Man weiß, wie Goethe über das alte edle Ihr dachte, von dem er sich so schwer trennte und in das er in seinen späteren Jahren gerne zurückfiel. Ich möchte jedoch zu den schon genannten Schäden des „Sie“ noch einen nennen. Es übt im Umgang, verglichen mit dem Vous und You, eine erkältende, entfremdende Wirkung, vor der die ganze Sprache zu erstarren scheint. Ich konnte es späterhin im Auslande nicht fertig bringen, mit französisch oder englisch redenden Freunden, wenn sie mir einmal nähergetreten waren, meine eigene Muttersprache zu sprechen, auch wenn ich darum gebeten wurde, denn ich hatte das peinliche Gefühl, mit dem gespreizten Sie auf einmal eine Scheidewand aufzurichten. Die ganze sprachliche Einstellung sträubte sich, aus einem freundschaftlichen Vous in das starre, unpersönliche Sie überzugehen. Das Sie erschwert auch den Ausländern die deutsche Satzbildung (Skandinavier schreiben in deutschen Briefen meistens „Sie hat“) und ist dadurch der Ausbreitung unserer Sprache hinderlich.
Auch in Tübingen fuhr Mama fort, mich selber zu unterrichten, doch handelte sich’s dabei mehr um die lebendige Anregung als um eigentliche Übermittlung des Lehrstoffs, und es blieben viele Lücken, die ich später allein ausfüllen mußte. Für den schlechten Ausfall des Arguments entschädigte ich sie dadurch, daß ich den „Guten Kameraden“ von A bis Z in lateinische Verse brachte, wobei allerdings an einer gar zu wackligen Stelle der Papa eine Zeile einflickte, die sich ausnahm wie ein Lappen feines Tuch auf einem verschlissenen Kittel. Aber das gute, leicht befriedigte Mütterchen war hoch erbaut und sang fortan das Uhlandsche Lied am liebsten in meiner Lesart: Habebam commilitonem etc. Daß ich für die lateinische Grammatik noch immer keine Begeisterung zeigte, schrieb sie der Unvollkommenheit ihrer eigenen Kenntnisse zu und sah sich nun nach einem Lehrer für mich um, den sie in Gestalt eines blutjungen katholischen Theologen aus dem Konvikt gefunden zu haben glaubte. Allein dieser hielt mich meiner Größe nach für erwachsen, behandelte mich barsch, um sich der fremdartigen Schülerin gegenüber eine Haltung zu geben, und verbot mir sogar, ihn anzublicken. Gleich nach der ersten Stunde erklärte er meiner Mutter, daß das Lehramt bei einem jungen Fräulein mit seinem künftigen Beruf unvereinbar sei, und kündigte den Unterricht auf. Aber das ist ja gar kein Fräulein, sagte meine Mutter verblüfft, das ist ein Kind von elf Jahren. Allein er blieb bei seiner Weigerung, und damit fiel das Latein für längere Zeit ganz zu Boden. Die Anfänge der neueren Sprachen brachte sie mir auf dem lebendigen Wege bei, auf dem sie selbst sie von ihren ausländischen Gouvernanten empfangen hatte, während meinen Brüdern auf der Schule auch das Französische und das Englische zu toten Sprachen gemacht wurden. Dies war der einzige Punkt, auf dem meine so sehr erschwerte Ausbildung sich den Brüdern gegenüber im Vorteil befand.
Da mein Tag durch keinen festen Plan gebunden war, schwelgte und praßte ich in einer Fülle von Zeit, von der der erwachsene Mensch sich keine Vorstellung mehr machen kann. Zu allem, was mir einfiel, hatte ich die Muße. Meine liebste, heimlichste Beschäftigung war, in ein mir von der Mama zu diesem Zwecke schon in Kirchheim geschenktes Büchlein eigene Verse zu schreiben. Denn seit sie mir jenes Mal erlaubt hatte, an einer ihrer metrischen Arbeiten teilzunehmen, war in mir der Trieb zu ähnlichen Versuchen erwacht. Mit dem ersten machte ich freilich eine erschütternde Erfahrung, denn der Geist war zur Unzeit über mich gekommen, als ich gerade an einem lateinischen Übungsstück aus dem Middendorf saß, worin ein Begebnis aus dem Leben Alexanders erzählt war. Da ergab der erste Satz ganz von selbst ein gereimtes, wenn auch äußerst prosaisches Zeilenpaar, und um mich von der Langeweile der Grammatik zu erholen, fuhr ich fort und brachte das ganze Stück in ähnlich hölzerne Verse. Damit weihte ich voller Freude mein neues Büchelchen ein. Aber alsbald wurde mir dieses von den Brüdern entrissen, und die trockene Ernsthaftigkeit des Erzeugnisses erregte ein nicht endendes Gelächter. Weil der lateinische Text mit sine dubio begann, hatte auch ich meinen Gesang mit „Ohne Zweifel“ angehoben, was von unwiderstehlicher Wirkung war. Alle lernten ihn auswendig, um mich zu peinigen, und sobald nur jemand fortan die Worte „ohne Zweifel“ aussprach, wurde ich rot und blaß aus Furcht, daß Alfred sie als Stichwort aufnehmen und sogleich die ganze Litanei abschnurren werde. Trotz diesem schrecklichen Fiasko setzte ich aber meine Versuche fort, indem ich mich nun zu einem höheren Flug nach dem Muster Schillerscher Balladen erhob. Die Muse besuchte mich nur des Nachts, wenn alles still im Bette lag. Dann wachte ich unter schaurig süßem Herzklopfen, bis auch der letzte widerstrebende Reim sich einfügte, und wenn am Morgen noch alle Verse beisammen waren, daß ich in irgendeinem sicheren Versteck das Ganze meinem Büchlein einverleiben konnte, so genoß ich die vollkommenste irdische Glückseligkeit. Aber nicht auf lange, denn bei unserem engen Zusammenwohnen ließ sich der Schatz nicht für die Dauer verbergen. Die Gedichte wurden hinter meinem Rücken herumgezeigt, Erwachsene redeten mich darauf an und versetzten das kleine Seelchen in bittere Pein, denn das Lob, das mir unangebrachterweise gespendet wurde, vermochte mich nicht über die gewaltsame Entweihung zu trösten.
Ein Fluchtversuch.
Als einziges Mädchen zwischen vier Brüdern hatte ich trotz dem Vorzug, den ich beim Vater genoß, einen schweren Stand, denn ich war so zwischen die wilde Schar hineingeschneit, daß ich weder auf das Ansehen einer ältesten noch auf die Begünstigung einer jüngsten Schwester Anspruch hatte. Edgar war wegen seiner ehemals zarten Gesundheit an viele Rücksichten gewöhnt worden und nahm jetzt durch das Recht der Erstgeburt und seine hervorragende geistige Begabung eine Sonderstellung ein, die er als ein Naturrecht behauptete. Aber der derbe, urgesunde Alfred erkannte sein Übergewicht nicht an, für ihn galt nur das Recht des Stärkeren, und das neigte sich auf seine Seite. Daher brandete um den gebietenden Erstgeborenen ein beständiger Aufruhr, von dem alle Geschwister mitzuleiden hatten, und es wiederholte sich im kleinen das Drama, das ein ganzes Volk erschüttert, wenn zwei gleich kraftvolle, aber ungleich geartete Stämme im Hochgefühl ihrer Sonderart um die Vormacht ringen. Meine Mutter konnte die gewaltsamen Geister nicht bändigen, und den Vater, der drei Viertel des Tages auf der Schloßbibliothek mit amtlichen und literarischen Arbeiten beschäftigt war, verschonte man, wenn er spät nach Hause kam, soviel wie möglich mit der Chronik des Bruderzwistes.
Ich habe das spätere Leben dieser beiden Brüder, ihr segensreiches ärztliches Wirken in Italien und ihr treues Zusammenstehen bis zu ihrem vorzeitigen Tode anderwärts erzählt[2], und in meiner Hermann-Kurz-Biographie ist auch ihr frühes Knabenbildnis zusammenfassend gezeichnet, so daß mir hier nur wenig nachzuholen bleibt. Wenn sie nun auf diesen Blättern manchmal weniger liebenswürdig erscheinen werden, als in den ihnen eigens gewidmeten Aufzeichnungen, so erklärt sich das von selbst aus ihrer damaligen Unreife und aus der Beleuchtung des häuslichen Alltags. Besonders Alfred, der kleine, trotzige „Butzel“, hatte eine harte Schale abzulegen, ehe seine frühere Wildheit sich als die unwiderstehliche Lebensfülle kundtat, die ihm später alle Herzen gewinnen sollte. Damals hielt er mit seinen Entwicklungskrämpfen das ganze Haus in Atem. Seine Rauheit stach dermaßen von Edgars vornehmem Anstand und des jüngeren Erwin zierlicher Geschmeidigkeit ab, daß Mama entsetzt klagte, in diesem Sohne seien alle Reutlinger Zinn- und Glockengießer wieder lebendig geworden. Aber mein Vater sagte lächelnd: Laßt ihr Aristokraten mir meine Vorfahren und meinen Butzel ungeschoren. Der wird noch der Beste von allen, wenn er einmal seine Hörner abgelaufen hat.
Gegen das weibliche Geschlecht hatte der Trotzkopf einen dämonischen Haß, den er schon als kleines Kind an den Dienstmädchen und den weiblichen Gästen des Hauses zu betätigen suchte. In der Schule wurde er in dieser Gesinnung noch bestärkt, denn die Mädchen standen da in tiefer Mißachtung, und wenn ein „Bub“ mit einem „Mädle“ ging, so sangen ihm die Kameraden seinen Namen in einem Spottvers nach:
N. N. möcht’ ich gar nicht heißen,
N. N. ist ein wüster Name,