Die Kleudchen hatte jetzt einen roten Fleck auf der Wange und telegraphierte mit den Augen. Tischler Dominik gab Ali das Handwerkszeug zu tragen und hielt Adallah seine kurze, breite Hand mit dem gespaltenen Daumennagel hin: »Nu kommt, Junkerkens,« sagte er einladend, »nu woll'n wer'n Leimtopf heißmachen;« und die Aussicht auf eine gemütliche, übelriechende Mantscherei ließ für diesmal alle anderen Spekulationen erblassen. Und Mama fragen? Ach, das war ja nicht möglich. Fragen konnte man Kleudchen oder den Kuhknecht oder Fritz Dralle (Dralle sen. war schon weniger ratsam), und allenfalls Papa, wenn er sehr guter Laune war; aber Mama? Nein, Mama antwortete man, aber fragen, das ging nicht.

Doch es kamen Wiederholungen, allerhand kleine Begebenheiten, die auf denselben Punkt zu deuten schienen und sich allmählich zu etwas Nebelhaftem verdichteten, von dem die Kinder nicht recht wußten, war es Erinnerung an Dinge, die sie schon erlebt hatten, oder Ahnung von etwas, das erst kommen sollte: Papa und Mama redeten zusammen, leise und erregt, Mamas große Augen wurden dunkel, so als sagten sie »Mut« oder »Rechtschaffenheit«; aber sie brach ab, wenn die Kinder ins Zimmer traten, und der Blick wurde wieder durchsichtig wie ein geschlossenes Fenster. Oder Papa trat plötzlich aus dem unbewohnten Zimmer auf halber Treppe, stand, als sähe er nichts, in der schrägen Nachmittagssonne, wo es nach Holz roch und nach Kleudchens Vesperkaffee; er, den man sonst nur in einer ganz besonderen Luft von Zigaretten und Juchten kannte, im Dämmerlicht auf dem Ledersofa ausgestreckt, wo über ihm die Rennpreise, die Pokale und silbernen Reitpeitschen aufblitzten, wenn ein Sonnenstrahl durch die Läden drang. Papa hatte rote Augen gehabt und zuerst gar nichts verstanden, als Ali, die Gelegenheit wahrnehmend, ihn anpiepste: »Ach, Papa, Dralle will das Gefleckte versäufen, weil es ein Weibchen ist, und es ist doch so wunderschön« – und Adallah eine Terz höher einstimmte: »Ach, nur nicht das Gefleckte, Väterchen, abe das Baune auch nicht!«

Wenn Tante Brunislawa und die Kleudchen beisammen saßen, war ein Gewisper und Geseufz; beinahe wie schuldbewußt sahen sie sich um, oder als stünde eine Tür ins Dunkle hinter ihnen offen. Tante Brunislawa schien noch öfters als sonst mit ihrem Orenburger Schal an allen Türklinken hängen zu bleiben, um dann, wenn man sie losgeheddert hatte, ganz verschüchtert weiterzuflattern wie eine wunde Schwalbe. War das auch immer so gewesen, dies Nach-der-Uhr-sehen, wenn die Postzeit nahte, dieser rasche Blick ins Vorzimmer, wo doch nur Papas Zeitungen lagen, oder Rechnungen in blauen und grauen Umschlägen, selten nur ein Brief? Und die Stühle und Sessel im Wohnzimmer, wenn die Großen weggegangen waren und man kam auf Fußspitzen zurück, um den kleinen Zinnjäger zu suchen, der unters Sofa gefallen war: standen die sonst auch so kurios zusammen, wie Verschwörer, die unterbrochen wurden in heimlichen Gesprächen?

Dazwischen schwand den Kindern wohl tage- und wochenlang dies ungewohnte Gefühl, als ob »etwas vorginge«; Papa hatte wirklich das Gefleckte begnadigt, und es war, nebst seinem Brüderchen, dem Braunen, zur Sonne geworden, um die sich der Knaben Leben drehte, das ja trotz Vater und Mutter, trotz der freundlich flatternden Tante Brunislawa und der treuen Kleudchen ein seltsam verschwiegenes, heimliches Leben war.

Mama! Ja – das war viel eiskaltes Wasser in der Frühe und harte Bettchen zur Nacht, und beileibe kein Nachtlicht und absolutes, strengstes Verbot, das Gefleckte nach oben zu nehmen. Mama war Morgenandacht mit einem Hintergrund von Kaffeegeruch und weißen, raschelnden Schürzen, aber nicht Abendgebet; letzteres gehörte zu Kleudchens Departement, die sich wie die Fledermäuse, denen sie ähnlich sah, mehr in den Dämmerstunden bemerkbar machte. Mama bedeutete ferner für Ali Kerbelsuppe und für Adallah Apfelreis, beides so über alle Maßen gräßlich, und da war kein Entrinnen. Aber Mama bedeutete auch Dinge, die fein waren, wo man sich selber fein werden fühlte, wie die dünne, schwingende Gerte in der Hand, wenn man aufs Pferd geklettert war und sich zuerst nur festklammerte, so gut es ging, denn das einzige, was man absolut nicht durfte, war herunterfallen, und dann allmählich, beim Traben, seine Muskeln und Gedanken zusammenfand, sich aufreckte und ins Lot kam. Mama sagte: »So ist's besser,« wenn man an ihr vorüberkam, dann mußte Dralle die Longe weglassen und später noch ritt man mit Mama querfeldein, und das war ehrenvoll, aber beileibe nichts zum Lachen. Nur dies Gefühl, als würde man feiner und biegsamer und härter dabei, das wuchs und war sonderbar ausfüllend und aufregend; man konnte an nichts anderes denken. Überall ging's so her, wo Mama dabei war, so mit angespannten Sehnen bis aufs letzte Haarbreit; aber doch immer, als dürfe man dabei nicht verweilen, als käme viel anderes nach, das noch zu bewältigen sei. Auch wenn Mama einen küßte, war das so, hoch oben auf die Stirn, in die Haarwurzeln hinein, ganz rasch, wie ein Stoß, und dann weg und was anderes. Neulich hatte Ali gezuckt, als der kleine Fuchs beim Striegeln auskeilte. »Ich glaube gar, der Junge hat Angst,« sagte Mama, und in ihre Augen kam der blaue Funken, der zurücksprang zu den alten, vertriebenen Sachsengöttern, die an Pferdeopfern Freude hatten ...

In solch straff gehaltenen Kinderexistenzen entwickelt sich Geschwisterliebe nachdrücklicher, wie das Zusammenhalten junger Pflanzungen an exponierten Stellen. Ali und Adallah brachten es fertig, in ihrem fest eingeteilten Dasein Augenblicke berauschender Opposition zu erhaschen, und das ganz absichtslos, denn sie waren gutartige Kinder und, ihrem Vater ähnlicher als ihrer Mutter, nervös und rasch aufflammend, aber ohne die nötige Ausdauer für ein richtiges Verschwörertum. Mama war ungemütlich, wenn auch durchaus nicht unheimlich, denn es gab bei ihr keine Überraschungen; hingegen mußte man Papa nur aus dem Wege gehen, wenn er gerade seinen Nervenschmerz hatte, sonst aber nahm er für die Unterdrückten Partei, konnte einen allerdings im kritischen Augenblick unerwartet im Stich lassen. So schlossen sie sich ohne Verabredung eng aneinander; sie waren zu klein und zu unklar, um sich über das, was sie peinigte, miteinander auszusprechen. Winzige Igel im Nest, alles noch weich und verwundbar; ein Rascheln, ein Lufthauch, der Witterung bringt fremder, feindlicher Dinge, und sie liegen da, zusammengerollt, mit allen zarten Stacheln in der Abwehr, und fühlen, es gibt etwas Schmerzliches, Grausames irgendwo, das auch sie in ihrem Schlupfwinkel eines Tages aufspüren wird.

Wie gräßlich zum Beispiel waren doch die Schlachttage! Die kaltblütigen Vorbereitungen am Abend vorher, die armen Verurteilten, die ahnungslos – wer weiß? – ihre Henkersmahlzeit verzehrten, die Gänse und Enten, die Schweine und, was am schauderhaftesten war, das Kalb! Dieses wurde zwar nicht auf dem Gutshof gemördert, aber in aller Frühe, wie aus blutigem Nebelgrau hervor, kam ein gräßlicher Mann mit rotem Gesicht, mit rotbesudelter Schürze; das Kälbchen mußte heraus, ganz dumm und warm und verschlafen, in die kalte, beißende Luft, es stemmte sich, es wollte nicht, seine Augen waren voll Entsetzen, es hörte seiner Mutter ängstliches Muh. Aber es wurde am Strick fortgezerrt, über die hölzerne Brücke, wo seine armen, unbeholfenen Füße polterten. Hatte es nicht etwas Revoltierendes, wenn bald darauf die Frühstücksglocke die Hausbewohner versammelte und Mama die Morgenandacht hielt? »Also hat Gott die Welt geliebt,« las sie. Und derweil wurde das Kälbchen auf der Landstraße fortgezerrt, der böse Mann fluchte, es bekam einen Tritt, wenn es stehen blieb. Mama dankte für Gottes Hut in der vergangenen Nacht ... Ach, die arme Kuh in dem dunkeln, feuchtwarmen Stall; das Kälbchen war ihre einzige Freude gewesen; wenn sie es leckte bekamen ihre großen düsteren Augen blaue Lichter, ihre Weichen schauderten glückselig, wenn das Junge nach dem Euter suchte, es hochstieß beim Saugen. Nun brüllte sie, gedehnt, in regelmäßigen Absätzen, man konnte zählen dazwischen. Und das würde noch tagelang dauern, sagte der Knecht.

Aber Mama war doch sehr gut dabei. Zu allen Kranken wurde sie geholt, wenn es was Ernstes war; sie wußte, was nötig war, und tat alles, ruhig und tröstend. Manchmal wachte sie viele Nächte durch bei den Kranken. Und wie Fritz Dralle in die Häckselmaschine geraten war, hielt sie seinen Arm, während er so entsetzlich stöhnte und Doktor Moldenhauer nähte. Sie selbst aber war nie krank. Qualvolles Kopfweh, ja, dann zuckte es im Augenlid und in der Schläfe ging's wie ein Hammer, da, wo die blauen Adern sind; aber sie gab nicht nach, immer zur Stelle, sommers um sechs und winters um sieben. Tante Brunislawa, welche die Cousine der ersten Frau war, fuhr schuldbewußt zusammen, wenn Mama sie bei ihren ewigen Patiencen ertappte. Und doch sagte Mama nie ein Wort und half Kleudchen mit ihrer endlosen Flickarbeit. In Tante Brunislawas Zimmer waren Heiligenbilder, goldene mit Schlitzaugen, und weiße mit blauen Mänteln, auf kleinen Postamenten; Tante kniete davor und sah zu ihnen auf, mit braunen, kurzsichtigen Augen wie Samtpensées. Wo es doch heißt: Du sollst dir kein Bildnis machen und keinerlei Gleichnis, dachte Ali. Aber nie sagte Mama etwas, eher noch Papa, der Witze machte über Beichtväter und dergleichen. Mama kämpfte sogar für Tante um die Kutschpferde, wenn Tante zum Ablaß fahren wollte, gar jetzt, wo man sie doch so nötig brauchte, um Wasser zu fahren ...

Ali und Adallah mußten sich in Selbstkasteiung üben. Ihre Anzüge und Schuhwerk wurden von Dorfkünstlern angefertigt; die Hemden aus grobem Leinen scheuerten fürchterlich, solange sie neu waren, auch war ihnen nahegelegt worden, den Zucker im Milchkaffee zu sparen zugunsten der Stadtmission oder als Beitrag zur Weihnachtsbescherung im Armenhaus. Seitdem tranken sie ihren Kaffee ohne Zucker, hatten sich seiner so entwöhnt, daß es sie keine Überwindung kostete, aber sie spürten auch weiter keine Freude an ihrem Opfer; vielleicht waren ja auch Opfer nicht dazu da.

Alle Donnerstag kam Herr Doktor Löschwitz zum Kaffee. Dies war die schlimmste Prüfung; denn weil sie nur einmal wöchentlich stattfand, konnte man sich nicht dagegen abstumpfen. Herr Doktor Löschwitz war ein gestrandeter, nicht mehr junger Philologe, der vor Jahren Papa durchs Abitur gelotst hatte; nun bekam er Kost und Wohnung, zwei Stübchen im Seitengebäude, mit dem Blick auf den Hühnerhof. Herr Doktor Löschwitz trug eine Art Respirator aus schwarzem Taft über der Nase befestigt, fast wie eine kleine Maske; darunter war etwas Schreckliches, das für Herrn Doktor Löschwitz den Tod bedeutete; man konnte es ahnen, denn die Entzündung hatte schon Wangen und Oberlippe ergriffen. Ali gewann es über sich, hinzusehen, er konnte ganz steinern werden, wenn er sich so Gewalt antat; aber Adallah wurde rot und blaß und senkte die Augen, sobald nur Doktor Löschwitzens Schritt im Flur ertönte. »Albrecht und Adelbert, gebt Herrn Doktor Löschwitz die Hand,« sagte Mama, die es gewiß fertig gebracht hätte, den armen Lazarus aus dem Gleichnis zu küssen. In aller Stille dachte Adallah, das Schicksal zu beschwören. Am Mittwoch schon überkam ihn das Grauen; er stand nachts auf, fröstelnd in seinem kurzen Hemd stand er auf der Diele und horchte auf die Turmuhr. Wenn er eine ganze Stunde reglos ausharrte und immer an das nämliche dachte, würde Doktor Löschwitz irgendeine kleine unschädliche Krankheit bekommen, so daß er morgen absagen mußte. Aber das Zaubermittel versagte, während es doch damals bei dem Kalbe so wunderbar geholfen hatte, und da hatte er doch um etwas viel Durchgreifenderes gebetet. Das Kalb hatte etwas mit dem Bein. Es lag stöhnend im Stroh, und Adallah hörte den Inspektor zum Knecht sagen, es solle den nächsten Morgen geschlachtet werden. Da hatte er denn die halbe Nacht auf der kalten Diele gekniet; und wirklich, es half, das Kalb war in der Nacht von selbst gestorben, ganz still. O lieber, lieber Gott, nein, aber du bist doch wirklich gut, dachte Adallah, als er's erfuhr; als müsse er Gott Abbitte leisten für voreilige, abfällige Urteile.