Wieviel vernünftiger, dachte ich, handeln die Menschen. Ein deutlicher Fingerzeig, daß sie zum Herrschen erkoren sind. Da war Teresina, die Toskanerin. Sie kam, vom deutschen Arzt unter vielen Aspirantinnen auserwählt, zu meiner jungen Freundin, die sanft und erschöpft in ihren schönen Kissen lag. Teresina schien eine Bettlerin – sie kam in Lumpen. »Das,« sagte der blonde Germane, »darf Sie nicht irremachen, meine Gnädigste. Zu Haus hat sie Schränke voll Kleider und Wäsche. Dies ist hier nun einmal Geschäftsusance. Aber sehen Sie her ... ist sie nicht prachtvoll? Apri,« sagte er kurz und geschäftsmäßig.

Teresina öffnete ihr grobes und zerrissenes Hemd. Maria Beata wunderte sich. Sie hatte mehr erwartet. Gerade hier in der Heimat Michelangelos. »Klein,« sagte sie schüchtern. »Klein?« wiederholte der Blondbärtige verächtlich. »Juno könnte stolz sein auf eine solche Brust. Man bringe den Säugling,« setzte er sachlich hinzu.

Der Säugling wurde gebracht, von Maria Beata mit großen ängstlichen Augen verfolgt, ähnlich einer Katze, die zusehen muß, wie man ihre Jungen aus dem Neste hebt, um sie teils zum Leben, teils zum Stadtbach zu verurteilen. »Lege ihn an,« sprach der Teutone zur Toskanerin.

»Tesoro mio,« schrie Teresina auf, kaum daß sie ihn im Arm hatte. Und nun kam der Paroxysmus: »Subito si è attacato, povero bimbo, ma che tu hai patito la fame? Ah birbone, ah figlio d'un cane, ma che tu sei 'na sanguesuga? Eh Coccodrillo, eh rospo di macchia, ma la guardi come poppa!« Denn in jenem Lande versteckt sich mütterlicher Enthusiasmus schamhaft unter Injurien. Aber schon leckten ihre Augen gleich braunen Schlängelchen der Liebe und Eifersucht an den rosigen Gliedern ihres kleinen Milchsohns auf und nieder. Und Maria Beata erkannte, daß hier eine Mitregentin sei.

Als nach neun Monaten Teresina, mit einem rhapsodischen Zeugnis und zahllosen Geschenken versehen, das Haus der Tedeschi verließ, war dem ein kurzer aber rasender Schmerzensausbruch vorangegangen. Aber der Kopfputz aus dunkelroten, getollten Seidenbändern, der sie in eine Dahlie verwandelt hatte, die zitternden Silbernadeln und Korallenketten, die gestickten Busentücher und großen Musselinschürzen, die Hemden und Röcke, die Schuhe und Zwickelstrümpfe: alles ging mit, alles kam in den großen Cassettone zu Füßen von Teresinas mächtigem Ehebett. Und das war tröstlich. Ja, nun ging es heim zum Marito, der vor Porta Romana eine Droschke innehatte mit einem einäugigen Schimmelchen, la Stellina benannt, das mit grüner, heimlich ausgeraufter Gerste gefüttert wurde. Heim in den kleinen Vorort, wo die Frauen so gemütlich in Nachtjacken vor ihren Haustüren sitzen, mit Strohflechterei beschäftigt; wo es sich so nett und gründlich mit den Nachbarinnen tratscht, während über einem an den Hausmauern in praller Sonne, in vielen winzigen Käfigen, die kleinen, geblendeten Vögel unaufhörlich trillern, weil sie ja nicht wissen können, ob Tag oder Nacht ist.

»Ich habe sie gleich wieder vorgemerkt,« sprach der blonde deutsche Arzt. »Beim Principe O. hat soeben Donna Faustina, die älteste Tochter, sich vermählt. Ich denke, das kann gerade stimmen. Es ist immer gut für solche Fälle gerüstet zu sein. Und Teresina ist meine beste Nummer.«

Die schöne Ausstattung von Maria Beata würde natürlich verkauft oder im Cassettone verschwinden und Teresina würde auch dort ärmlich und abgerissen zum Antritt erscheinen, aber im Besitz ihrer göttlichen Brust und ihrer Zeugnisse auch dort ihre Mitbewerberinnen aus dem Felde schlagen. Um dann, den kleinen Principe im Arm, als königliche Dahlie in den historischen Gärten der fürstlichen Villa auf und nieder zu gehen; gefürchtet und geehrt ...


Ich kam noch einmal durchs Raubtierhaus. Cäsar II. trank gerade Milch aus einer Blechschüssel; aber er schien nicht recht bei der Sache: noch war ihm der Wärter das heutige Beefsteak schuldig. Myra aber, die Dogge, wurde soeben beim Halsband hinausgeschleift. Sie stemmte sich mit allen vier Pfoten, sie wandte den Kopf rückwärts, anklagend, verzweifelt, und ihre armen runzligen Zitzen baumelten leer und sinnlos wie ein Glockenspiel ohne Klöppel.