Ich wandte den Kopf nach der Seite, wohin mir ihre zitternde Hand wies, und ich sah etwas ... etwas, was wirklich grauenhaft war.

Dieses Etwas war umso schrecklicher, als es keine bestimmte Gestalt hatte. Etwas Schwerfälliges, Finsteres, Gelblich-Schwarzes, Geflecktes wie der Bauch einer Eidechse, weder Wolke noch Rauch, wand sich und kroch langsam wie eine Schlange über der Erde. In dieser Bewegung war ein gleichmäßiges, breites Schaukeln von oben nach unten und von unten nach oben, gleich dem unheildrohenden Flügelschlagen eines Raubvogels, der nach Beute ausspäht; ab und zu drückte es sich mit unbeschreiblich widriger Gebärde an die Erde, – mit ähnlicher Gebärde fällt die Spinne über die gefangene Fliege her ... Wer bist du, wer bist du, du gräßliche Masse? Unter ihrem Einfluß wurde, ich fühlte es, alles vernichtet, verstummte alles ... Der Masse entströmte eine faule, pestilenzialische Kälte, und von dieser Kälte übelte es mir, es wurde mir finster vor den Augen, und meine Haare sträubten sich. Es war der Anmarsch einer Kraft; jener Kraft, gegen die es keinen Widerstand gibt, der alles untertan ist, welche selbst weder Gesicht, noch Gestalt, noch Sinn hat, doch alles sieht, alles weiß, sich ihre Opfer wie ein Raubvogel auswählt, wie eine Schlange sie erdrückt und mit ihrem frostigen Stachel beleckt ...

»Ellis! Ellis!« rief ich wie wahnsinnig. »Es ist der Tod! Der Tod selbst!«

Ein klagender Ton, den ich schon früher gehört hatte, drang wieder aus Ellis' Munde, – diesmal glich er aber eher einem menschlichen, verzweifelten Aufschrei, – und wir flogen dahin. Doch unser Flug war seltsam und grauenhaft ungleich; Ellis überschlug sich in der Luft, stürzte, flog im Zickzack wie das Rebhuhn, das tödlich verwundet ist oder den Hund von seinen Jungen abzubringen sucht. Indessen hatten sich von jener unbeschreiblich grauenhaften Masse lange wellenförmige Glieder abgelöst, und sie streckten sich uns entgegen wie Arme, wie Krallen ... Die riesige Gestalt eines verhüllten Reiters auf fahlem Rosse erschien und schwang sich im gleichen Augenblick hoch in den Himmel hinauf ... Noch unruhiger, noch verzweifelter warf sich Ellis hin und her. »Er hat mich gesehen! Alles ist zu Ende! Ich bin verloren!...« ließ sich ihr hastiges Geflüster vernehmen. »Oh, ich Unglückliche! Ich hätte die Gelegenheit benützen können, hätte neue Lebenskraft schöpfen können ... und jetzt ... Jetzt bin ich wieder nichts!«

Es ging über meine Kraft ... Ich verlor die Besinnung.

XXV.

Als ich zu mir kam, lag ich auf dem Rücken im Grase und fühlte in meinem ganzen Körper einen dumpfen Schmerz wie nach einem Sturz. Am Himmel dämmerte der Morgen, und ich konnte deutlich die Dinge unterscheiden: nicht weit von mir zog sich längs eines Birkengehölzes eine von Weidenbüschen eingefaßte Straße hin; die Gegend kam mir bekannt vor. Ich fing an, mich zu erinnern, was mit mir vorgefallen war, und ich zuckte vor Grauen zusammen, als mir das letzte entsetzliche Gesicht in den Sinn kam ...

– Aber warum erschrak Ellis? – dachte ich. – Ist denn auch sie seiner Gewalt untertan? Ist sie nicht unsterblich? Ist sie denn auch der Vernichtung, der Auflösung preisgegeben? Wie wäre das möglich! –

Ganz nahe ließ sich ein leiser Seufzer vernehmen. Ich wandte den Kopf. Etwa zwei Schritte vor mir lag auf der Erde, unbeweglich hingestreckt, eine junge Frau in weißem Kleid, mit aufgelöstem üppigem Haar und entblößter Schulter. Ein Arm lag hinter dem Kopfe, der andere auf der Brust. Die Augen waren geschlossen, und auf den zusammengepreßten Lippen zeigte sich ein leichter hellroter Schaum. Ist denn das Ellis? Ellis war ja ein Gespenst, eine Vision, und vor mir liegt ein lebendiges Weib. Ich kroch zu ihr heran und beugte mich über sie ...

»Ellis! Bist du es?« rief ich aus. Plötzlich öffneten sich, leise erzitternd, ihre breiten Augenlider, dunkle durchdringende Augen bohrten sich in mich, – und im gleichen Augenblick saugten sich warme, feuchte, nach Blut riechende Lippen in die meinen, weiche Arme umschlangen meinen Hals, eine glühende volle Brust drückte sich an die meine. – »Lebe wohl! Lebe wohl auf ewig!« sprach deutlich die ersterbende Stimme, – und alles war verschwunden.