Der arme, so liebenswürdig angelegte Junge, der in der Pause zwischen den Krankheitsstürmen ängstlich geschont und gehütet werden mußte, hatte rein gar nichts von seinem jungen Leben als die aufopfernde Liebe seiner Mutter. Diese nahm er mit der Naivität des Kranken ganz für sich in Beschlag. Wenn er nicht selber lesen konnte, worin er unermüdlich war, so mußte sie ihm Tage und halbe Nächte lang vorlesen oder Geschichten erzählen. Zuweilen durfte ich sie ablösen. Ich vereinfachte dann das Verfahren, indem ich das Buch, das er zu kennen verlangte, rasch durchflog und ihm den Inhalt erzählte. Eines Tages wünschte er, daß ich ihm Bret Hartes Goldene Träume, eine im „Novellenschatz des Auslands“ erschienene Goldgräbergeschichte, vorlese. Da mir die Zeit dazu gebrach, gab ich vor, das Buch schon zu kennen, und erzählte ihm schlankweg ein Märchen von goldenen Träumen, das ich aus dem Stegreif erfand. Dieses Märchen machte ihm so viel Vergnügen, daß ich es immer aufs neue erzählen und schließlich mit denselben Worten für ihn niederschreiben mußte. Es war das erstemal, daß ich in Prosa schrieb; ich hatte bisher geglaubt, mich nur metrisch ausdrücken zu können. Ohne des kranken Bruders innige Freude an den „Goldenen Träumen“, die den Anfang meines späteren Märchenbuchs bildeten, wäre ich vielleicht nie auf diesen Weg gekommen.
Auf dem Friedhof war unterdessen das Denkmal nach meinen Wünschen aufgerichtet worden: inmitten einer schönen Tannengruppe stand auf hohem Sockel die trauernde Muse, die mit ihrem Lorbeer so viel Unverstandensein zu vergüten suchte. Auf der Vorderseite des Sockels blieb zunächst noch ein Raum frei, den Erwin später, als er Bildhauer geworden war, mit einem Reliefbildnis unseres Vaters in Terrakotta ausfüllte. Das Denkmal hatte zusamt den Nebenausgaben die tausend Gulden meines ersten großen Honorars verschlungen, und ich ging mit leeren Händen, aber mit der unverwüstlichen Zuversicht der Jugend in mein neues Leben hinein.
Einer der letzten Abende in Tübingen bleibt mir unvergeßlich. Eine Freundin von auswärts, die ihr Herz an Edgar verloren hatte und, vor einer entsagungsvollen Verlobung stehend, ihn noch einmal sehen wollte, war mit dabei. Wir gingen zu dreien im Walde von Bebenhausen spazieren. Von der Stimmung der beiden, die sich unter Scherzworten Tieferes sagten, worauf ich nicht sonderlich achtete, ging eine seltsame Verzauberung aus. Mich brachten sie durch Vorspiegelung von einem unsagbar geheimnisvollen Etwas, das unter diesen Bäumen warte, dahin, daß ich mit offenen Augen träumte und mich immer tiefer in den Wald verschleppen ließ. Auf einer mondumflossenen Lichtung sollte mein Lieblingsroß grasen, es würde sich, wenn ich käme, neigen, um mich aufsteigen zu lassen und mich ins Reich der Wunder zu tragen. Eine Stimmung wob durch die Blätter wie auf Böcklins Schweigen im Walde. Rufe ihn, sagten sie. Abdel Kerim! Abdel Kerim! rief ich und eilte mit ausgestreckten Armen vorwärts. Die beiden lachten hinter mir her wie toll, ich glaube, sie küßten sich hinter meinem Rücken, die Schelme.
München.
Es waren freundliche Sterne, die das junge Mädchen nach München führten. Ich fand von vornherein herzlichen Anschluß an zwei Familien, die mich zuvor schon als Gast beherbergt hatten, die des berühmten Rechtslehrers v. Brinz, eines köstlich frischen, tatfrohen Österreichers, und seiner seelenvollen Gattin, die uns von Tübingen her nahestanden, sowie an das Ludwig Bareißsche Haus, jenes Urbild altschwäbischer Gastlichkeit, das um jene Zeit unsern alten Freund Ludwig Pfau als Dauergast beherbergte. Dieser erwies mir nun den Liebesdienst, mich in die Münchner Schriftsteller- und Künstlerkreise einzuführen, vor allem in das Haus des Komponisten Robert v. Hornstein, dessen entzückende Frau mich alsbald unter ihre Fittiche nahm. Baronin Hornstein war eine feenhafte Persönlichkeit, in der sich Schönheit, Anmut, Seelengüte, Mutterwitz mit dem leichtbeweglichen rheinischen Naturell zu einer unvergleichlichen Mischung vereinigten. Wer diese Frau gesehen hatte, der konnte desselben Tages nicht mehr traurig sein; sie hielt immerdar ein unsichtbares Füllhorn in der Hand, aus dem der Segen auf alles, was ihr nahetrat, strömte. Sie kam gleich, zu sehen, wie ich untergebracht sei, und da ihr mein Ofen kein Zutrauen einflößte, schickte sie mir einen aus ihrem eigenen Haushalt. Zuneigung ist eine Sache, die sich auf magnetischem Wege mitteilt, sie füllt die Luft und braucht nicht ausgesprochen zu werden. So ging es mir mit Charlotte v. Hornstein. Ich wußte sogleich, daß ich dieser Frau unbedingt vertrauen durfte und daß ich sie nie wieder aus meinem Leben verlieren würde. Sie erwies mir die Auszeichnung, mich gleich als ständigen Gast zu ihrem berühmten Sonntagskaffee einzuladen, wo ich als einziges junges Mädchen unter lauter reiferen Frauen und den Spitzen der Münchener Künstler- und Gelehrtenwelt saß. Der Hausherr war äußerlich das völlige Widerspiel seiner eleganten, glänzenden Gattin. Klein, unansehnlich, von wenig gepflegtem Anzug, schweigend, wenn er nicht etwas Besonderes zu sagen hatte, zog er doch mit seinem köstlichen Humor und seiner geistreichen Urwüchsigkeit stets die Lacher auf seine Seite. Er schwäbelte ein wenig und hatte bei seiner Abstammung von einem alten reichsfreiherrlichen Geschlecht den allerdemokratischsten Hang im Blute, der ihn zwang, von Zeit zu Zeit für ein paar Tage wie ein Handwerksbursch auf die Wanderung zu gehen und sich unter dem Volke umherzutreiben. Solche Naturhaftigkeit und Freude an allem Ursprünglichen bei altadeligem Geblüt und großer seelischer Verfeinerung heimelte mich von meiner Mutter her an, und ich schloß mit ihm noch eine Sonderfreundschaft, wie in der Folge mit allen Gliedern seiner Familie.
Noch eine andere der gefeierten Münchner Frauen nahm sich des jungen, alleinstehenden Mädchens mit Wärme an, die durch selbständiges Denken und männliche Charaktereigenschaften sowie durch ihre strenge Schönheit ausgezeichnete Rosalie Braun-Artaria, die mir auch einen ernsteren geistigen Austausch bot und deren Freundschaft mich gleichfalls durchs Leben begleiten sollte. Damit war der Eingang in die sonst so abgeschlossene Münchner Gesellschaft gefunden, und manches glänzende Haus öffnete mir seine gastlichen Pforten. Aber auch wenn es anders gewesen wäre, der bloße Umstand, daß ich keinen kleinstädtischen Mißverständnissen mehr ausgesetzt und nur noch für mein eigenes Tun und Lassen verantwortlich war, ließ mich aufatmen. Nur was ich mir von Kindheit an so innig ersehnt hatte, das volle „Dazugehören“, fand ich auch in München nicht. War’s die Folge der langen Verkennung und Anfeindung, war’s, daß ich mich jetzt als einzige Werdende unter lauter Gereiften, Fertigen befand, oder war’s mir angeboren? Ich konnte mich nur als liebevoll empfangenen Gast, nicht als Mitglied des erlesenen Kreises empfinden, und das Gefühl des Fremdseins, das immer und überall mit mir ging, verließ mich auch in München nicht. Was der empfindsamen Kindesseele Leides zugefügt worden ist, das hinterläßt eine Narbenschrift, die schwer verlöscht. Und ich brauchte auch noch größeren Raum, um zu wachsen.
Daß Paul Heyses von edelstem künstlerischem Geschmack regiertes Haus, wo die junge, sehr schöne, von ihm angebetete Frau anmutig thronte, mir gleichfalls gastlich offen stand, ergab sich aus seiner engen Freundschaft mit meinem verstorbenen Vater von selbst. Heyse, in seiner lange bewahrten Jugendlichkeit selber noch ein schöner und gewinnend liebenswürdiger Mann, herrschte widerspruchslos in der Gesellschaft wie in der Literatur, wo sich ja sein Einfluß bis in die Schreibart herunter bemerkbar machte. Als ein Meister der Rede hatte er mit seiner hohen Kultur und seinem ganz norddeutsch gerichteten Witz, der in hundert Fassetten funkelte und auch das Wortspiel bis herab zum Kalauer nicht verschmähte, in jedem Gespräch die Oberhand, wobei er doch nie die vornehme Verbindlichkeit außer acht ließ, die ihn zu einer wahrhaft fürstlichen Erscheinung machte. Dieser spielerischen Grazie, die das Wort als Selbstzweck behandelte, waren die süddeutschen Zungen nicht gewachsen. Zwar im schlagenden Einfall war ihm Franz Lenbach, im leichten gesellschaftlichen Geplänkel die Baronin Hornstein ebenbürtig. Aber bei schärferen Redekämpfen fand sich niemand, der ihm die Stange hielt, und es war ein Schauspiel, Heyse in solchen Augenblicken zu sehen. Einer so bestechenden Dichterpersönlichkeit konnte eine begeisterte weibliche Gemeinde nicht fehlen, die ihm stets unbedingt beipflichtete und sich geistig ganz nach ihm gemodelt hatte. An der Tochter seines Freundes, der er bisher aus der Ferne eine Art literarischer Vormund gewesen war, fand er aber im persönlichen Verkehr ein unlenksames Mündel. Zwar seinen Rat, keine Gedichte drucken zu lassen, ehe ein ausgereifter Band beisammen wäre, habe ich weislich befolgt und ihm zeitlebens gedankt. Im übrigen aber wehrte ich mich gewaltig gegen sein Übergewicht. Was er meinem Vater gewesen, in dessen verdüstertes Leben er den letzten tröstlichen Abendschimmer goß, konnte mich nur mit tiefer Dankbarkeit erfüllen, und ich war ja zur Verehrung für ihn geradezu erzogen worden. Auf beide Eltern hatte er einen unerhörten, bestrickenden und sie selbst beglückenden Zauber geübt: andere Freunde, die meine Mutter mit ihrem Überschwang necken wollten, sprachen von ihm nur als von „Ihme“. Allein wenn er mit meinem Vater zu Fuß durch die alten Städtlein und Dörflein Württembergs wanderte, voll feurigen Eingehens auf den älteren Freund und voll Freude an jeder Äußerung des Volkstums, so war er ein anderer als in seiner eigenen Umwelt, die fast einem Hofe glich, wo der Ton ein gedämpfterer war, wo alle Natur wie stilisiert erschien und das Leben sich nur in einwandfreiester Gestalt zu zeigen wagte. Heyse war ja zeitlebens auf den Höhen der Menschheit gewandelt, und sein tiefes Ordnungs- und Schönheitsbedürfnis zwang ihn, von dem dämonischen Untergrund alles Daseins, der Elend und Schuld gebiert, die Augen abzuwenden, dem Vernunftwidrigen aus dem Wege zu gehen. Er stand sogar solchen Verwicklungen, wie er sie in seinen Werken darzustellen liebte, im bürgerlichen Leben schroff gegenüber, wie mir übrigens ähnliches auch von Ibsen erzählt worden ist. Ging doch sein Sinn für das Herkommen so weit, daß er es richtig fand, seine eigenen Romane, die damals für sehr frei und den ganz Zurückgebliebenen sogar für unmoralisch galten, jungen Mädchen lieber nicht in die Hand zu geben. Von dem allem war der Geist, in dem ich aufgezogen worden, fast das gerade Gegenteil, und unsere Gespräche endeten daher meistens in ein kleines Scharmützel. So war ihm auch mein romantischer Napoleonkultus höchlich zuwider, und er konnte sich bis zum Zorn, ja bis zur Ableugnung der titanischen Größe dagegen ereifern. Zwischen Gleichaltrigen hätten die Gegensätze zu einem fruchtbaren Austausch geführt, allein meiner Jugend stand ein Fertiger gegenüber, der sich die Welt auf seine Art ausgelegt und sein Weltbild der näheren und ferneren Umgebung, ja man kann wohl sagen, einer ganzen literarischen Epoche seines Vaterlandes aufgezwungen hatte. Ich fühlte es auch bald selber, daß mein anfänglich ganz unbefangener Widerspruch wie Undankbarkeit erscheinen konnte — und beginnt nicht jede Entwicklung mit einer Auflehnung und einem Undank? — Darum hielt ich es nun, wo ich nicht mitgehen konnte, für passender, zu schweigen, aber das verletzliche Gewissen ließ mich dieses Verstummen als Unaufrichtigkeit empfinden und machte mich alsdann beklommen. So hatte ich von seiner Gegenwart häufig nicht den Vollgenuß, den mir sonst der Anblick einer so sieghaften Persönlichkeit bereitet hätte. Ganz wundervoll war Heyses Auftreten bei gesellschaftlichen Empfängen; ich dachte oft, daß hinter dem Dichter eigentlich ein hoher Diplomat stecke, und wahrlich, wenn solche nicht angelernte, sondern aus dem Innersten fließende Würde und Höflichkeit in Deutschland eine verbreitetere wäre, so stände es besser um das Ansehen der Deutschen in der Welt.
Grundverschieden von Heyse und doch ihm aufs innigste befreundet war mein engerer Landsmann, der von allen geliebte Dichter Wilhelm Hertz. Ein Stück edelsten Schwabentums, wurzelecht wie ein Erzschwabe, aber ins Weltschwabentum erweitert und erhöht. Die Uhlandsche Geisteswelt war in ihm wiedergeboren, nur ohne den Zug ins Altbürgerliche und ohne politische Richtung, ganz aufs Schöne gewendet. Jene edle Grenzmark der Poesie und Wissenschaft, in der man so tiefe, befreite Atemzüge tun konnte. Wo er erschien, da strömte seine untersetzte Gestalt mit dem keineswegs schönen, aber männlichen Gesicht eine Ruhe und Sicherheit aus, die wie unmittelbar aus dem Erdboden kam; man mußte sich fragen, ob er nicht in einem fernen Vorleben ein Baum gewesen sei, so einer mit tiefen Wurzeln und breitem Wipfel, und ob er nicht dunkle Erinnerungen an den Erdenschoß bewahre. In einer beglückenden wissenschaftlichen und dichterischen Tätigkeit und einer ungemein harmonischen Ehe lebend, erschien er als der Glückliche schlechtweg, bei dessen Anblick auch andere zufrieden wurden. Er war zugleich ein künstlerischer Genießer des Lebens, der aus jeder Gabe Gottes ihren vollen Wert zu ziehen wußte und der einen edlen Tropfen Weins auf der Zunge zergehen ließ wie einen Vers von Goethe. Wenn Hertz seine dunkle Stimme erhob, um sein Wort langsam und nachdrücklich ohne alles persönliche Schimmern in die Erörterung zu werfen, so war es, als hätten jetzt die Dinge selbst gesprochen und ihr wahres Wesen enthüllt, so daß gar keine Zweifel übrig blieben. Vor allem bewunderte ich den Gerechtigkeitssinn, mit dem er sich dem so leicht einreißenden Spott über Abwesende widersetzte. Er widersprach nur ungern und schonend; lieber erzählte er dann einen rühmlichen Zug aus dem Leben des Betroffenen, der diesen über jeden Angriff hinaushob. Hertz war mir ein glänzender Beweis, wieviel mehr Geist dazu gehört, die Vorzüge der Menschen zu sehen als ihre Fehler. Welch ein Meister der Geselligkeit er war, erfuhr ich freilich erst bei meinen späteren Aufenthalten, wenn ich an den Hertzschen Teenachmittagen teilnehmen durfte, die mir stets als Musterbeispiel edelster geistiger Bewirtung vorschwebten. Da war kein Ungefähr im Zusammenstellen der Gäste, alle verstanden und ergänzten sich, und nie ging die Zahl über die klassischen Neune hinaus. Der Hausherr hielt das Gespräch unmerklich in der Hand, daß es nicht zersplitterte und daß jeder der Geladenen sich nach seiner persönlichen Art entfalten konnte, während die Hausfrau ihn geräuschlos in den Pflichten des Wirtes unterstützte. Da wurde die Luft so hell und rein, und die verschiedenen Stimmen klangen wie ein Konzert ineinander, daß für einen Augenblick die Welt ganz Harmonie war. Und das müßte ja der Zweck jeder edleren Geselligkeit sein. Zum Schlusse erschien dann immer noch eine Flasche Sekt, und die Gäste trennten sich auf dem Höhepunkt der Stimmung, die noch tagelang nachklang.
Eine weitere sehr ausgeprägte Persönlichkeit war der nach allen Seiten frondierende Maler, Poet und Artillerieoberst Heinrich Reder, ein begabter, eigenwilliger Mann, der sich wegen gesellschaftlicher Unstimmigkeiten von seiner ehemaligen Tafelrunde, dem Heyse-Hornstein-Kreis, in einen Schmollwinkel zurückgezogen hatte, zu dem ich aber wegen seiner Freundschaft mit unserer spanischen Freundin den Zugang fand.