfürst damals, am Tag der Abreise, auf einen alten Brief gekritzelt hatte!

Wie würde sie mit der Überzeugungskraft steter Wiederholung, all die längst berichtigten Unwahrheiten über das Damenporträt im fürstlichen Alkoven den lauschenden Amerikanern versetzt haben, die gläubig und starr, in riesenhaften grauen Filzschuhen einen Halbkreis um sie bildeten, hypnotisierten Strandläufern vergleichbar! Und mit welcher Ehrfurcht würde sie den weißen Überzug eines Tapisseriesessels gelüftet und mit leiser Stimme versichert haben, die übrigen elf seien genau ebenso und alle, alle seien sie von der Hand der hochseligen Maria Pawlowna gestickt ...

II
Das Marmutzchen

Ganz im Dunkeln, hoch oben in einem Winkel hockt das Marmutzchen. Aber eigentlich heißt es Lemur und lebt in Madagaskar, wo ich auch leben möchte, denn ich glaube, ich könnte alles Böse vergessen, wenn ich eine Schar solcher Marmutzchen mein eigen nennte. Oder auch nur eins. Sie haben buschige Schwänze, wie Eichkaterchen, nur viel länger; spitze Schnäuzchen und spitze Öhrchen mit kleinen Haarbüscheln, große, große Glühaugen und kleine streichelnde Hände wie Affen. Aber sie sind nur Halbaffen und es wird gar kein Aufhebens mit ihnen gemacht.

Sie sollten ganz große Käfige haben – so groß wie der Käfig vom Lämmergeier –, um von einem Baum zum anderen zu springen, und überall kleine, verschwiegene Höhlen für Familienglück, und Bananen und Kirschen in Fülle. Sie machen den Menschen nichts nach wie die wirklichen Affen, die so traurig und beschämend sind, denn man taugt doch, weiß Gott, nicht zum Vorbild; nein, sie haben gar nichts vom Menschen, bis auf die kleinen schwarzen Hände, die innen kühl und zart und faltig sind; so wie ich mir Rumpelstiltzchens Hände denke.

Armer kleiner Lemur, ganz allein in seinem finsteren Winkel. Und dann pfeife ich – die ersten zwei Takte der Serenade aus Don Juan, und er klettert herunter und läßt sich krauen, so gut es durch das Gitter geht. Ach, wenn man doch Gottvater wäre, oder vielleicht besser noch Direktor des Zoologischen Gartens, da könnte man dem Marmutzchen noch glückliche Tage schaffen, ehe es stirbt. Denn schon ist es alt, sein Pelz ist schäbig geworden und die großen Glühaugen werden trübe, die kleinen Händchen können sich nicht mehr festhalten. O Wälder Madagaskars, o flüsterndes Schilfrohr, wo sich die Bäume im Abendrot der Sümpfe spiegeln ... Möchte die Seele des armen Marmutzchen zurückfinden in euer Dämmergrün, auf den Lianen schaukeln, die sich von Ast zu Ast schlingen, wenn die laue Luft durch die Wipfel geht und in der Lichtung der Mond über die Gräser trippelt.

III
Vom Seelöwen

Ich sagte zum Seelöwen: »Ihre schlichte Haartracht eignet sich wunderbar für das Element, in dem Sie leben. Aber es gehört Ihre Kopfform dazu, um so, aller Einrahmung bar, zu bestehen.«