Bei Licht, im warmen Bethause, den offenen Talmudband vor mir, fürchte ich allein nichts! Ich bin vertieft, ganz wie es sich gehört.
Die Thora gleicht doch, wie ihr wißt, dem Meere. Die Wellen schlagen und wollen mich verschlingen … Doch ich kann schwimmen! Ich tauche unter und bin schon wieder oben! Zuweilen wird das Meer still; schön, rein und klar wie der Himmel liegt es da, und meine Seele badet im frischen, belebenden Wasser; sie gleitet wie über einen Spiegel dahin in Wonne und Schönheit … Und das Wasser wäscht sie, reinigt sie von allen Flecken, von den schwarzen irdischen Stäubchen …
Und rein und heilig wird meine Seele …
Doch plötzlich fühle ich einen brennenden Schmerz in den Fingern, und ich sitze im Finstern …
Der Lichtstummel, den ich in den Fingern hielt, ist ausgegangen!
Alleinsein im Finstern fürchte ich. Und es überfällt mich eine große Angst!
Wenn es um mich herum hell ist, bei Tage oder auch bei Nacht, fürchte ich nichts. Mir ist gut! Ich sehe die Welt, und ich spüre den Hausherrn über der Welt! Ich sehe die Welt, und die Welt sieht mich. Und ich weiß, daß ich ein Teil der Welt bin, und daß ihr Hausherr auch mein Hausherr ist; daß ohne seinen Willen mir kein Haar gekrümmt werden kann. Er wird es nicht dulden, und auch die Welt selbst wird es nicht dulden. Warum sollten sie es auch zulassen?
Aber wenn ich allein im Finstern bin und die Welt nicht sehe, dann – ach, dann höre ich überhaupt auf, Mensch zu sein! Mich befallen böse Gedanken, und es scheint mir – Gott möge mich dafür nicht strafen –, daß ich gar keinen Zusammenhang mit der Welt mehr habe, daß man mich von ihr losgetrennt und aus ihr weggeführt hat … Ich habe mit ihr nichts zu tun; weder ich, noch mein Weib, noch meine Kinder … Nichts haben wir mit ihr zu schaffen! Gleich wird man mich oder einen von uns ganz still wegtun, und niemand wird es sehen, niemand wird es wissen und gewiß niemand fühlen.
Kaum war das Licht ausgegangen, als mich gleich meine Festtagsseele, die nur während des Lernens in meinem Leibe ist, verließ und ich bei meiner zitternden, erschrockenen Werktagsseele blieb, bei der Seele des bettelarmen Melameds … Ich bin wieder ein Nichts, ein Wurm, ein verlorenes Ding …
Und meine Lippen zittern: Gott soll helfen! Gott soll helfen!