‘Herr General!’ schrie sie, ‘Eure Hoheit! Richten Sie! Helfen Sie! Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!’ Jegor stand auf der Türschwelle, kerzengerade, die Mütze in der Hand, hatte sogar die Brust herausgedrückt und die Hacken aneinandergenommen wie eine Schildwache – und gab nicht einen Laut von sich! Mag sein, daß ihn der Anblick dieser ganzen, mitten auf der Straße haltenden Generalität aus der Fassung brachte, daß er im Vorgefühl des über ihn hereinbrechenden Unheils zu Stein erstarrte – mein armer Jegor stand bloß da und blinzelte mit den Augen, im Gesicht aber fahl wie Tonerde.

Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren Blick auf ihn und brummte zornig: ‘Nun?’ ... Jegor steht da wie eine Bildsäule und zeigt grinsend seine Zähne! Ein Unbeteiligter hätte wirklich glauben können, der Kerl lache.

Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bündig: ‘Hängt ihn!’ gab seinem Pferde die Sporen und ritt weiter – zuerst wieder im Schritt – dann in scharfem Trabe. Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein einzelner Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor einen flüchtigen Blick zu.

Den Befehl zu mißachten, war ganz unmöglich ... Jegor wurde sofort festgenommen und zur Exekution abgeführt. Da brach er völlig zusammen – und rief mit erstickter Stimme nur ein paarmal: ‘Mein Gott! Mein Gott!’ – dann halblaut: ‘Gott droben weiß es, ich wars nicht!’ Bitterlich weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ich war in Verzweiflung. ‘Jegor! Jegor!’ schrie ich, ‘warum hast du denn bloß dem General nicht geantwortet?’ ‘Gott droben weiß es, ich wars nicht,’ wiederholte der Ärmste schluchzend. – Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch fürchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht für möglich gehalten, und nun fing auch sie zu heulen an! Alle und jeden flehte sie um Schonung an, versicherte, daß sich ihre Hühner gefunden hätten, daß sie bereit sei, alles aufzuklären ...

Natürlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im Kriege, mein lieber Herr, heißts eben Mannszucht! Disziplin! Die Wirtin heulte immer lauter und lauter. Als ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir: ‘Sagen Sie ihr, Euer Wohlgeboren, sie möchte sich nicht so grämen ... Ich habe ihr ja schon verziehen.’«

Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen wiederholt hatte, flüsterte er leise: »Jegoruschka, mein Täubchen, du brave Seele!« – und dabei rannen ihm die Tränen über die gefurchten Wangen.

Was ich wohl denken werde ...

Was ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da die Sterbestunde schlägt – wenn ich dann überhaupt noch werde denken können?

Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt habe, wie ich es verschlief, verträumte, seine Gaben nicht zu genießen verstand?

»Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmöglich! Ich habe ja doch noch nichts leisten können ... Ich wollte ja eben erst an die Arbeit gehen!«