Schliesslich nimmt aber die Herrlichkeit ein Ende. Das Bordell wird aufgehoben; das Vermögen der Durand und Juliettens konfisciert. Juliette geht nach Lyon, von wo sie Noirceuil über ihre bevorstehende Rückkehr nach Paris benachrichtigt und dem Abbé Chabert mitteilt, dass er ihre nun schon sieben Jahre alte Tochter Marianne ebenfalls nach Paris bringe, damit sie dort zur „Verbrecherin“ erzogen werde. Die Freude des Wiedersehens mit Noirceuil ist gross. Dieser hält gleich eine seiner grossen Reden und sagt, dass Juliette ihn noch tausend Mal schlechter wieder fände, als sie ihn verlassen habe. Er hat inzwischen auch Saint-Fond umgebracht. Sie feiern dann ihr Wiedersehen mit einem Morde. Juliette richtet sich in Paris ein Bordell ein, für Männer und Frauen, für welches sechs Kupplerinnen die Waren herbeischaffen. Juliette und Noirceuil schwelgen in wahrhaft grandiosen Ausschweifungen, in denen sie den Kaiser Nero und die Kaiserin Theodora zu übertreffen suchen. Noirceuil heiratet in einer Kirche unter Gebet, Segen und mit Zeugen seine beiden Söhne, Juliette ihre Tochter und ein von ihr verführtes Fräulein Fontanges! Die Freuden dieser in der Weltgeschichte einzigen Ehen dauern nicht lange. Bei einer Orgie, die Desrues und Cartouche als Henker mit ihrer Gegenwart beehren, werden die Söhne Noirceuils und Mademoiselle Fontanges unter grässlichen Foltern ermordet. Juliettens Tochter wird ins Feuer geworfen!
Hier endet Juliette ihre Erzählung vor den staunenden Zuhörern, nachdem sie noch hinzugefügt hat, dass sie in dem Dorfe, wo das Landgut Noirceuil’s liegt und wo das Wiedersehen mit Justine stattgefunden hat, alle Brunnen vergiftet und so den Tod sämtlicher Bauern herbeigeführt habe. Juliette schliesst ihren langen Bericht mit einer glühenden Apotheose des Lasters. Das ist die glückliche Lage, in der Ihr mich jetzt seht, meine Freunde! Ich gestehe es, ich liebe das Verbrechen leidenschaftlich. Dieses allein reizt meine Sinne, und ich werde seine Grundsätze bis zum letzten Tage meines Lebens verkünden. Frei von jeder religiösen Furcht, erhaben über die Gesetze durch meine Verschwiegenheit und meine Reichtümer, möchte ich die göttliche oder menschliche Gewalt kennen lernen, die mir meine Wünsche verbieten könnte. Die Vergangenheit ermutigt mich; die Gegenwart elektrisiert mich; ich fürchte wenig die Zukunft und hoffe, dass der Rest meines Lebens die Ausschweifungen meiner Jugend bei weitem noch übertreffen wird. Die Natur hat die Menschen dazu geschaffen, damit sie sich über alles auf der Erde amüsieren. Das ist ihr höchstes Gesetz und wird immer dasjenige meines Herzens sein. Um so schlimmer für die Opfer, die es geben muss. Alles würde im Universum zu Grunde gehen ohne die erhabenen Gesetze des Gleichgewichtes. Nur durch Frevelthaten erhält sich die Natur und erobert die ihr von der Tugend entrissenen Rechte wieder. Wir gehorchen ihr also, indem wir uns dem Bösen überliefern. Ein Widerstand wäre das einzige Verbrechen, das sie niemals verzeihen darf. O meine Freunde, überzeugen wir uns von diesen Grundsätzen, aus deren Verwirklichung alle Quellen des menschlichen Glückes entspringen.“
Mehr als einmal hat Justine während dieser langen Erzählung geweint. Nicht so der Chevalier und der Marquis. Nach der Rückkehr Noirceuils und Chaberts wird die Opferung dieser unverbesserlichen „Tugendhaften“ beschlossen. Im letzten Augenblick aber schlägt Noirceuil einen Schicksalsspruch vor, da eben ein heftiges Gewitter heraufzieht. Man bringt Justine ins Freie. Und siehe da! sie wird auf der Stelle vom Blitz erschlagen. Darob begeisterter Jubel der Genossen des Lasters. Die Natur hat gesprochen. Das Laster ist des Menschen einziges Glück. Während sie noch an der Leiche der unglücklichen Justine ihre Greuel verüben, erscheint plötzlich die Durand wieder auf der Bildfläche. Sie hat einen grossen Teil des in Venedig konfiszierten Vermögens gerettet. Zum Schluss wird Noirceuil zum Minister ernannt, Chabert wird Erzbischof, der Marquis wird Gesandter in Konstantinopel und der Chevalier bekommt eine Rente von 400000 Livres. Juliette und die Durand folgen ihrem geliebten Noirceuil zu neuen Herrlichkeiten, bis nach zehn Jahren glänzender Erfolge des Lasters Juliette stirbt.
„Wer einmal meine Geschichte schreibt“, hat sie ausgerufen, „der betitle sie: Die Wonne des Lasters!“
5. Die „Philosophie dans le Boudoir“.
Die „Philosophie dans le Boudoir ou les instituteurs immoraux“ erschien zum ersten Male 1795 als „Ouvrage posthume par l’auteur de Justine“ in 2 Bänden mit 5 Bildern, zum zweiten Male 1805 in 2 Bänden mit 10 Bildern und seitdem öfter.
Das Werk ist eine Nachahmung der „Education de Laure“ von Mirabeau und zum Teil auch der „Aloysia Sigaea“ des Nicolas Chorier. Das Hauptthema: die Erziehung eines jungen Mädchens zum Laster wird in Form von Dialogen und langen lehrhaften Vorträgen erörtert, die nur ab und zu von praktischen Ausführungen der gepredigten Ausschweifungen unterbrochen werden. Die Handlung tritt zurück hinter den theoretischen Erörterungen.
Charakteristisch für den Ton des Ganzen ist die Vorrede an die Wüstlinge: „Wüstlinge jeden Alters und beiderlei Geschlechts! Nur Euch widme ich dieses Werk; nährt Euch mit dessen Grundsätzen, die Euren Leidenschaften günstig sind. Diese Leidenschaften, von welchen Euch kleinliche und kalte Moralisten zurückschrecken, sind nichts weiter als Mittel, welche die Natur anwendet, um den Menschen ihre Zwecke in Beziehung auf ihn zukommen und sie ihn erkennen zu lassen; hört nur auf diese wonnigen Leidenschaften, ihr Organ ist das einzige, welches Euch zum Glück zu leiten im Stande ist.
„Schlüpfrige Weiber, deren Modell die wollüstige Saint-Ange sein möge, verachtet, ihrem Beispiele folgend, Alles, was mit den göttlichen Gesetzen des Vergnügens im Widerspruch steht und was das ganze Leben in Fesseln hält.
„Junge Mädchen, die Ihr lange in widersinniger Sklaverei gehalten worden seid, welche von einer phantastischen Tugend und ekelhaften Moral erfunden, Euch nur gefährlich werden muss, ahmt das Beispiel der glühenden Eugenie nach; reisset nieder und tretet mit Füssen, wie sie es thut, alle lächerlichen Lehren, die Euch von einfältigen Eltern eingeprägt wurden.