Der Seelöwe schniefte. Ich wollte ihm mein Taschentuch geben, aber es war doch besser, nichts zu bemerken. Er hatte sich in seinem nassen Dekolleté ganz über die steinerne Brüstung seines Behälters gelehnt; mit der unbekümmerten Schamlosigkeit einer alten, fetten Palastdame, die einsam in der Hofloge einer kleinen Residenzstadt thront, wo die besseren Damen sonst nur in Seidenblusen, hoch herauf, erscheinen.

»Ihre abfallenden Schultern,« fuhr ich fort, »würden den seligen Winterhalter zu unsterblichen Werken begeistert haben. In meiner Kindheit war sein Ruhm auf dem Höhepunkt und die stolzesten Fürstinnen bestürmten sein Atelier. Schultern wie die Ihrigen waren damals Vorschrift; an ihnen rieselten die Mantillen nieder wie elegische Wasserfälle. Ja gewiß, er würde Sie gemalt haben, am Arm ein Körbchen mit ganz unwahrscheinlichen Weintrauben, bläulicher Parknebel und irgend etwas Gerafftes im Hintergrund. Vielleicht auch eine Balustrade. Solche lächelnden Damen hingen dann im Dämmerlicht in Salons mit Boulemöbeln, die sich immer kalt anfühlten, und karmesinfarbenen Sesseln und Sofas, wo die kleinen Mädchen Clementi übten oder etwas Leichteres von Chopin, zur Weihnachtsüberraschung für den Vater. Die Sonne glitzerte ab und zu in den Kristallkronen und alle Samstag kam der kleine asthmatische Uhrmacher und zog stöhnend die schwarze Marmorpendüle auf. Die Dame an der Wand sah lächelnd vor sich hin. Eine Tante, die im Ausland gestorben war ...«

»Sagen Sie mir,« sprach ich zum Seelöwen, »wenn Sie so vor sich hinsehen, kurzsichtig vor lauter Weitsichtigkeit, was ist's, das sich in Ihnen spiegelt? Die matte, tausendmal durchatmete Luft dieses Gartens weckt die Sehnsucht, aber tötet sie nicht die Erinnerung? Wenn Sie doch sprechen könnten! Stundenlang wollte ich Sie hinter Ihren kleinen Ohrlöchern krauen, wenn Sie mir von damals erzählen wollten, von den grünen, unmenschlichen Mondnächten über den Klippen, oder von der Tiefe, wohin die Stürme nicht mehr dringen, wo man zwischen Seepflanzen schwimmt, die beinah Tiere sind, die sich zusammenziehen und wieder auftun wie Fäustchen saugender Kinder. O wie begreife ich nun Ihr Schniefen, aus dem ich Ihnen beinah einen Vorwurf gemacht hätte. Ja, Sie fahren auf den Grund, Sie suchen, aber da ist nichts, alles zementiert, nur verfaulte Äpfel und aufgeweichte Brotrinden, womit Unwissende Ihr Becken verunreinigten; und dann fahren Sie hoch und prusten, und suchen in der Luft nach Salz, nach treibendem Seegrasduft ... Ja, und dann schwillt Ihr Hals an, mehr und mehr und pendelt wie irrsinnig von links nach rechts, Ihr kleiner Schlangenkopf biegt hintenüber, Ihr glitzernder Rachen öffnet sich und schleudert den Schrei hinaus, zweimal, dreimal, den großen, harten, heiseren Schrei, der Ihre glatten, gehorsamen Weibchen vor sich hertrieb, im Morgengrau, der Sandbank zu ... O Salz, Salzschaum in den Bartstacheln, gutes, beißendes Salz, das durch die kleinen, runden Naslöcher hochgepumpt, das Hirn spült und als eisklare Träne zurückrinnt in den tropfenden Bart. Ach, ich fühle es wohl, Sie sind hier gänzlich deplaciert. Aber wer wäre es nicht in einem Gefängnis ...!

Wie Sie diese Philister verachten müssen mit ihren Kuchentüten und Sonnenschirmen, mit ihren Brautpaaren und Kindern, die nicht gehorchen und doch vor allem Furcht haben. Wie erbärmlich ist dies Geschlecht, das seine Glieder versteckt und unter Wasser erstickt!

Sie in ihrem Niedergang sind jedenfalls ehrlich, leben nur noch für den Augenblick, wenn der Mann in der blauen Jacke Ihren Eimer voll kleiner, weißbäuchiger Fische in das Bassin schüttet. Und im übrigen grunzen Sie in der Sprache der Meergötter, die niemand versteht, und machen Wassergymnastik, und es wäre zu wünschen, Wagners Rheintöchter hätten Sie zum Lehrmeister gehabt.

Meine Hochachtung. Aber ich will gehen. Es hat mich alles etwas deprimiert. Wenn möglich, bringe ich Ihnen das nächstemal einen Seefisch. Seien Sie mir gegrüßt!«

IV
Myra

Es ging gegen Abend und ich wollte gehen, aber da lernte ich eine Amme kennen, ach, eine verzweifelte Amme, denn sie durfte nicht mehr zu ihrem Pflegekind. Manchmal hört man Mütter sagen, daß sie ihre Kinder vor Liebe fressen möchten, aber hier war es der Säugling, der die Mutter fressen würde. Ziemlich gelangweilt saß er hinter den Gitterstäben. Eine ganze Weile hatte er mit der dummen Holzkugel gespielt, denn das wurde von ihm erwartet. Was aber nun? Ab und zu blinzelte er hinunter zu ihr, die aus verschleierten Goldtopasen unverwandt zu ihm aufsah und nur ab und zu einen kurzen, sehnsüchtigen Blaff ausstieß. Er aber kniff die Augen zu; sein Schmerz war schon von der Watte Gewohnheit umwickelt; er träumte von seiner neuesten Entdeckung: Beefsteak.

Der Wärter kam und scheuchte sie hinaus; aber die Türen blieben der Wärme wegen geöffnet, so kehrte sie immer wieder auf ihren Platz vor dem Käfig zurück. »Ja, das Vieh kann einem dauern,« sagte der Mann. »Nun sind es schon vier Wochen, daß Cäsar II. entwöhnt ist, aber sie gibt noch immer keine Ruhe. Und gelitten hat sie auch, sie schwoll so furchtbar an und hatte richtig Milchfieber. Wir wollten ihr kleine Hunde anlegen, damit ihr leichter würde, die Jungen von der Polarhündin, die eingegangen ist. Mein Kollege hat alles versucht, aber nein, sie ließ sie nicht ankommen; sie ist nun mal an Löwen gewöhnt.«

Ich sah ihn an. »Ja, dies ist das drittemal, daß sie bei Löwen Amme ist. So eine gibt's bald nicht wieder. Aber jedesmal ist's beinah zum Sterben mit dem Absetzen, bis sie sich drein ergibt.«