»Marfa, um welche Stunde bin ich gestern abend zu Bett gegangen? Kannst du dich noch daran erinnern?«
»Ja, das mußt du selbst wissen, mein Wohltäter ... Es wird wohl spät gewesen sein. In der Dämmerung bist du aus dem Hause gegangen und hast noch spät nach Mitternacht in deinem Schlafzimmer mit den Absätzen getrampelt. Es wird sogar gegen Morgen gewesen sein, als ich dich habe herumgehen hören, ja ... Auch vorgestern war dasselbe. Hast wohl einen Kummer, der dich drückt ...«
– He, he – dachte ich. – Das Fliegen unterliegt also keinem Zweifel. – »Nun, und wie sehe ich heute aus?« fügte ich mit lauter Stimme hinzu.
»Wie du aussiehst? Laß dich mal anschauen. Etwas heruntergekommen. Und auch bleich bist du, mein Wohltäter: kein einziger Blutstropfen im Gesicht.«
Ich schauderte leicht zusammen ... Ich schickte Marfa fort.
– Auf diese Weise kann ich mir noch den Tod holen, oder wahnsinnig werden, – sagte ich zu mir selbst, am Fenster stehend. – Ich muß damit ein Ende machen. Das ist gefährlich. Auch das Herz pocht mir heute so eigentümlich. Und während ich fliege, habe ich immer das Gefühl, als ob mir jemand am Herzen sauge, oder als ob aus ihm etwas heraussickere – ganz so wie im Frühling der Saft aus der Birke sickert, wenn man mit einer Axt hineinsticht. Und doch ist es schade. Auch Ellis ist so eigentümlich ... Sie spielt mit mir wie die Katze mit der Maus ... übrigens wird sie wohl kaum böse Absichten haben. Ich will mich ihr noch zum letzten Male hingeben, will mich noch einmal satt sehen, – und dann ... Doch wenn sie mir das Blut aussaugt? Das wäre schrecklich!... Auch kann eine so rasche Fortbewegung nicht unschädlich sein; man sagt, daß es in England auf den Eisenbahnen verboten sei, mehr als 120 Werst in der Stunde zu fahren ... –
So sprach ich mit mir selbst, – doch gegen zehn Uhr abends stand ich wieder vor der alten Eiche.
XVIII.
Die Nacht war kalt, trüb und grau; in der Luft roch es nach Regen. Zu meinem Erstaunen traf ich niemand bei der Eiche; ich ging einige Male um den Baum herum, kam bis an den Saum des Waldes, kehrte wieder zurück und blickte gespannt in die Finsternis ... Niemand kam. Ich wartete eine Weile und rief dann einige Male Ellis, immer lauter und lauter ... sie kam aber nicht ... Ich empfand Trauer, sogar Schmerz; meine Befürchtungen von vorhin waren verschwunden: ich konnte mich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß meine Gefährtin nie mehr wiederkehren werde.
»Ellis! Ellis! So komm doch! Wirst du denn nicht kommen?« rief ich zum letzten Male aus.