Lili hatte allen Grund zu ihrer hohen Schätzung des Obergymnasiums. Seit die reizende Mainzerin auf dem Plan erschienen war, umschwärmten die gelben Mützen das Bahnhofgebäude, wo Lili wohnte, und die naheliegenden Alleen; alle Primanerherzen waren mehr oder weniger von ihrer Anmut entzündet. Aber diese gegenseitige Bewunderung, die eine Folge der Tanzstunde war, hätte beinahe unserer Freundschaft ein vorzeitiges Ende bereitet. Denn eines Tages machte mir Lili die niederschmetternde Eröffnung, daß sie von nun an nicht mehr mit mir in den Alleen spazierengehen könne. Du bist noch ein Kind, sagte sie, und trägst kurze Röcke. Wenn mich die Obergymnasisten immer in deiner Gesellschaft sehen, so denken sie am Ende, ich sei auch noch ein Kind, und grüßen mich nicht mehr. Du weißt, ich bin dir gut, aber das kannst du nicht von mir verlangen.

Diese Worte trafen mich wie ein Dolchstoß. Ich war so erschüttert und beschämt, daß ich nicht antworten konnte. Aber ich sah alles ein. Nicht mehr von den Tänzern gegrüßt werden! Solcher Schmach durfte sich freilich Lili um meinetwillen nicht aussetzen! Ich gab mich jedoch dem Schmerze nicht hin, sondern sann auf Abhilfe, denn Lilis Umgang zu entbehren war mir unmöglich. Auf dem Speicher, in einem der eisenbeschlagenen Riesenkoffer aus Urvätertagen, lag von aller Welt vergessen ein schöner Rock aus schwarzem Wollstoff, den einmal Hedwig Wilhelmi bei der Abreise nach Granada zurückgelassen hatte. Auf dieses herrenlose Gewandstück setzte ich meine Hoffnung. Als ich heimlich hineinschlüpfte, hatte es zwar eine Schleppe von nahezu einer Elle, stand aber sonst rundum eine Handbreit vom Boden ab, denn um so viel überragte ich bereits seine rechtmäßige Besitzerin. Allein ich hatte schon mit kundigem Auge eine ausgebogte Sammetblende wahrgenommen, die den unteren Rand verzierte und sich, falsch aufgesetzt, als Verlängerung verwerten ließ. In derartigen Fertigkeiten war ich von klein auf bewandert: Nähen, Zuschneiden, Häkeln, Stricken, alles, was anderen kleinen Mädchen zu ihrer Pein auferlegt wurde, hatte für mich den Reiz der verbotenen Frucht. Ich verbarg mich also mit Nadel und Schere auf dem Speicher und arbeitete stundenlang voll Eifer und Pünktlichkeit, bis der Rock meiner Länge angepaßt war. Dann warf ich ihn alsbald über und stolzierte mit der gewaltigen Schleppe, die ich noch mitverlängert hatte, durch Gang und Wohnräume. Ich machte mich auf einen häuslichen Sturm gefaßt, aber niemand schien die Verwandlung zu sehen. Mama lebte in den kargen Stunden, die sie der Pflege der Kinder und dem Ärger über die Bismarcksche Politik entziehen konnte, mit den Platonischen Ideen und kümmerte sich nicht um die Länge meiner Röcke. Dem guten Vater war alles, was sein Töchterchen tat, wohlgetan, und selbst die tadelsüchtigen Brüder, sonst meine strengsten Richter, schwiegen mäuschenstille, weil sie ahnten, daß es Lili zuliebe geschah; die Hexe spukte auch ihnen in den Köpfen. So hatte ich durch einen kühnen Handstreich die Kluft der Jahre zwischen uns ausgefüllt. Wir gingen wieder Arm in Arm in den Alleen, ich hatte sogar durch den Schlepprock etwas vor Lili voraus; die gelben Mützen flogen vor uns beiden in die Höhe, und die schöne Welt war wieder im Gleichgewicht.

Ohne Übergang war ich aus den kurzen Kinderröcken ins Schleppkleid gefahren, und ebenso unbedenklich ließ ich nun auch mein Kinderland hinter mir, um immer weiter in das neue Leben hineinzuschreiten. Die Röcke blieben lang, wenn auch künftig ohne Schleppe. Und welch eine Ehre! Auf der Schlittschuhbahn ließ ein fremder Student sich mir vorstellen, nannte mich Fräulein, schnallte mir die Schlittschuhe an und führte mich! Abgefallen war alles, was mir sonst den Verkehr mit Menschen erschwert hatte: meine Fremdheit und Scheu, der Widerwille vor dem „Sie“, ich hatte nur die eine Sorge, es den Menschen zu verbergen, daß ich nach Leib und Seele noch ein Kind war, damit sich Lili meiner nicht zu schämen habe.

Seit jener ersten Begegnung mit dem Frater Corpus vor dem Wandspiegel in Obereßlingen hatte ich nicht wieder über mein Äußeres nachgedacht. In Tübingen hing der Spiegel so hoch über dem Kanapee, daß ich mich nicht darin sehen konnte. Eines Tages stieg ich nun wegen einer aufgeschnappten schmeichelhaften Bemerkung hinauf und streckte mich, um einen neugierigen Blick in das Glas zu werfen. Da sah ich, daß das blasse, geisterhafte Kindergesicht verschwunden war, die Augen traten nicht mehr als eine Gewalt für sich heraus, die Züge begannen sich gefälliger zusammenzufügen, und es dünkte mir, daß ein heiterer Schein davon ausginge. Von da an hüpfte ich des öfteren vom Kanapee in die Höhe und beobachtete die allmähliche Verwandlung noch unpersönlich wie das Wachstum meines Rosen- oder Myrtenstöckchens. Ich fühlte keinen metaphysischen Schauder mehr, der Weggenosse wurde mir etwas Liebes, Vertrautes, das mein Wesen rein zum Ausdruck brachte, und verwuchs allmählich mit dem unsichtbaren Schmetterling zu einem einzigen Ich. Mit Riesenschritten ging es jetzt in die Verweltlichung hinein. Auf die Freuden der Schlittschuhbahn folgten die der Tanzstunde, die mit Menuettverbeugungen und dem Auswärtsdrehen der Füße mittels Schienen begannen. Da mir aber Lili schon die ersten Tanzschritte beigebracht hatte, wurde ich bald in die höheren Grade aufgenommen und durfte nun selber mit den Obergymnasisten durch den Saal wirbeln. Der Geist Lilis schwebte immer mit, auch als sie Tübingen schon verlassen hatte, und gab der nicht allzu stilgerechten Veranstaltung Anmut und Weihe. In einem Nebenbau der Alten Aula, zu dem man von der Münzgasse auf steinernen Stufen hinunterstieg, befand sich ein völlig schmuckloser Saal mit grob gehobeltem Fußboden, worin die Tanzstunde abgehalten wurde; das Stimmen der Geigen kündigte sie von weitem an. Diese quietschenden, unschönen Töne hatten nichtsdestoweniger für das junge Ohr einen zauberischen Wohllaut, der das Herz schneller schlagen machte. Die sehr jugendlichen „Herren“, die auf der einen Seite des Saales beisammen standen, holten sich mit der eben eingelernten Verbeugung die „Damen“ aus der anderen, und nun galt es im Gedränge der Paare sich ohne Anstoß um die Säulen winden. Zuweilen ließen sich auch die Füchse der eleganten Studentenkorporationen zu dem Lämmerhüpfen herbei; es war aber eine zweifelhafte Ehre, da diese Herren augenscheinlich an uns Allzujungen die Artigkeiten einübten, die sie hernach auf den Museumsbällen den reiferen Jahrgängen zu erweisen hatten.

Lili war unterdessen von ihrer Mutter zurückgeholt worden, aber ihr Einfluß dauerte fort. Auch erschien sie in kürzeren Abständen immer wieder in Tübingen und verdrehte bei ihrem jedesmaligen Aufenthalt viele junge Köpfe. Ihre Mutter wünschte, daß sie sich früh verheirate, deshalb verlobte sie sich fünfzehnjährig zum erstenmal mit einem jungen Mann, den sie in unserem Hause kennenlernte. Die uns befreundete Familie empfing die reizende Braut mit offenen Armen. Aber ihr Herz hatte nicht mitgesprochen, und bald danach trat sie den Schwankendgewordenen, dem eine etwas ältere Freundin ein leidenschaftliches Gefühl entgegenbrachte, bereitwillig an diese ab. Es war kein Opfer, aber doch für sie bezeichnend, denn bei ihrer großen Güte und Nachgiebigkeit wäre sie auch imstande gewesen, auf einen geliebten Mann um einer anderen willen zu verzichten. Das Obergymnasium war ihr jetzt keine Merkwürdigkeit mehr, wohl aber seine ehemaligen Zöglinge, die man auf den Studentenbällen wiederfand. Sie hatte sich ein Verzeichnis ihrer Verehrer angelegt, in dem sie fleißig blätterte, um keinen zu vergessen. Je nach dem Rang, den der eine oder der andere vorübergehend in ihrem Herzen einnahm, wurden durch Versetzen der Namen die Plätze gewechselt, so daß sich ihr kleines Taschenbüchlein mit den Aufzeichnungen in beständiger Wandlung befand. Nach jedem Tanzvergnügen ging wieder eine Verschiebung vor sich, aus der sie mir kein Hehl machte. Ihre kleinen Koketterien waren voll Unbewußtheit, ohne eine Spur von Berechnung. Ihr gefiel ausnahmslos das ganze männliche Geschlecht, und sie konnte es nicht begreifen, daß ich mir schon damals die jungen Ritter sehr genau zu beschauen pflegte. Einem so liebenswerten Geschlecht wieder zu gefallen, war ihr angeborenes, innigstes Bestreben, und wem hätte Lili nicht gefallen sollen? Wie die Ottilie der Wahlverwandtschaften mußte man sie eigens darauf aufmerksam machen, daß es für ein junges Mädchen nicht schicklich sei, jungen Männern einen fallengelassenen Gegenstand aufzuheben, denn ihre unschuldige Verehrung für das stärkere Geschlecht trieb sie in solchen Fällen, sich eiligst zu bücken oder gar einer weggewirbelten Studentenmütze voll Eifer nachzuspringen, Dinge, die damals bei der viel strengeren Etikette zwischen den Geschlechtern weit mehr auffielen als heute, und die meine Eltern ihr sorgsam abgewöhnten, damit nicht irgendein Frechling die harmlose Zuvorkommenheit des jungen Mädchens mißdeute.

Mir bezeigte sie ihre Gegenliebe auf eine besondere Art, indem sie sich der Stilisierung meines Äußeren bemächtigte. Die armdicken Flechten, die ich damals noch einfach niederhängend oder mehrfach um den Kopf geschlungen trug, waren ihr zu kindlich; sie selber ordnete ihr schönes Haar zu modischen Phantasiegebäuden. Die gleiche Arbeit nahm sie jetzt mit dem meinigen vor, indem sie bald „gesteckte Locken“, von ährenartig geflochtenen sogenannten Kornzöpfen umrahmt, auf meinem Scheitel auftürmte, bald mein Haar in griechische Knoten wand oder gar neben einer steifen Turmfrisur rechts und links die modischen „Schmachtlocken“ zurechtdrechselte. Lauter prächtige, aber für mein Lebensalter zum mindesten stark verfrühte Dinge. Niemand wehrte der Torheit. Mein Mütterlein, das niemals älter war als ich, ließ uns beide völlig gewähren und hatte ihre helle Freude an den mit mir vorgenommen Verwandlungskünsten. Mein Vater schüttelte zwar den Kopf, aber sein Einspruch beschränkte sich auf die Bemerkung, wie er sein Kind kenne, werde sie das alles künftig einfacher halten. Es versteht sich, daß auch mein Anzug unter Lilis Einfluß geriet. Bisher war ich gekleidet wie die Lilien auf dem Felde. Mein sparsames Mütterlein, das noch in den ersten Tübinger Jahren die Knabenkleider alle selbst verfertigte, hatte für Mädchensachen gar kein Geschick, und das war mir lange Zeit zugute gekommen. Denn ihre Jugendfreundinnen ließen sich’s nicht nehmen, jahraus, jahrein für ihr Töchterlein tätig zu sein. Da kam immer von Zeit zu Zeit irgendein Pack mit den schönsten Dingen für mich an, wie handgestickten russischen Hemden, goldverschnürten Tuchspenzerchen und anderen Prunkstücken, die jedesmal großen Jubel erregten. Wie ich nun der Kindheit entwuchs, wurden diese Sendungen allmählich seltener, und was zu Hause ergänzt werden mußte, konnte vor Lilis Augen nicht bestehen. Ich hatte sonach keine Wahl, als die eigene Geschicklichkeit auszubilden, die mich mit der Zeit instand setzte, den Tand, der jungen Mädchen zum Persönlichkeitsgefühl unerläßlich ist, selber herzustellen. Aber der ungünstig gesinnten Umwelt konnte ich es nun einmal auf keine Weise recht machen. Meine harmlosen kleinen Kunstfertigkeiten, die nichts kosteten als ein bißchen Zeit und Mühe, wurden mir als sträfliche Verschwendung ausgelegt und genau so verdammt wie mein Heidentum und mein Latein. Um den wahren Sinn solcher jugendlichen Putzsucht zu begreifen, muß man selbst in jenen so unendlich einfachen Zeiten gelebt haben. Damals trugen all die niedlichen Gegenstände, die man sich selbst erfinden und zusammenstellen mußte, einen ganz persönlichen Stempel, sie gehörten zu den wenigen Ausdrucksmöglichkeiten der unreifen suchenden Seele und wurden auch von den Altersgenossen so aufgefaßt. Denn die Jugend sieht in allen Dingen Symbole. Gesteht doch der strenge Rousseau, daß er in jungen Jahren nicht den schönsten Mädchen huldigte, sondern denen, die den meisten Putz und Schmuck besaßen. Als ich mir einmal in einem bekannten Putzgeschäft unter all den wohlriechenden Gegenständen ein weißes Frühlingshütchen mit einem taubehangenen Vergißmeinnichtkranz aussuchen durfte, da ging ich mit einem erhöhten Lenzgefühl umher, als trüge ich ein Eichendorffsches Frühlingslied auf dem Haupte. Mein Mütterlein klagte oft, daß ich seit der Freundschaft mit Lili völlig verdummt sei und nichts mehr im Kopf hätte als Backfischeitelkeiten. Es war auch wahrlich kein kleiner Sturz: vor kurzem noch auf den höchsten jambischen Stelzen, mit einer Gracchentragödie und einem Epos über den Untergang Karthagos beschäftigt und jetzt nur noch mit Schmuck und Tand. Ich mußte manches Scheltwort der Brüder hören, und als eines Tages in der Kinderschule, wo unser Jüngster saß, bei den Sprüchen Salomonis im Kreise herumgefragt wurde: Was ist eitel? hob unser kleiner Balde als einziger sein Fingerlein und sagte: Meine Schwester! — — —

Wie glänzt jetzt mein Jugendland aus der Tiefe der Zeiten herauf! Als ich darin wandelte, war es voll von Kampf und Not, von Angst und Pein. Meine Brüder füllten es zwar mit Reichtum und Leben, aber nicht minder mit zuckender, immer brodelnder Unruhe. Die beiden Großen vertrugen sich noch immer nicht, und es sah aus, als ob ihr häuslicher Krieg, von dem wir andern mitbluteten, einer tiefen inneren Feindseligkeit entspränge. Am liebsten machten sie den gedeckten Mittagstisch, dem leider der Vater seiner Arbeit zuliebe fernblieb (er kam überhaupt erst gegen Abend nach Hause), zum Zeugen ihrer Kämpfe. Kaum war die Suppe aufgetragen, so begannen die Plänkeleien, dann fiel ein Stichwort und plötzlich brach der Sturm los. Es war jedesmal wie ein Naturereignis, gegen das die Vernunft machtlos war. Mama warf sich dazwischen, ich desgleichen, und am Ende gingen alle Teile mehr oder minder aufgelöst aus dem Ringen hervor. Wenn die Schlacht auf ihrem Höhepunkt war, so erschien Josephine mit dem Kochlöffel unter der Tür, das schöne, ernste Gesicht in tragische Falten gelegt, und sagte mit dumpfem Ton: Jetzt hat es wieder den höchsten Grad erreicht. — Aber nie konnte ich sie bewegen, mir im Sturme beizustehen. Sie erschien mir in ihrer edlen, schmerzvollen Haltung wie der Chor in der griechischen Tragödie, der die Geschicke des Königshauses mit seinen Klagen begleitet, ohne jemals handelnd einzugreifen. Hatten sich die Kämpfer endlich mit dem letzten grollenden, aber schon nicht mehr ernst gemeinten: Wart, ich soll dich vor dem Gymnasium treffen! getrennt, so blieben Josephine und ich zurück, die tieferregte Mutter zu trösten und zu beschwichtigen. Es war ja an sich gewiß nichts Unerhörtes, daß zwei halbwüchsige Jungen, denen die Aufsicht des Vaters fehlte, sich in den Haaren lagen. Aber Mama war selber ohne Brüder aufgewachsen und wußte nicht, daß das Raufen zum Knabenleben mitgehört, wenn auch sonst nicht gerade das Eßzimmer der übliche Schauplatz dafür ist. Ich glaube, sie stand mit ihrer gewaltigen Phantasie im Bann der attischen Tragödie und bildete sich ein, das thebanische Brüderpaar geboren zu haben. Josephine, statt ihr die Übertreibungen der Angst auszureden, verfiel selbst darein und wiederholte nur immer mit Grabesstimme: Oh, es wird schrecklich enden! Und ich mit meiner nicht minder erregbaren Phantasie sah den tragischen Ausgang, den beide weissagten, als schon eingetreten an. Hätte mein Mütterlein damals in die Zukunft blicken können, wieviel qualvolle Stunden wären ihr, wieviele Angstträume mir erspart geblieben. Sie hätte nach dem knabenhaften Zwist ihre zwei Feuerbrände die Spitzen gegeneinander neigen und vereint als eine schöne stille Fackel der Bruderliebe fortbrennen sehen, wobei die inneren Verschiedenheiten nur die Neigung nährten. Diese schöne Lösung war leider noch tief im Schoße der Zukunft verborgen. Und ich grüßte jeden ersten Morgenstrahl mit dem stillen Seufzer: Wäre nur auch dieser Tag schon glücklich vorüber und wir wieder alle heil in unseren Betten.

Es lag in den Erziehungsgrundsätzen meiner Mutter ein edler Irrtum, der auch in der neueren Pädagogik da und dort auftaucht, aber gleichwohl ein Irrtum ist und bleibt. Sie wollte alles der eigenen Einsicht des Kindes und dem guten Beispiel überlassen. Aber die Selbstentäußerung, wie sie sie pflegte, die schweigende, als selbstverständlich geübte Zurücksetzung des eigenen Ichs wird nur in den seltensten Fällen unreife Seelen zur Nacheiferung anspornen. Und durch die bloße Einsicht, wie klar sie bei gutbegabten Kindern sei, werden wilde Jungen nicht dahin gebracht, die Urgewalt der Triebe, vor allem den Zorn, zu bändigen, bevor die Hemmungsvorrichtung ausgebildet ist. Hierin hatte es ihre Erziehung fehlen lassen. Dem Vater aber wurden alle aufregenden Vorgänge in der Familie nach Kräften verheimlicht. So stemmten sich die weiblichen Schultern allein und nutzlos gegen das Temperament der Knaben und ihre Entwicklungsstürme. Eine glückliche Ablenkung brachten von Zeit zu Zeit die Wohngäste, vor denen die feindlichen Brüder sich in einer angeborenen Ritterlichkeit zusammennahmen, wie sie auch öffentlich nie entzweit und hadernd gesehen wurden. Ein weiterer Grund für mich, jeden Gast mit Freuden zu begrüßen. Ich wollte gern mein Bett opfern, damit das Sorgengespenst mir eine Zeitlang fernblieb. Nachträglich muß ich mich wundern, wie doch über all der Not die Jugendlust mit so breitgestelltem Fittich schwebte. Vielleicht lernte ich es gerade deshalb so gut, die Freude zu lieben und jede schöne Stunde als Geschenk zu betrachten, weil nach dem tragischen Empfinden, das sich mir im untersten Grund der Seele festsetzte, jeder Tag der letzte sein konnte. Denn eine stille Angst ließ mich niemals los. Der Bruderkrieg war nicht der einzige Anlaß. Die wiederkehrenden Anfälle von Gelenkrheumatismus, die unsern Jüngsten in ihren Folgen zum frühen Tode führen sollten, waren in ihrer Schwere damals noch nicht erkannt, aber die Muttersorge lief der ärztlichen Prognose weit voraus, und die Leidenschaft, mit der sie an ihren Kindern hing, ließ für den Fall, daß ihr eines entrissen würde, das Schlimmste fürchten. Ohnehin redete sie immer mit mir von ihrem Tode, denn schon in jungen Jahren glaubte sie nunmehr so alt zu sein, daß es Anmaßung wäre, noch auf ein viel längeres Leben zählen zu wollen. Darum hatte mir die Vorstellung von dem schaurigen Frost, der die Herzen der Waisenkinder umgibt, schon die frühen Kinderjahre verdüstert. Am Vorabend ihres vierzigsten Geburtstags, der ihr als die Schwelle des Greisenalters erschien, schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihre Kinder, dessen Anfang ich über ihre Schulter las und der mir fortan in alle Jugendfreuden einen tiefen Schatten warf. Ich glaubte nun gleichfalls, daß man mit vierzig nicht mehr lange leben könne. Sie verbarg ihn im Doppelboden ihrer Schatulle, aber von dem schwarzen Faden, womit er gebunden war, hing ein Endchen heraus, und danach mußte ich immer blinzeln, wenn ich vorüberging. So feurig sie das Leben liebte, so bereit war sie, jeden Augenblick ins Unbekannte zu gehen, mit dem ihr Geist sich stets beschäftigte. Und an allem, was in ihr vorging, hatte ich von klein auf mein Teil. Dabei ahnte sie gar nicht, was ich Grausames litt. Ich befand mich ja in einem Lebensalter, wo die Seelenkräfte noch viel schlafen sollten, um sich nicht vor der Zeit zu verzehren. Sie aber hielt mich seltsamerweise für unempfindlich, weil ich unter all den hemmungslosen Geistern frühe dazu gekommen war, mir Zwang anzutun, um das Zünglein der Waage sein zu können. Auch hatte ich allmählich begonnen, mich leise von ihrer Gedankenwelt, die bisher eine gemeinsame gewesen war, abzulösen. Es schien mir, als ob ihre Ansichten, die sie so feurig aussprach, mit der Welt, wie ich sie sah, nicht ganz stimmen wollten. So einfach waren die Dinge doch wohl nicht, daß es genügte, zu dieser oder jener Partei zu gehören, um ein Engel oder das gerade Gegenteil zu sein. Auch das mit den Preußen konnte ich nicht mehr so recht glauben, besonders nachdem es 1866 vor meinen Augen so glimpflich abgelaufen war. Vielleicht steckten auch nicht in jedem Liebespaar, dem der elterliche Segen fehlte, ein Romeo und eine Julia, für die man unbedingt einstehen mußte. Je älter ich wurde, desto mehr breitete sich nun der Widerspruch aus und griff allmählich in alle Gebiete des Lebens über; es hieß aber behutsam sein, denn ihr Temperament war unberechenbar. Das beste war, sie zum Lachen zu bringen. Wenn sie zornig oder aufgeregt wurde, so drehte sie sich blitzschnell um sich selber mit einer ganz südlichen Gebärdensprache, die ich neckend ihren Kriegstanz nannte. Über einen solchen Scherz konnte sie plötzlich hellauf lachen, dann war der Zorn verflogen. Sie lachte ja so gerne, und am liebsten über sich selbst. Nie werde ich wieder ein sonnigeres, sorgloseres Kinderlachen hören.

Auf ihr Wesen hatte bisher noch nie ein Mensch wirklichen Einfluß gehabt, auch mein Vater nicht. Sie liebte ihn mit einer Liebe, die Anbetung und Gottesdienst war. Sie stützte den Ringenden und ersetzte dem Unverstandenen die gläubige Gemeinde. Diese tragende Kraft mußte für den um dreizehn Jahre älteren Mann von unschätzbarem Werte sein. Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl gegangen wäre mit einer biederen schwäbischen Hausfrau bürgerlichen Schlages, die ihm wohl seine Wirtschaft peinlich genau geführt, ihm aber dafür mit Lebenssorgen in den Ohren gelegen hätte. Meine Mutter hielt die irdischen Nöte von vornherein für unzertrennlich vom Dichterlos und war stolz darauf, sie mit ihm zu teilen. Sie vermittelte den Kindern die Geisteswelt des schweigsam gewordenen Vaters und erzog uns so zur Verehrung für ihn, daß selbst der wilde Alfred in seiner Gegenwart lammfromm war. Aber in ihren Meinungen und Grundsätzen ließ sie sich auch durch ihn nicht beeinflussen. Er war zu reif, zu ausgeglichen, um auf die Immerwerdende, Nichtfertigwerdende zu wirken. Bei seiner Neigung, jeder Persönlichkeit ihre Art zu lassen, hat er wohl auch nie ernsthaft versucht, den Sinn für die Abstufungen in ihr zu wecken. Diese Aufgabe fiel einem viel jüngeren, aus ihr selbst geborenen Wesen zu, das sich an ihr und häufig gegen sie entwickelte und an dessen Entwicklung sie selber weiterwuchs. Ihr beizubringen, daß es zwischen Schwarz und Weiß unendliche Zwischentöne gibt, daß nicht jede Erkenntnis in jeder Seele gute Früchte trägt, daß auch der besten Sache mit Schweigen zuweilen besser gedient ist als mit Reden, solcherlei Ausgleichspolitik beschäftigte meinen Kopf schon in einem Alter, wo andere noch mit der Puppe spielen. So oft das häusliche Gleichgewicht schwankte, mußte ich es einrenken. Und oft genug, wenn ich glaubte, recht geschickt eine Klippe umsteuert zu haben, warf noch im letzten Augenblick ihr Ungestüm meine ganze Berechnung um. Welch ein täglich erneutes Ringen, wieviel Mißverständnisse und beiderseitiges Herzweh! Über mich ergossen sich alle Gewitter ihres stürmischen Naturells. Je mehr Leid uns daraus erwuchs, desto zärtlicher hingen wir zusammen. Aber oft empfand ich es als eine besondere Härte des Schicksals, daß gerade ich berufen sein sollte, nur immer Dämme aufzurichten, Grenzen zu ziehen, Vernunft zu predigen, da doch Lebensalter und eigene Anlage mir nach meiner Meinung vielmehr das Recht gegeben hätten, selber die Unvernünftige zu sein.