„Und Ihr liebenswürdige Wüstlinge, die Ihr seit Eurer Jugend keine anderen Zügel kanntet, als diejenigen, mit welchen Euch Eure Begierden leiten, anerkennt keine anderen Gesetze als Eure Launen; möge Euch der Cyniker Dolmancé zum Beispiel dienen! Geht so weit wie er, damit, wenn Ihr die ganze Bahn durchlaufen, welche von der Wollust mit Blumen bestreut, sich Euren Blicken darbietet, Ihr Euch überzeugt, dass es nur eine Lebensschule giebt, in welcher Ihr den Horizont Eures Geschmackes und Eurer Phantasien ausdehnen möget, dass man nur dann, wenn man seinem Genusse Alles opfert, seinen Lebenszweck erfüllt, dass endlich der Mensch, welcher diese sonst so traurige Welt bewohnt, nur auf diese Weise aus den Dornen des Lebens Rosen zu pflücken vermag.“
Skizzieren wir in aller Kürze die dürftige Handlung des Stückes. Im ersten Gespräch treten Madame de St.-Ange und ihr Bruder, der Chevalier de Mirvel auf. Die Erstere ist ein Juliette-Typus, die alles, was mit ihr in Berührung kommt, vergiftet. Ihr Bruder dagegen ist mehr receptiv und tritt in dem Buche hinter der kraftvolleren Individualität des Dolmancé zurück. Dieser ist ein im Laster consequenter Cyniker, der mit seiner geistreichen Sophistik stets die ganze Situation beherrscht. Er ist nach Mirvels Beschreibung durch seinen frühbegonnenen lasterhaften Lebenswandel hart geworden und besitzt anstatt des Herzens nur tierische Begierden. Er ist Paederast und hört nicht auf, in Apologien dieses Lasters zu schwelgen.
Eugenie von Mistival ist ein junges Mädchen, deren Mutter eine Betschwester ist und deren Vater ein Verhältnis mit Madame de St.-Ange unterhält. Letztere hat ihr schon einen theoretischen Unterricht im Laster erteilt, ihr alle Lehren der Religion und der reinen Moral ausgeredet und sie so umgarnt, dass Eugenie sich ganz ihrer Leitung anvertrauen will. So soll sie denn heute — die ganze Handlung spielt sich im Laufe eines einzigen Tages ab — in die Mysterien des Venusdienstes und — Sodoms eingeweiht werden. Eugenie kommt und verrät ihre wahre Natur sofort durch das Bekenntnis, dass sie ihre Mutter, diese alte Betschwester, hasse. Dolmancé erscheint als Letzter und nunmehr wird Eugenie, die errötend im Anfange Scham heuchelt, zuerst über die Anatomie und Physiologie der männlichen und weiblichen Genitalien cum demonstratione[584] belehrt und empfängt darauf in den Künsten der „amour physique“ und „antiphysique“ Unterricht. Später werden zu dem praktischen Unterricht auch der Chevalier und ein Gärtnerbursche und Idiot Augustin zugezogen, so dass Eugenie das Arrangement obscöner Gruppen kennen lernt. Gegen Abend, als Eugenie sich bereits in das grausamste erotische Scheusal verwandelt hat, kommt ihre Mutter, Madame de Mistival gerade zur rechten Zeit. Unter den Augen der jauchzenden Tochter wird sie scheusslich vergewaltigt, von einem Knecht Lapierre syphilitisch infiziert, und bevor man zu Tische geht, muss Eugenie an ihrer Mutter die Infibulation vollziehen.
Dies der Gang der Handlung. Mehr als Dreiviertel des Buches werden durch lehrhafte Excurse ausgefüllt.
6. Die übrigen Werke des Marquis de Sade.
„Justine“, „Juliette“ und die „Philosophie dans le Boudoir“ sind die Werke, denen der Marquis de Sade seinen herostratischen Ruhm verdankt. Alle übrigen zahlreichen Schriften desselben sind milde und erträglich im Vergleich mit den eben genannten. Marciat nennt deshalb die in ihnen zum Ausdruck kommenden Ideen den „petit sadisme“, den „kleinen Sadismus“.[585]
„Aline et Valcour ou le Roman philosophique, écrit à la Bastille un an avant la Révolution“, erschien zuerst 1793 in 4 Bänden, später im Jahre 1795. Girouard wurde 1792 mit dem Drucke dieses Werkes von Sade beauftragt. Der Drucker wurde aber in eine royalistische Verschwörung verwickelt, verhaftet und guillotiniert. Inzwischen war der Roman heimlich gedruckt worden, und erschien 1793 unter der Firma der Frau Girouard’s. Er fand wenig Käufer. 1795 wurden Exemplare mit neuem Titel in den Handel gebracht. In demselben Jahre erwarb der Buchhändler Maradan die Restexemplare, änderte nur Titel und Titelbild, und brachte das Werk so in den Handel.[586] Es ist, wie Marciat richtig vermutet, unzweifelhaft ein Vorbild der „Justine et Juliette“, da es fast dieselben Charaktere schildert. Valcour, ein tugendhafter junger Mann liebt Aline, die edle Tochter der edlen Frau des grausamen und lasterhaften Präsidenten de Blamont. Dieser möchte seine Tochter gern an den alten Wüstling Dolbourg verheiraten, zumal da er schon früher die tugendhafte Sophie, die er für seine Tochter hält, diesem alten Freunde als Maitresse ausgeliefert hat. Er will, wenn dieser Heiratsplan gelungen ist, dem Dolbourg seine Frau zur Geliebten geben, um von ihm dessen Frau, also seine Tochter, in gleicher Eigenschaft zurückzuerhalten. Der Plan misslingt. Aline tötet sich. Madame de Blamont wird auf Befehl des Gatten vergiftet. Valcour geht ins Kloster, Dolbourg wird tugendhaft, und der Präsident muss fliehen. In Rosa und Leonore sind zwei lasterhafte weibliche Personen geschildert. Leonore, die überall Glück hat, erscheint als Pendant zu Juliette. Auch an sonstigen interessanten Persönlichkeiten ist das Werk reich. Bis auf die Vergiftung und einige Flagellationsszenen enthält „Aline et Valcour“ keine Schilderungen von Grausamkeiten.[587]
Quérard meint, dass der Autor als Valcour sich selbst geschildert habe und bisweilen dort seine eigene Geschichte erzähle.[588]
Die „Crimes de l’Amour ou le Délice des passions; Nouvelles héroiques et tragiques, précédé d’une Idée sur les Romans“ Paris 1800, sind eine Sammlung romantischer Erzählungen wie z. B. „Juliette et Raunai“, „Clarisse“, „Laurence et Antonio“, „Eugène de Franval“ u. s. w., in denen der Kampf zwischen Laster und Tugend geschildert wird. Gewöhnlich aber siegt die Tugend. Der Marquis de Sade handelt über diese Sammlung in seiner polemischen Schrift gegen Villeterque.[589]
Als Vorrede zu den „Crimes de l’Amour“ schrieb Sade die „Idée sur les Romans“, eine nicht ungeschickte Uebersicht über die Romanschriftstellerei des 18. Jahrhunderts, eingeleitet durch eine historische Skizze der Entwickelung des Romans, den er als „Gemälde der Sitten des Jahrhunderts“ definiert, das in gewissem Sinne die Geschichte ersetzen müsse. Nur ein Menschenkenner kann einen guten Roman schreiben. Diese Menschenkenntnis erwirbt man durch Unglück oder Reisen. Am Schlusse weist er die Vorwürfe, die man ihm über die cynische Ausdrucksweise in „Aline et Valcour“ gemacht hat, als ungerechtfertigt zurück. Man muss das Laster zeigen, damit es verabscheut werde. Die gefährlichsten Werke sind die, welche es verschönern und in glänzenden Farben schildern. Nein, es muss in seiner ganzen Nacktheit vor Augen stehen, damit es in seinem wahren Wesen erkannt und gemieden werde.