Da trat sie noch näher ans Fenster und stieß rasch den Laden auf, und der letzte Abendglanz strömte herein und mit ihm der Duft und der Dunst der Wiesen. Wie im Traum, wie jenseits einer Brücke sah sie zurück auf ihn, sah die kleine zuckende Falte am Augenlid, die den Augen so große Freundlichkeit verlieh; die sie so sehr geliebt.

Heute nacht würde sie die Herdenglocken noch hören, fein und deutlich, am Berghang herauf. Aber er nicht mehr; denn er würde im Nachtzug sitzen und in der Frühe schon im heißen, schläfrigen Süden sein. Und was war's, das schon jetzt in ihrem Herzen zu nagen begann, leise, unerbittlich? War's der Groll, daß er sie nicht zu zwingen vermocht, alles zu lassen, um mit ihm zu gehen, das ganze Leben?

Wie es die Kinder erlebten

Es hatte damit angefangen, daß Tischler Dominik, der im übrigen auch Nachtwächter war und den inneren Menschen der Turmuhr in Ordnung zu halten hatte, schließlich doch geholt werden mußte; denn es war unausstehlich mit der untersten Schieblade der alten Schreibkommode, immer stellte sie sich schief; »wie ein eigensinniger Bock,« sagte die Kleudchen, und erst durch angestrengtes Rütteln konnte sie in eine normale Lage zurückgebracht werden.

»Und da wir schon einmal dabei sind,« sagte der Meister und starrte tiefsinnig über seine Stahlbrille ins Weite, »so woll'n wer auch gleich das übrije nachsehn, denn so was is eftersmalen en Familjenfehler.«

Ali und Adallah, die meist für Zwillinge gehalten wurden (es war aber ein Jahr Altersunterschied), fanden das ja nun äußerst interessant; denn wenn dabei auch nur Frau Kleudchens puritanische Nachtjacken, der »Pharus am Meere des Lebens« in verschossenem, violettem Einband, ein kleines Paket zusammengeschnürter Briefe und eine Feige aus Marmor – von Papa vor Jahren aus Italien heimgebracht – zum Vorschein kamen: Sachen von Erwachsenen, die so kühl feierlich daliegen, wie in Königsgräbern, haben immer etwas Apartes an sich, wenn sie plötzlich hervorkommen an die Tageshelle.

Aber nun hatte Dominik nach vielem Suchen in seinem Bund klirrender Haken, der ihm etwas angenehm Einbrecherhaftes verlieh, auch noch die schräge Klappe geöffnet, auf deren braunpolierten Fläche eine Wildschweinsjagd in gelbem Holz zwischen vier Tannenbäumen in grünem Holz dargestellt war. Dahinter wurden zwei kleine Fächer sichtbar. Das linke enthielt rostige Angelhaken, mehrere längliche Garnröllchen und ein dünnes rotes Buch, »Des Anglers Vademekum«. Dominik sah zu der Kleudchen hinüber, sie wollte etwas sagen, schloß aber wieder den kleinen, vergrämten Mund. Dann zog er auch das andere Schiebfach auf; es hatte sich ein Heft darin festgeklemmt. Er reichte es der Kleudchen; sie tat einen Blick hinein: »Die Wappensammlung vom jungen Herrn,« sagte sie und drückte das Heft wie schützend gegen ihr gestricktes Umschlagetuch. Aber unter dem Hefte hatte noch etwas gelegen, eine Photographie, vergilbt und verblaßt.

»Das ist die Frau, die bei Papa im Ankleidezimmer hängt,« sagte Ali. Seine Augen sahen alles. Ja, es war das nämliche, weichgerundete Gesicht, mit leicht zusammengeknifften Lidern, großem, lächelndem Mund, reichem, unglaublich reichem Haar, altmodisch kunstvoll aufgesteckt. Aber hier hatte sie ein komisches großkariertes Kleid an und einen kleinen Jungen in russischem Kittel auf dem Schoß.

»Dah,« sagte Adallah, der oben in der Nase etwas hatte, das demnächst operiert werden sollte, »das is Vate's este Fau, abe weh is de Junge?«

»Ihr müßt Mama fragen,« sagte die Kleudchen. Es war dieselbe Abwehr, die sie gebrauchte, wenn Adallah allzu genaue Auskunft über gewisse naturgeschichtliche Vorgänge von ihr verlangte.