Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem Angesicht seiner eigenen Gottheit – da pflegte er, dieses Wunderwesen, dieser Ausbund von Tugend, die Augen gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer Stimme auszusprechen: »Ja, ich bin ein würdiger, ein moralischer Mensch!«

Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen – und selbst dann wird nichts sich regen in seinem steinernen Herzen – in diesem Herzen ohne Makel und Fehl.

O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen Tugend – schwerlich kannst du überboten werden von dem nackten Scheusal des Lasters!

Das Fest beim höchsten Wesen

Einstmals beschloß das höchste Wesen, in seinem azurblauen Himmelspalast ein Fest zu geben. Sämtliche Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten. Aber nur die weiblichen ... Herren waren nicht geladen ... bloß Damen.

Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden – die großen wie die kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig zuvorkommender und liebenswürdiger als die großen; doch schienen alle sehr befriedigt – und man unterhielt sich in der artigsten Weise, wie es sich für so nahe Verwandte und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte das höchste Wesen zwei schöne Damen, die sich gegenseitig gar nicht zu kennen schienen.

Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der Hand und führte sie zu der anderen.

»Die Wohltätigkeit!« sprach er, auf die erste deutend. »Die Dankbarkeit!« fügte er hinzu und wies auf die zweite. Beide Tugenden gerieten in sprachloses Erstaunen: seitdem die Welt besteht – und sie besteht schon ziemlich lange –, begegneten sie sich zum erstenmal.

Die Sphinx

Gelblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender Sand ... Sand ohne Ende, so weit das Auge reicht!