Frühzeitig schlich sich auch die Nachtseite des Lebens in meine Innenwelt. Die Mißgestalten des Struwwelpeters arbeiteten zum Nachteil meines Seelenfriedens in meiner Phantasie, die genötigt war, im Traum noch mehr solcher Ungeheuer zu erzeugen. Eins der schrecklichsten war der Häkelmann, eine Gestalt, die mich jahrelang verfolgte. Er war lang und mager mit grasgrünem Frack und roten Beinkleidern und fuhr blitzschnell durch alle Zimmer, indem er mit einem langen Haken die Kinder, die sich vor ihm verkrochen, unter Tischen und Betten hervorzuhäkeln suchte. Wann er erschien, brachte er das ganze Haus um den Schlaf, so furchtbar war mein Angstgeschrei. Wie bei Nacht vor dem Häkelmann, so fürchtete ich mich wachend vor der Lichtputzschere, die damals noch im Gebrauche war. Ich hatte nämlich auf einem Bilderbogen eine solche gesehen, die ein kleines Mädchen einschnappte, und glaubte mich seitdem zum gleichen Schicksal bestimmt. Wenn es dämmerte und die Kerzen angezündet wurden, so blinzelte ich immer mit tiefem Mißtrauen nach der messingenen Putzschere, und so oft sie in Tätigkeit trat, fürchtete ich, in dem gähnenden schwarzen Rachen verschwinden zu müssen, denn so frühreif ich in allem anderen war, die Größenverhältnisse waren mir noch immer nicht aufgegangen. Desgleichen gab es im Hause einen Bilderkalender mit einer Karikatur, aus der ich schreckliche Ängste sog: das waren die Kränzelesfrauen. Mit großgeblumten Kleidern im Biedermeierstil, Kaffeekannen und Tassen in der Hand saßen sie um einen runden Tisch; sie hatten grausige Drachenköpfe auf langen, schlangenartigen Hälsen und auf den Köpfen große nickende Hauben, und sie neigten diese unheimlichen Köpfe geifernd und schnatternd gegeneinander. Ein längeres Gedicht mit Aufzählung ihrer Untaten war beigegeben, wovon jeder Vers mit dem Kehrreim schloß: Hütet euch vor den Kränzelesfrauen. Ich nahm mir natürlich vor, mich vor diesen Ungetümen zu hüten, doch hat mir das im Leben wenig genutzt, denn als ich ihnen später leibhaftig begegnete, da hatten sie leider keine Drachenköpfe noch Schlangenhälse, woran ich sie zu erkennen vermocht hätte; sie schnatterten mir auch nicht entgegen, sondern küßten mich auf beide Wangen, und erst wenn ich den Rücken gedreht hatte, spritzten sie ihr Gift. Da wußte ich nun, weshalb sie mir in den frühesten Kinderjahren den tödlichen Abscheu eingeflößt hatten.
Meine erste Bekanntschaft mit den Kränzelesfrauen fällt übrigens schon nicht mehr in meine illiterate Zeit, denn ich erinnere mich, besagtes Gedicht zu wiederholten Malen selbst gelesen zu haben. Allerdings hatte ich diese Kunst schon im dritten Jahr, dem älteren Bruder zur Gesellschaft, unter mütterlicher Leitung zu erlernen begonnen. Auch in die klassische Literatur wurde ich bereits eingeführt, denn Mama ließ mich als erstes das Uhlandsche Gedicht vom „Wirte wundermild“ schreiben und auswendig hersagen; und etwas später, es mag zwischen meinem vierten und fünften Lebensjahr gewesen sein, las sie mir Schillersche Balladen vor, die mich sehr entzückten, mit Ausnahme der „Bürgschaft“, die ich als einen unzarten Angriff auf meine Tränendrüsen empfand und verstimmt abgleiten ließ. Der scheinbare Kaltsinn empörte mein rasches Mütterlein, sie schalt mich einen Eisklotz und hielt mir zur Rüge vor, daß mein von mir sehr bewunderter Bruder Edgar beim Vorlesen in Tränen zerflossen sei. Aber es half nichts, ich konnte über „die Bürgschaft“ nicht weinen, und es war gerade die frühreife Empfänglichkeit, die mich gegen das gröbere Pathos störrisch machte. „Die Bürgschaft“ ist auch zeitlebens für mich auf dem Index geblieben, ein Beweis für die vollkommene Unveränderlichkeit unserer angeborenen Innenwelt.
Hier ziehe ich einen Siebenmeilenschuh an und stapfe ohne weiteres in unsere Obereßlinger Tage hinüber. Da ich aber alle äußere Szenerie sowie die Fülle der teils rührenden, teils wunderlichen Käuze, die unsere Kinderstube umgaben, schon in meiner Hermann-Kurz-Biographie ausführlich geschildert habe, werde ich auch hier fortfahren, nur von den inneren Erlebnissen zu reden, an denen das kleine Menschlein allmählich zum Menschen ward.
Das nächste, was sich mir eingeprägt hat, war eine erste Liebe — o daß sie ewig grünend bliebe! Aber sie nahm leider ein Ende mit Schrecken. Ich war jetzt fünf Jahre alt, und er hieß Dr. Adolf Bacmeister. Er trug einen braunen Vollbart nebst Brille und war Präzeptor. Daß er nebenbei auch ein Poet und ein feiner Erforscher sprachlicher Altertümer war, wußte ich damals noch nicht. Wenn er ins Haus kam, galt seine erste Frage dem kleinen Fräulein, ich wurde dann allein aus der ganzen Kinderschar herausgerufen, damit er mir Geschichten erzählen und mit mir spielen konnte. Er beteuerte, mich unendlich zu lieben, und warb eifrig um meine Gegenliebe, die ich ihm nicht versagte. Auch hörte ich es nicht ungern, daß er mich sein Bräutchen nannte. Nur küssen durfte er mich nicht, weil der Bart kratzte. Durch keine Bitte noch Versprechung, auch nicht durch elterliches Zureden, ja nicht einmal durch Gewalt war es ihm je gelungen, einen Kuß von mir zu erlangen. Aber die Eifersucht brachte es eines Tages dahin. Ich hatte mir nie vorgestellt, daß eine andere sich zwischen mich und meinen Freund schieben könnte, den ich für mein ausschließliches, unveräußerliches Besitztum hielt. Daher fuhr es mir wie ein Strahl in die Glieder, als ich eines Tages aus den Reden der Eltern, die ihn sehr hoch hielten, entnahm, daß sie damit umgingen, ihn mit der Tochter eines nahen Freundes zu verheiraten. An diese Gefahr hatte ich nie gedacht, denn das liebenswürdige Mädchen, das etwa siebzehn Jahre alt sein mochte, erschien mir wie eine Matrone. Ich begriff meine Mutter nicht, die um einer Fremden willen ihre eigene Tochter benachteiligte. Als mein Verehrer wiederkam, ließ ich mich auf den Schoß nehmen und trotz dem größten inneren Widerstreben von den bärtigen Lippen küssen. Wir waren eben allein im Zimmer neben dem gedeckten Mittagstisch. Da sagte das Ungeheuer: Weißt du auch, warum ich dich so lieb habe? Weil du ein so zartes festes weißes Fleisch hast; das schmeckt fein zu französischem Senf. So kleine Mädchen esse ich am allerliebsten. Dabei blinzelte er nach einem langen Messer, das neben dem Senftopf lag, und ich entwich mit einem gräßlichen Schrei. Da in diesem Augenblick die Eltern hereinkamen, verkroch ich mich bebend unter dem Kanapee. Nach einiger Zeit wurde mein Verschwinden bemerkt, und man rief nach mir, aber ich hielt mich ganz still. Tränen liefen mir über das Gesicht, und alle Pulse klopften. Das Untier! Die gemeine Seele! Darum hatte er mir geschmeichelt und mich angelockt. Ich sah auf einmal in seinem Gesicht die ganze Scheusäligkeit des Kannibalen. Furcht hatte ich keine, denn daß mein guter Papa ihm nicht gestatten würde, seine Leckerhaftigkeit zu befriedigen, war mir klar. Zorn, Haß, Verachtung und die Beschämung verratener Liebe arbeiteten in dem kleinen Seelchen. Der Oger saß inzwischen ruhig essend und plaudernd am Tisch, ohne Ahnung von des Kindes grimmigem Schmerz, denn er hielt mich für viel zu verständig, um den groben Spaß zu glauben. Er reiste ab und hat die Kälte, mit der ich ihn später bei seinen seltenen Besuchen empfing, gewiß nicht auf Rechnung seines Kannibalentums gesetzt. Mir selber ist es rätselhaft, wie neben meiner überschnellen geistigen Entwicklung so viel kindlicher Schwachsinn fortbestehen konnte. Aber ich nahm mir diese Erfahrung zur Lehre, daß man mit Kindern im Spassen nicht zu weit gehen darf, auch wenn man sie für kluge Kinder hält. Und seltsam, es blieb etwas von jenem Eindruck hängen; ich konnte auch, als ich heranwuchs und mein ehemaliger Freund mir mancherlei liebenswürdige Aufmerksamkeit erwies, kein herzliches Gefühl mehr für diesen Gegenstand meiner ersten Liebe erschwingen, so gewaltsam hatte ich ihn aus meiner Seele gerissen.
Obgleich das bißchen Lernen in Gesellschaft des Bruders mühelos und mit Riesenschritten vor sich ging — Lesen, Rechtschreiben, das Einmaleins, die Mythologie, die Anfänge der Geschichte glitten uns wie von selber zu —, so wurde ich doch in bezug auf die Leichtgläubigkeit noch lange nicht gescheiter. Was man mir sagte, nahm ich ohne weiteres für wahr und schmückte es noch durch die Einbildung aus. Im Kämmerchen unserer Josephine befanden sich drei ungebrauchte kaufmännische Rechnungsbücher von einem Umfang, der mir, an meiner eigenen Größe gemessen, riesenhaft erschien. Auf eines dieser Bücher richteten wir zwei älteren Kinder unser Begehr, um es mit den Erzeugnissen unserer Zeichenkunst zu füllen. Fina, die Gute, widerstand lange, endlich überließ sie uns eines, und als es vollgeschmiert war, auch das zweite. Wir zeichneten unser selbsterfundenes Märchen vom Schnuffeltier und Buffeltier hinein, von dem wir jeden Tag ein neues Begebnis ersannen. Fina sah uns zu, aber immer von Zeit zu Zeit seufzte sie: Ach, was wird Herr Sch. sagen, der mir diese Bücher zum Aufheben gegeben hat! (Herr Sch. war ein Jugendbekannter Mamas, dessen Namen wir oft gehört hatten.) Gewiß wird er einmal kommen und nach den Büchern fragen. Und wenn er sie in diesem Zustand findet, dann setzt er mir den Kopf zwischen die Ohren.
Diese Reden ängstigten mich unaussprechlich. Ich hielt das Kopf-zwischen-die-Ohren-Setzen für eine grausige Marter, und es war fürchterlich, daß unserer treuen Pflegerin diese Gefahr um unseretwillen drohte. Gleichwohl half ich auch das nächste Buch beschmieren, aber immer dachte ich an den gefürchteten Herrn Sch. und ob er nicht komme. An einem Spätnachmittag trat ein elegant gekleideter Herr in senfgelbem Überzieher in unser Haus und fragte nach Mama. Augenblicklich durchzuckte es mich: Das ist er! Und er war es in der Tat, wie ich aus Josephinens Begrüßung ersah. Sie wies ihn die Treppe hinauf und kehrte heldenhaft in ihre Küche zurück, gefaßt, wie mir schien, das äußerste zu leiden. Ich wäre am liebsten jammernd in den Garten entwichen, aber ein kategorischer Imperativ zwang mich, wiewohl an allen Gliedern schlotternd, dem Furchtbaren die Treppe hinauf nachzuschleichen, ob ich nichts zur Rettung unserer Geliebten zu unternehmen vermöchte. Was ich nun am Schlüsselloch sah und hörte, war so merkwürdig, daß ich auf einmal alle Angst vergaß und nur Augen und Ohren aufsperrte. Der fremde Herr saß ganz vertraulich neben meiner Mutter und hatte eine Anzahl messingener und zinnener Röhren auf dem geschliffenen Sofatisch ausgebreitet, das zerlegte Modell einer Erfindung, durch die er jeden Krieg siegreich, aber unblutig beenden zu können vermeinte. Es war, wenn meine Mutter, von der ich diese Erklärung habe, ihn richtig verstand, ein Geschütz, durch das ganze Heere mittels abgeschossener feiner Ketten umspannt und wehrlos gemacht werden sollten, und der phantasievolle Erfinder hatte die Absicht, damit nach Paris zu reisen und das Modell an Napoleon III. zu verkaufen. Meine sonst so geistvolle Mutter verstand von Mechanik nicht viel mehr als ihr Töchterlein am Schlüsselloch und war fast ebenso leichtgläubig. — Was, an den Tyrannen? hörte ich sie entrüstet sagen. Du solltest dich schämen, der Reaktion zu dienen. Ich hoffe, daß du dich anders besinnst und mit dem Modell nach Italien zu Garibaldi fährst, damit er es zum Heil der Freiheit verwende.
Der Besucher packte seine Röhren zusammen und antwortete, er werde jetzt, wie geplant, nach Paris reisen und sein Geheimnis um zwei Millionen dem Franzosenkaiser verkaufen, weil er das Geld brauche. Hernach aber wolle er jenen um den Vorteil bringen, indem er ein zweites Modell Garibaldi unentgeltlich zur Verfügung stelle. Er ging auch in die Küche und sprach vertraulich mit Josephine, und als er fort war, überzeugte ich mich, daß ihr Kopf auf dem alten Flecke stand. Ich wagte endlich wegen der Bücher zu forschen, da gestand sie, mich nur geneckt zu haben. Die Bücher waren ihr Eigentum, über das sie frei verfügen konnte. Der Herr, dessen sinnreiche Einfälle übrigens bekannt waren, hatte einmal mit seiner Frau als Gast bei meiner damals noch unverheirateten Mutter gewohnt, und da er eben nicht bei Kasse war, Josephine jene unbenützten Bücher statt eines anderen Entgelts für ihre Dienste hinterlassen.
Die vielen bei Tage ausgestandenen Ängste, die ich meist aus unüberlegten Reden der Erwachsenen schöpfte — auch die Furcht, eines meiner Lieben zu verlieren, gehörte dazu, obwohl ich vom Tode noch nichts wußte —, kehrten bei Nacht in abenteuerlichen Vermummungen wieder und machten mir oft genug den Schlaf zu einer ganz bedenklichen Angelegenheit. Das ging bis zu Sinnestäuschungen im vermeintlich wachen Zustand. So sah ich eines Nachts im Mondschein ganz deutlich meine Mutter im langen weißen Hemd vom Lager steigen, sich neben meinem Bettchen einen Strumpf knüpfen, und als ich erwartete, daß sie sich jetzt über mich beugen werde, lautlos hinter den Ofen gleiten. Als sie gar nicht zurückkommen wollte, kroch ich nach längerem Warten ängstlich aus dem Bett und sah den Raum hinter dem Ofen leer. Eine schreckliche Unruhe befiel mich, aber als ich nun vor ihr Lager schlich, lag sie in festem Schlafe. Eine solche kindliche Halluzination hätte vielleicht im Mittelalter genügt, eine unglückliche Frau der Hexerei und der Schornsteinfahrt zu überführen.
Aber diesen Kinderleiden, von denen die Erwachsenen nichts zu ahnen pflegen, hielt eine unermeßliche Kinderseligkeit die Waage. Solche Fest- und Wonnetage wie unsere Geburtstage konnte das spätere Leben aus all seinem Reichtum nicht mehr hervorbringen. Der feierlichste war der meinige, der Thomastag; da er in die Weihnachtswoche fiel, wurde an diesem Abend der Baum angezündet und die Bescherung gehalten. Schon viele Tage vorher hantierte unsere Josephine mit köstlichen süßen Teigen und stach mit den hochehrwürdigen alten Modeln, die ich immer irgendwie mit unseren altgermanischen Göttern in Zusammenhang bringen mußte — vielleicht hatte unser Vater einmal die Bemerkung gemacht, daß die „Springerlein“ Wodans Roß bedeuten —, das herrlichste Backwerk aus. Es wurde in überschwenglichen Mengen hergestellt und mit den Freundeshäusern korbweise als Geschenk getauscht. Mama saß mit befreundeten Damen und „dockelte“ heimlich, d. h. sie nähte aus bunten Seidenlappen die schönsten Puppenkleider. Immer hing da und dort ein goldener Faden, der diese feenhafte Tätigkeit verriet. Die übrigen Lappen hütete ich in einer Pappschachtel, sie waren mir als Stoff zu künftiger Gestaltung fast noch werter als die fertigen Kleidchen. Die Großen begriffen nicht, warum diese Schachtel jede Nacht an meinem Bett stehen mußte, aber ich wußte recht wohl, was ich tat, denn wer hätte sie sonst gerettet, falls des Nachts ein Brand ausbrach? Ich hatte schon den Griff eingeübt, womit ich sie fassen wollte, während ich im anderen Arm die Puppen hielt, um durch die Flammen zu springen. Man sage noch, daß kleine Kinder keine Voraussicht hätten! — Wenn dann nach einer herzklopfenden Erwartung endlich die Tür des Weihnachtszimmers aufging und der Duft und Glanz des mit goldenen Nüssen behangenen Baums uns entgegenströmte, dann war mit dem ersten seligen Aufatmen auch der Höhepunkt des Glückes überschritten. So herrlich Puppenstube, Küche, Kaufladen mit ihrem Inhalt waren, der Gedanke, daß auch dieser Abend unaufhaltsam zu Ende gehen mußte wie jeder andere, machte den Besitz im voraus zunichte. Das Schönste an dem Fest war jedesmal der letzte Augenblick der Erwartung.