»Nichts! Ich komme nach Hause und esse, ohne zuvor die Hände zu waschen. Mein Weib will mich zur Rede stellen – ich schlage sie ins Gesicht. Ich lege mich zu Bett und spreche nicht das Abendgebet. Meine Lippen wollen von selbst ›Höre Israel!‹ sprechen, doch ich beiße sie mit den Zähnen. Und am Morgen: weder Segensspruch, noch Handwaschung, noch Morgengebet: Er soll mir zu essen geben! Mein Weib rennt aus dem Hause ins Dorf zu ihrem Vater, dem Pächter. Also bleibe ich ohne Weib! Es ist mir sogar lieber so: ich bin ja Berl der Schneider, doch sie ist nur ein schwaches jüdisches Weib, – soll sie lieber damit nichts zu tun haben. Und ich tue das meinige: am Laubhüttenfest weder Laubhütte, noch Palmenzweig. An den Festtagen spreche ich keinen Segensspruch über den Wein, und am Simchas-Tojre-Tag, an dem uns die Thora gegeben wurde, ziehe ich mir, wie Mordechai nach Hamans Mordbeschluß, zum Zeichen der Trauer einen Sack an!

»Und wie die Zeit vor dem Neujahrsfeste kommt, wenn man jede Nacht ins Bethaus geht, um Bußgebete zu sprechen, da wird es mir schon etwas bange: der Schuldiener klopft jede Nacht ans Fenster, um mich zu wecken, und mein Herz klopft auch. Es zieht mich hin … Aber ich bin ja Berl der Schneider und halte mein Wort! Ich ziehe mir die Bettdecke über den Kopf und gebe nicht nach. Dann kommt das Neujahrsfest – ich rühre keinen Finger. Und wenn die Stunde kommt, wenn man Schojfer[(9)] bläst, stopfe ich mir Werg in die Ohren … Das Herz will mir aus dem Leibe springen, Rabbi! Ich habe vor mir selbst Ekel: ich bin ungewaschen und trage schmutzige Werktagskleider. Ein kleiner Spiegel hängt bei mir in der Stube – ich kehre ihn um zur Wand, ich will mich nicht sehen! Und wie ich höre, daß die Gemeinde zum Flusse geht, um die Sünden ins Wasser abzuschütteln …«

Er verstummt für eine Weile und ruft dann aus:

»Aber recht habe ich, Rabbi! Und ohne was zu erreichen, will ich nicht nachgeben!«

Rabbi Levi-Jizchok denkt eine Weile nach und fragt:

»Was willst du also, Berl? Willst du Arbeit und Verdienst?«

»Ich spucke auf Verdienst!« erwiderte Berl beleidigt. »Verdienst hätte ich vorher haben sollen! Auf Verdienst hat jedermann Anrecht! Der Vogel in der Luft, der Wurm in der Erde – sie alle haben ihr Auskommen. Verdienst ist etwas Selbstverständliches. Jetzt will ich mehr!«

»Sag doch, Berl, was du willst!«

»Ist es wahr, Rabbi, daß am Jom-Kippur nur die Sünden des Menschen gegen Gott verziehen werden?«

»So ist es!«