Wie sehr hatte sie dieses Land geliebt, ach, alles darin, an seiner Hand. Gleich anfangs, als es noch neu und überraschend war, die Wege wie Rätsel, so verlockend; immer höher hätte sie steigen mögen, an schwierigen Stellen half er ihr und lachte, und sie wünschte sich heimlich viel schwierige Stellen, weil er ihr dann die Hand gab, seine starke, warme Hand. Wie wonnig war's, wenn dann nach dem Steigen der Pfad am Berggrat eben entlang ging. Man schritt aus, so rasch und gesund, jede Sehne spannte sich, jedes Gelenk freute sich, bei jeder Biegung des Wegs war es, als trete man auf eine Brüstung mit neuem, verändertem Ausblick. Wie sich die Wolken im Tal verfingen, wehende Reitermäntel! Die Herdenglocken läuteten durch den Nebel. Durch verwitterte Dörfer kamen sie, so totenstill; die Leute alle fort beim Heuen, nur einsame Katzen vor verschlossenen Türen. Aber wo immer ein kleiner Platz war, da schattete ein Nußbaum, und darunter war der Brunnen – fließendes Bergwasser, stählern, eiskalt, unerschöpflich. Wie frisch und wasserklar war auch ihre Liebe auf diesen Wanderungen. Etwas Brüderliches war im Zusammenschreiten, Brudergefühl mitten in all der heftigsten Zärtlichkeit; ein Verstehen, als hätte man sich von Kind auf gekannt. Ja, sie brauchten einander nichts zu nennen, ein Blick, ein Aufleuchten, und die Schönheit dieses geliebten Landes schien sich zu weiten, sie zu umfangen und näher zusammen zu drängen mit froher, zwingender Gewalt. Oh, du tiefe, himmlische Gesundheit erwiederter Liebe!
Aber einmal hatten sie sich doch gezankt. Damals, beim Photographieren. Da war eine Bauernfrau, sie wollte ihre Kinder so schrecklich gern photographiert haben, und Meisi stellte sie zusammen, auf den Stufen vor der Haustür. Die Mutter band ihnen saubere Schürzen um und flocht dem kleinen Mädchen die Zöpfe. Und sie freuten sich so und waren ganz verschämt vor Stolz, und Meisi mußte ihnen versprechen, ein Bild zu schicken, natürlich nur, wenn sie nicht gewackelt hätten – und die Frau diktierte umständlich Namen und Adresse. Dann aber, als sie weitergegangen waren, hatte sie ihm eingestanden, der Film sei ja schon zu Ende gewesen, aber sie hätte der Frau doch die Bitte nicht abschlagen können, und die Freude hätte sie nun doch gehabt. Da lachte er, aber es hatte ihn verdrossen, und er sagte etwas, das sie furchtbar ärgerte.
Doch solcher Streit war bald verflogen. Dazu war alles viel zu schön; das Bergwasser, die prickelnde Luft und der Atem der Wiesen, tanzendes Licht und tanzende Schatten! Und sie zwei, sie zwei, ganz allein mitten drin!
Blauer Enzian! Hochstengelig, am Waldrand gewachsen! Wenn man hineinsah in die Kelche – wurde man selbst zur Biene, zur wohlig saugenden. Ach, und später dann, ein Stübchen, ein weißgetünchtes, dorthin gingen die Gedanken, atemlos, und standen still ... da war ein tannener Tisch und der Krug mit den scharf gezackten Blüten darauf; wie sie erst ertranken in der Dämmerung und später dann, als das Licht brannte, ihr Schatten erwachte auf der kahlen, reinen Wand!
An jenem Abend waren sie, nach stundenlanger Wanderung, in dem kleinen Gasthaus eingekehrt, das sich mit seiner Front über dem Berghang erhob, an dem das verwitterte Dorf hinunter kroch im Zickzack, an steiler, gepflasterter Straße entlang: Häuser mit uralten Schindeldächern, kleinen Terrassen und blumenbunten Altanen, Brunnen, wo Frauen Salat wuschen und Kühe tranken, stöhnend vor Behagen. Am einzigen, ebenen Platz lag die Posthalterei und, etwas erhöht, die kleine Kirche mit ihrem Gräbergarten, wo die Toten in einer Wildnis von Rosenbüschen und Butterblumen, zitterndem Hafer und flatterndem Mohn, beim Klang der Posthörner eine frohmütige Ruhestatt hatten.
Aber Meisis Zimmer sah nicht auf das Dorf hinab, ihre Fenster waren auf der Rückseite des Hauses. Dort lag eine weite Wiese, die sanft abwärts glitt in ein anderes, unsichtbares Tal. Da war alles weiß von wildem Kümmel, und wie dann der Mond hinter dem Lärchenwald aufging, glitzerten die flachen Dolden wie Rauhreif; man hätte sich gescheut hinauszutreten, diesen Zauber, diese Heiligkeit zu durchkreuzen.
Meisi hatte auf der Fensterbrüstung gesessen, er hinter ihr. Daran will ich denken, wenn ich nicht aus und ein weiß, wenn mich der Kopf brennt, dachte sie, und dann hatte sie sich zurückgelehnt und ihren Kopf in die kleine Mulde gelegt, zwischen seiner Schulter und Brust; da lag sich's still und sicher, und sein Herzschlag ging stark und ruhig. »Nun bin ich ein kleines braunes Haus,« hatte sie gesagt, »und deine Schulter ist die Bergwand, und deine Stirn ist der Gipfel, und nun sollst du sagen: Frieden über dem kleinen Haus!« Wann war das gewesen? Vier Wochen, nicht mehr? Wann hatte sie ihn denn nicht gekannt? War's möglich, als sie ganz klein war, mit einem Korallenkettchen und einer seidenen Masche im Haar, da ging er schon irgendwo in die Schule, und später dann war er Student, und eine Zeitlang lebten sie gar nicht weit voneinander und hatten doch nichts voneinander gewußt. Und nun wußte sie nur noch von ihm und er war die süße unbegreifliche Gegenwart; das Frühere ... ach, alles vergessen, so ewig lang war das her!
Aber nun sollte es aus sein. Nie wollte sie die Berge wiedersehen. Ach, wie furchtbar ist das in der Welt; mit dem Alter, muß man da immer mehr Umwege machen, immer mehr Stätten meiden? Nein, wie ein Messer ins Herz würde alles hier sein, wenn sie's je wieder sähe ... Auch Blumen gab es hier, kleine braune Orchideen, die wie schwedische Handschuhe rochen und jetzt eben, das Reseda, nach dem Gießen, und das Geräusch des eisernen Rechens im Kies ... das war nun alles schon verloren, sie mußte es von sich tun, sich nicht festklammern, nein, hergeben, hingeben, rasch, rasch. Sie wollte nach Hause reisen gleich, morgen schon, irgendein Vorwand würde sich schon finden. Denn Emmo durfte hier nicht her, nicht eine einzige Stunde. Wenn sie es nun alles hergeben mußte, die Wege hier, die wollte sie allein mit ihm gegangen sein, kein fremder Fuß, kein fremder Fuß ... Was hatte er doch gesagt: »Unser Schmerz ist kostbar, niemand soll die Hand dran legen.«
Ja, zu Haus würde es noch am besten sein. Pflichten sind ja auch ein Schlafmittel. So eine Art Stundenplan wollte sie sich machen, Sophie sollte ihr alles einteilen helfen. Morgens der Tee – schrecklich – aber es war wohl am besten gleich von früh an; dann Emmo bei den Büchern helfen, es war alles in Konfusion, und er dachte immer gleich, er würde betrogen. Dann war Interview mit dem Vatikan (Herr und Frau Inspektor trugen diesen Kollektivnamen), und da war auch zu begütigen, denn der Inspektor war brummig und unfehlbar, aber er hatte schließlich doch immer recht, und deshalb gerade konnte Emmo ihn nicht leiden. Dann ging sie wohl auch zur Gemeindeschwester, die Kinder sangen so blöde Liedchen; es waren ein paar dabei, die waren schön, mit langen Augenwimpern, aber sie durfte sich ihre Vorliebe für sie nicht merken lassen, denn es waren die Kinder vom polnischen Knecht, der immer betrunken war, und die Frau stahl wie eine Elster ... Dann nachsehen, ob Freda alles hatte, was sie brauchte, Mariagnes war versorgt, sie malte vormittags im Freien; ganz modern, lila Ackergäule auf gelben Feldern, eigentlich paßte das gar nicht zu ihr ... warum malte sie nicht all die süßen, stillen Blumen – ganz genau, wie sie waren – meinte Meisi – etwas Schöneres konnte man doch nicht erfinden ... Mittagessen! O Gott, die Unterhaltung! Wie so ein ausgeleiertes Dorfkarussell, man sieht denselben schäbigen Schimmel immer schon von weitem kommen. Hinterher mußte Freda in der Veranda etabliert werden, mit Memoirenliteratur, sie hatte eine Passion für Marie Antoinette. Sophie machte den Kaffee mit ihren lieben, dünngearbeiteten Händen. Später ausgehen mit Emmo oder fahren mit Mariagnes und Emmo, er war bei allem dabei, was war zu machen; wie eine Stubenfliege, die sich einem immer wieder auf die Nase setzt – der arme Kerl. Zum Tee kamen Pastors, und der Pastor redete über die Begehrlichkeit der unteren Klassen, war dabei aber gutmütig und half ihr mit den Landstreichern, die Emmo immer gleich dem Gendarmen ausliefern wollte. Die Pastorin war fein und leise, sie sagte immer: »Mein lieber Mann«, aber sie hatte ein Grübchen, wenn sie lächelte, wie herübergerettet aus ihrer Jungmädchenzeit. Ihr kleines Töchterchen hatte sich so furchtbar verbrüht und war gestorben unter entsetzlichen Qualen. Aber Sonntags saß sie in der vordersten Bank und sah zur Kanzel auf und hörte all die Worte mit blassem, geduldigem Gesicht ... Ob das wirklich ein Trost war? Manchmal ging Emmo zum Förster, da brauchte sie nicht mit. Aber allein mochte sie nicht sitzen. Sophie sollte kommen, ihr die Haare kämmen, das machte schön schläfrig, oder sie wollten kramen, die Sachen der Schwiegermutter waren noch immer nicht verteilt. Die Mahagonischränke seufzten beim Öffnen, als sei's die alte Frau selbst ... Später am Abend saß man unten im Gartensaal ... Nachtmotten schwirrten um die hohe Lampe, und Mariagnes öffnete den alten Flügel und spielte das Frühlingslied von Grieg und blieb im Mittelsatz stecken. Sie wollte lesen, sich Bücher kommen lassen, über Chemie und Volksernährung, was hatte er doch gesagt: »Meine Gedankenwelt, die dir fremd ist« – Ja und dann, nachher ... Sophie sollte bei ihr sitzen und von ihrer Kinderzeit erzählen, von der kleinen Stadt in Friesland, bis sie einschlief ...
Sie stand auf, sah sich um, fröstelte; und weil ihr die Glieder wie tot waren, griff sie nach seinem Arm, um aufzustehen. Der stützte sie, selbstverständlich wie immer. Nun standen sie beim Fenster, und die Abendsonne kam nur noch leise durch den Laden. Da fühlte sie ein Zittern, ein Werben in seinem Arm, und schon küßten sie einander, angstvoll und rasch, ohne Ruhe, ohne Lust, wie sich Menschen küssen, wenn das Schiff im Sinken ist. Aber in ihr wartete etwas und spannte sich, bis in die Fingerspitzen, und wollte gezwungen sein, nicht weil sie ihm recht gab, sondern weil sie ihn liebte. Aber da löste er leise die Arme, und sie fühlte ihre Lippen grau werden: Er hat mich geküßt, wie man seinen Koffer zuschließt.