Bei ihrem ersten Besuch in Tübingen, bald nach unserem Einzug, brachte sie auch ihr etwa sechsjähriges Töchterchen Berta mit, einen bildschönen, ganz andalusisch aussehenden Krauskopf mit Quecksilber in den Adern. Wie die dunkeläugige Kleine im spanischen Zigeuneranzug ihren Fandango tanzte und kastagnettenklappernd durch die Zimmer raste, glaubte man sich unmittelbar in den Süden versetzt. Als die spanischen Gäste zum erstenmal im Hause schliefen, wartete ihrer eine Überraschung, an die man sich später oft mit Heiterkeit erinnerte. Mitten in der Nacht fuhr Hedwig laut schreiend aus dem Bette, weil sich etwas Eiskaltes, Glattes unter der Decke um ihre Glieder gewunden hatte. Es waren Edgars Ringelnattern, die sich auch an dem festlichen Ereignis beteiligen wollten und auf unerklärliche Weise aus ihrem Behältnis entwichen waren, um den Gast nächtlicherweile zu umstricken. Doch Hedwig war eine starkgeistige Frau und gab sich nach Feststellung der Tatsache schnell zufrieden; sie hatte in ihrem Leben gefährlichere Abenteuer bestanden als dieses. Ich hörte immer selig zu, wenn sie von ihren kühnen Ritten in der Sierra Nevada oder von stürmischen Meerfahrten im Golf von Biscaya erzählte, denn das waren Dinge, die ich auch für mich selber ersehnte.
Hedwig war sich einer besonderen Macht über junge Menschenherzen bewußt und übte sie auch gern an Kindern. Wir hingen alle mit leidenschaftlicher Bewunderung an ihr. Ich war stolz, wenn ich an ihrer Seite ausgehen durfte, denn wer hatte einen so schönen Gast wie wir! Es gefiel mir unendlich, daß sie sich im Gegensatz zu den schwäbischen Frauen so jugendlich und elegant kleidete. Jene schlangen, sobald sie verheiratet waren, ein grobfädiges, schwarzseidenes Netz um die Haare, trugen um die Schultern einen ins Dreieck gelegten Schal und gaben damit zu verstehen, daß sie fortan auf jeden Männerblick verzichteten. Hedwig brachte jedesmal einen Koffer voll Pariser Kleider mit. Ihr damaliges Bild schwebt mir mit einer Riesenkrinoline vor, in grasgrünem Kleid vom neuesten Schnitt nebst Pariser Hütchen, worauf ein grüner Papagei thronte, von einem langen, ebenso grünen Kreppschleier umflattert. Ein kleines grünseidenes Knickschirmchen gab dieser Schöpfung in Grün die letzte Weihe. Ob die grüne Pracht mir heute noch ebensogut gefallen würde, weiß ich nicht, damals schien sie mir der Gipfel des Geschmacks und der Schönheit, und ich wünschte mir lebhaft, dermaleinst, wenn ich groß sein würde, einen ebenso langen und ebenso grünen Schleier auf dem Hute zu tragen.
Als die spanischen Gäste wieder abgereist waren, kamen Hedwigs Briefe, kleine Manuskripte, an Mama. Die Post traf gewöhnlich des Morgens ein, um die Stunde, wo ich auf einem der gelbdamastenen Empirehockerchen saß und Mama mir die Haare kämmte, deren Länge und Fülle ihr täglich viel Zeit wegnahm und von dem Kinde selber nicht bewältigt werden konnte. Also ließ sie sich von mir während dieses Geschäftes die eingelaufenen Briefe vorlesen. Das waren natürlich für mich sehr spannende Augenblicke. Mein Mütterlein war die treueste, zuverlässigste Freundin ihrer Freundinnen. Alle Verwicklungen fanden bei ihr Verständnis und Teilnahme — unsere Josephine pflegte sie schon in ihren Mädchenjahren Frau Minnetrost zu nennen, nach der Fee in Fouqués Zauberring — und nie kam ein Wort von dem, was sie wußte, gegen andere aus ihrem Munde. Nur vor mir hielt sie nicht leicht etwas geheim. Ich war ihre Vertraute und kleine Sekretärin, ihr anderes Ich. Sie konnte meiner Verschwiegenheit und Zurückhaltung gewiß sein; wie ich hernach das Vernommene meiner Innenwelt eingliederte, war meine Sache. Meine Mutter hatte ein rührendes, selbstverständliches Vertrauen, daß nichts diese Kindesseele zu schädigen vermöge. Man nahm sich damals überhaupt Kindern gegenüber viel weniger in acht; trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, blieben die Kinder länger in der Unschuld. Ich habe mich auch überzeugt, daß eine junge Seele aus dem Leben wie aus Büchern doch nur aufnimmt, was ihr verwandt ist; das Ungleichartige bleibt wie ein Fremdkörper liegen. Nur verlernte ich frühzeitig die Neugier und jedes Verwundern über Menschliches, Allzumenschliches, denn es war alles schon dagewesen. Die Briefe Hedwigs lasen sich wie kleine Romane in Fortsetzungen. So erinnere ich mich, einmal lange Zeit die Geschicke eines gewissen Pablo — ich lernte ihn nur mit dem Vornamen kennen — mit brennender Neugier verfolgt zu haben, eines reichen spanischen Lebemannes, der, nachdem er eine Reihe von Ehen im Stil des Don Juan Tenorio zerrüttet hatte, spät noch ein schönes, sehr geliebtes Mädchen heimführte, um sich dann am eigenen Herde von ihr sagen zu lassen, sie werde ihm niemals angehören, weil sie einen anderen liebe, was er als Sühne für seine früheren Verschuldungen hinnehmen mußte. Eigentlich war jedoch die Stunde des Kämmens zugleich die des Unterrichts, zu dem die Briefe nur ein schmackhaftes Beigericht bildeten. Mama hatte frühzeitig begonnen, mich in fremde Literaturen einzuführen, aber nicht an der Hand eines Lehrbuchs — eine Literaturgeschichte gab es im ganzen Hause nicht —, sondern indem sie französische und italienische Dichter mit mir in der Ursprache las. Von den Franzosen genoß Voltaire ihre große Vorliebe, er gehörte zu ihrem täglichen Umgang, denn der Geist der französischen Aufklärung war ja der Mutterboden der Revolutionsideale. Kritisch waren wir alle beide nicht, so genossen wir zunächst die Voltaireschen Dramen der Reihe nach. Wir freuten uns, die geliebten Züge der griechischen Mythe hier wiederzufinden, und nahmen den schematischen Aufbau, die schattenhaften Gestalten und die gestelzten Alexandriner als das Gegebene in den Kauf. Nachdem die Tragödien Voltaires erledigt waren, ging es unter beiderseitigem Ergötzen an seine Romane. Wiederum ein etwas fragwürdiger Lesestoff für eine Zwölfjährige, der mit anderen Fragwürdigkeiten so hinuntergeschlungen wurde. Als ich einmal erwachsen den „Candide“ wieder las, besann ich mich vergeblich, wie sich wohl damals die Abenteuer der Mademoiselle Cunégonde und die Betrachtungen des Doktors Pangloß in meinem Kinderkopfe dargestellt haben mögen. Wodurch hatte es dieser Schriftsteller, der dem großen Friedrich der schönste Geist aller Zeiten deuchte, auch meiner Mutter so sehr angetan? Sie muß wohl in der erhabenen Einfalt seines „Candide“, seines „Ingénu“ ein Stück von sich selber wiedergefunden haben. Daß die Anstößigkeiten nicht plump und deutlich im Raume stehen, sondern nur als sprachliche Schöpfungen vorhanden sind, nahm ihnen für sie alles Bedenkliches. Sie gab sich aber von ihrem literarischen Geschmack keine Rechenschaft, sie folgte nur ihrer angeborenen feinen Witterung. Voltaires unerreichter Prosastil, die geniale Art, wie er das Zeitwort verwendet, diesen springenden Muskel der Sprache, der so viel sinnfälliges Leben gibt, die feine Komik seiner homerischen Wiederholungen und der drollige Gebrauch, den er von der französischen Vorliebe für die Antithese macht, das alles genoß ich dann doch erst in späteren Jahren beim Wiederlesen mit vollem Bewußtsein. Man beschäftigte sich übrigens nicht allein mit französischer Literatur, auch die Komödien Goldonis wurden auf diese Weise durchgenommen, die freilich beim Lesen nicht zu ihrem Rechte kommen. Ein andermal verlegten wir uns auf Huttens „Epistolae virorum obscurorum“, denn von irgendeinem geregelten Lehrplan war gar keine Rede. Während ich las, bearbeitete Mama mit einem großzahnigen Striegel meine Mähne, wobei sie mit ihrem gewohnten Ungestüm verfuhr und mir manchen Schmerzensschrei entlockte. Wenn zufällig mein Vater ins Zimmer trat, so suchte er ihr klarzumachen, wie man den Schopf mit der einen Hand fassen und mit der anderen schonend den Kamm durchziehen müsse. Aber die Ungeduld lief immer gleich wieder mit ihr davon.
Zur Begütigung erlaubte sie mir zuweilen, ihre schöne messingbeschlagene Schatulle herbeizuholen und in den alten Liebesbriefen zu wühlen, die ihr in Jugendtagen geschrieben worden waren. Da erbauten mich vor allem die Episteln eines 48er Flüchtlings namens Elias, dessen leidenschaftliche Überspanntheit ganz nahe an Geistesstörung grenzte. Einmal schrieb er, wenn sie je der Sache der Freiheit untreu würde, um einen Standesgenossen zu heiraten, so würde er das Exil brechen, um sie mit eigener Hand zu erdolchen. Dieser arme Elias mit dem so gut zu dem Namen passenden Prophetenton wurde zu einer heiteren Märchengestalt meiner Jugend, und oft schilderte ich ihn meiner Mutter, wie er auf feurigem Wagen rotdurchleuchtet und flammenhaarig daherkam, um sie zu holen. Einer seiner letzten Briefe schloß mit den Worten: „Legt’s Haupt heldenhaft hin, Ehre gibt’s nur drüben überm Tode. Hinweg den Blick!“ Wenn ich diese Stelle mit possenhaftem Pathos vorlas, so riß mich mein Mütterlein wohl entrüstet am Zopf, den sie eben flocht, aber sie konnte sich doch nicht erwehren, mitzulachen.
Besagte Schatulle verbarg außer den Briefen noch andere Kostbarkeiten, wovon uns Kindern keine so merkwürdig war wie das Rote Album, der tollste Nachklang des Jahres 1848.
Ein Zeitgenosse weist darauf hin, daß das „tolle Jahr“ sich in der überlebenden Vorstellung als ein Zeitpunkt lustigen Wahns festgesetzt habe und daß diese falsche Auffassung aus dem geraden Gegenteil einer heiteren Täuschung, aus der hoffnungslosen Selbstironie der besten und tapfersten Achtundvierziger entsprungen sei. Von diesem Galgenhumor der Revolution gab es vielleicht kein schlagenderes Beweisstück als das Rote Album meiner Mutter. Mit seinem grellroten Einband und noch röteren Inhalt, mit roter Tinte auf rotes Papier geschrieben, war es der „Bürgerin Brunnow“ im Jahr 1849 als ein Angebinde der Demokratie überreicht worden. Die verschiedenen Handschriften und die zum Teil ganz unorthographische Schreibweise sollten den Eindruck erwecken, als ob Parteigenossen von allen Bildungsstufen sich an der Widmung beteiligt hätten. In Wahrheit hatte das Büchlein nur einen Verfasser, den begabten Philologen Adolf Bacmeister, denselben, dem einst mein fünfjähriges Herz gehört hatte. Er war einer von den tiefgründigen Schwabensöhnen, die anderwärts als Zierde eines Stammes geehrt würden, für die aber das enge Heimatland keine Verwendung fand. Seine achtundvierziger Vergangenheit verschloß ihm die akademische Laufbahn, zu der er geboren war, und er konnte lange Zeit nicht einmal die bescheidenste Anstellung im Schulfach finden. Nahe an den Dreißigen erhielt er endlich das armselige Amt eines „Kollaborators“ (vom Volke Kohlenbrater benannt) in einer Kleinstadt, schleppte sich dann zehn Jahre lang mit einem Präzeptorat, bis ihn ein Ruf an die Augsburger Allgemeine Zeitung aus der Acht erlöste. Durch seine Übersetzungen mittelhochdeutscher Dichtungen und seine „Allemannischen Wanderungen“, eine geistreiche Studie über die Herkunft deutscher Ortsnamen, hat er sich auch literarisch bekannt gemacht.
In dem Roten Album nun war die phantastische Zeitstimmung mit den Einzelheiten und den Anspielungen, die damals jedermann verstand, in Vers und Prosa niedergeschlagen. Da tönte die alte, in unseren Jugendtagen schon verschollene Weise:
Wenn die Fürsten fragen: