Kurz darauf präsentiert sich bei Juliette ein gewisser Bernole, ein schmutziges und zerlumptes Individuum und erklärt ihr wichtige Enthüllungen machen zu wollen. Sie erfährt, dass der reiche Banquier, dessen Tochter sie zu sein glaubt und der als ihr angeblicher Vater durch Noirceuil ruiniert wurde, ihr Vater nur kraft des juristischen Grundsatzes sei: Pater is est, quem nuptiae demonstrant. Bernole ist ihr wirklicher Vater und liefert ihr den Beweis dafür. Alsbald keimt der Gedanke eines Incestes mit diesem Elenden in der zartfühlenden jungen Dame auf. Sie realisiert diese Idee und lässt sich absichtlich von ihrem eigenen Vater schwängern, den sie dann in Gegenwart der sich an ihr sexuell bethätigenden Noirceuil, Saint-Fond und Clairwil erschiesst! Sie übernimmt dann die Erziehung der Tochter Saint-Fond’s, die Noirceuils Frau werden soll, aber, wie wir wissen, bereits von ihrem eigenen Vater in alle sexuellen Geheimnisse eingeweiht ist, trotzdem von Juliette darin noch „vervollkommnet“ wird. Sie muss einer Orgie in dem Karmeliterkloster beiwohnen, bei der zwei „Satansmessen“ gelesen werden. Von dem Grafen Belmor, dessen Bekanntschaft sie durch Noirceuil machen, können Beide viel lernen. Er hat die Manie, kleine Knaben auf den Schultern einer schönen Frau festbinden zu lassen, sie bis aufs Blut zu flagellieren und dann anum pueri ex quo sanguis decurrit usque ad anum feminae lingua lambere. Vor allem aber ist er ein vorzüglicher Statistiker der Wollust und hat ausgerechnet, dass ein Wüstling leicht im Laufe eines Jahres 300 Kinder verderben kann; das macht in 30 Jahren 9000. Und wenn jedes verderbte Kind ihm nur zum vierten Teil nachahmt, was mehr als wahrscheinlich ist, und jede Generation nach 30 Jahren ebenso handelt, so wird jener Wüstling nach zwei Menschenaltern 9 Millionen Lasterhafte um sich sehen!
Juliette, die sich von einem berühmten Accoucheur ihr im Incest empfangenes Kind hat abtreiben lassen, besucht mit Clairwil die im Faubourg Saint-Jacques wohnende Giftmischerin und Kartenlegerin Durand, die nur wahrsagen kann, nachdem sie das Blut der betreffenden Person hat fliessen sehen. Sie prophezeit, dass Clairwil nicht länger als fünf Jahre leben wird, und dass Juliette ins Unglück gerät, sobald sie aufhört, lasterhaft zu sein. Nach einem hysterischen Anfalle dieser blutdürstigen Giftmischerin werden Clairwil und Juliette in die Geheimnisse der Giftmischerei eingeweiht, und mehrere Vergiftungen werden ausgeführt, die von den Messalinen bejubelt und durch anthropophagische und fetischistische Excesse gewürzt werden. (Clairwil cor pueri eripit et vaginae inserit.)
So vergehen zwei Jahre, in denen Juliette ganz vertiert und nur noch an den seltsamsten und aussergewöhnlichsten Genüssen Geschmack findet. Sie ist bald 22 Jahre alt. Da teilt ihr Saint-Fond in einer vertraulichen Unterhaltung einen wahrhaft infernalischen Plan mit. Er will Frankreich entvölkern und zwei Drittel der Einwohner verhungern lassen! Dies macht selbst die hartgesottene Juliette schaudern. Saint-Fond bemerkt es und zieht sich wütend zurück. Juliette empfängt von Noirceuil ein Billet mit der Mitteilung, dass Saint-Fond sie wegen ihres „Rückfalles in die Tugend“ zu verderben trachte und dass sie daher so schnell wie möglich Paris verlassen möge. So verlässt sie Hals über Kopf das Haus Saint-Fond’s und ruft bei der Flucht aus: „O verhängnisvolle Tugend! Du hast mich wieder einmal einen Augenblick getäuscht! Jetzt fürchte ich aber nicht mehr, dass man mich nochmals zu den Füssen Deiner schändlichen Altäre finden wird. Ersticken wir die Tugend für immer. Sie ist nur dazu da, um den Menschen zu verderben. Und das grösste Unglück, das einem in dieser ganz verderbten Welt zustossen kann, ist das, sich allein vor dieser allgemeinen Corruption schützen zu wollen!“ Sie begiebt sich, nachdem sie 1500 Livres, ihre Diamanten und Kleinodien, sowie ihre „geschickteste“ Tribade als Kammerfrau mitgenommen hat nach Angers, wo sie ein Bordell im Stil der Duvergier eröffnet, bald den Adel der Provinz bei sich versammelt und viele Liebhaber findet. Der reiche vierzigjährige Graf von Lorsange, der über eine jährliche Rente von 50000 Livres verfügt, heiratet sie, nachdem sie ihm unter scheinheiligen Thränen ihr ganzes früheres Leben enthüllt hat. In einem tugendreichen Vortrage, der dem Redner selbst Thränen entlockt, sucht der treuherzige Graf die büssende Magdalena in ihrer neuen Tugendhaftigkeit zu befestigen. Aber diese „hübsche kleine Rede“ hat Juliette keineswegs überzeugt. Nachdem sie eine Zeit lang das ihr allerdings neue eheliche Leben ertragen hat, siegt ihre „Vernunft“ über „Vorurteil und Aberglauben“. Sie versüsst sich die zwei mit dem „harmlosen“ Manne verlebten „monotonen“ Jahre durch heimliche Excesse, besonders durch tribadische Genüsse, bis sie bei einer Messe den famosen Abbé Chabert, eines der früheren Mitglieder der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ trifft. Jetzt beginnt die alte Herrlichkeit wieder. Feste und Orgien werden gefeiert, obgleich Juliette die Zeit findet, einem Töchterchen das Leben zu geben, um „das Vermögen des Mannes sich zu sichern“. Doch fängt dessen Existenz schon an, sie zu genieren, und als sie nun gar erfährt, dass Saint-Fond ihr nachstellt, beschliesst sie, Frankreich zu verlassen, vergiftet ihren Mann, der in den Armen des Heuchlers Chabert stirbt und seine Witwe als Besitzerin von 50000 Livres Rente zurücklässt. Versehen mit vielen Empfehlungsbriefen des Abbé geht Juliette nach Italien und lässt ihre Tochter bei Chabert zurück.
Wie wohl fühlt sie sich in der Heimat eines Nero und einer Messalina! Sie will das Land nicht als einfache Reisende kennen lernen, sondern ihr Plan geht dahin, als „berühmte Courtisane“ zu reisen und sich überall als solche anzukündigen. So kommt sie zuerst nach Turin, der „regelmässigsten und langweiligsten“ Stadt Italiens, wo ihr das fromme abergläubische Volk, das wenig Sinn für Vergnügungen hat, gar nicht gefällt. Sofort nach ihrer Ankunft lässt sie die Signora Diana, die berühmteste „appareilleuse“ der Stadt benachrichtigen, dass eine junge und hübsche Französin zu „vermieten“ sei. Alsbald kommen Grafen, Herzöge, Marquis u. s. w. in hellen Scharen zu der Abenteurerin gewallfahrtet. Denn wie der Herzog von Chablais sagt, bei dessen Soupers Juliette glänzt, es ist „die Geschichte aller Französinnen: ihr Wuchs und ihre Haut sind entzückend. Es giebt hier so etwas nicht.“ Auch der König von Sardinien lässt nicht auf sich warten, dessen Manie das — Klystieren ist. Juliette sagt dem „Kaiser der Murmeltiere“ einige Wahrheiten über Savoyen. Von einem gewissen Sbrigani, einer Molière’schen Figur, lernt sie die Geheimnisse des Falschspielens kennen und nimmt dann in einer von ihr errichteten Spielhölle den Grafen und Marquis fabelhafte Summen ab. Sbrigani soll sie als Gatte auf ihrer weiteren Reise begleiten. Sie gelangen zunächst nach Alessandria, wo ein reicher Herzog ausgeplündert wird und ihnen die Kleinstaaterei Italiens bei der Flucht vortrefflich zustatten kommt. In Bologna finden sie die tribadische Kunst aufs höchste entwickelt und beteiligen sich an einer derartigen Orgie in einem Nonnenkloster. Die Reise über die Apenninen verschafft ihnen die Bekanntschaft mit einem sieben Fuss drei Zoll hohen Riesen und anthropophagischen Ungeheuer. Minski — so heisst das Scheusal — lebt als „Eremit des Apennin“ in einem befestigten Hause auf der Insel eines Teiches. Die Stühle in diesem Hause sind aus menschlichen Knochen angefertigt; das Haus selbst ist voll von Skeletten. In unterirdischen Kellern sind die zur Verspeisung bestimmten Opfer eingesperrt. Minski stammt aus dem Grossfürstentum Moskau, hat grosse Reisen gemacht, um die „Unzucht und die Verbrechen auf der ganzen Erde zu studieren und nachzuahmen“. Er hat sich jetzt in die Einsamkeit zurückgezogen, um im Verborgenen seinen verbrecherischen Gelüsten freien Lauf zu lassen. Er ist hauptsächlich Menschenfresser und schreibt dieser lieblichen Gewohnheit seine aussergewöhnliche Kraft zu. Er lauert den Reisenden auf, die dann später als Braten und Ragoûts auf seinem Tische serviert werden. Auch Juliette, ihre Kammerfrau und Sbrigani sollen diesem Schicksale nicht entgehen. Aber vorher macht er ihnen die Honneurs in seiner Wohnung und zeigt ihnen die sehr bevölkerten Harems, die Keller mit ungeheuren Schätzen. Bethört durch die Liebenswürdigkeit Juliettens verspricht er ihr schliesslich, sie am Leben zu lassen; wenn sie niemals einen Fluchtversuch machen werde. Nun giebt es jeden Tag eine neue Unterhaltung. Zunächst geht es zu Tische. Minski, ein extremer Alkoholist, trinkt 60 Flaschen Wein! Man isst an „lebenden Tafeln!“ Eine Reihe nackter Frauen, eine an die andere gedrückt, mit gebeugtem Rücken, unbeweglich, bilden die „Tafel“, auf welcher die Lakaien servieren. Kein Tischtuch ist nötig bei diesen schönen „croupes satinées“. Man trocknet sich die Finger an den wehenden Haaren der Frauen. Die Speisen sind vorzüglich. Juliette fragt nach dem Genusse eines besonders wohlschmeckenden Ragoûts, was es sei. Sie findet nicht heraus, ob es Rind- oder Kalbfleisch, Wildpret oder Geflügel ist. „Es ist Ihre Kammerfrau“, antwortet das Ungeheuer mit einem liebenswürdigen Lächeln. Die arme Tribade und treue Gefährtin ihrer Herrin ist in ein Ragoût verwandelt worden! Hiernach zeigt dieser charmante Menschenfresser seinen Gästen eine Menagerie wilder Tiere, lässt einige Frauen aus dem Harem holen und zwischen die Löwen und Tiger werfen. Das grösste Wunder aber ist eine Maschine, die 16 Menschen auf einmal erhängt, erdolcht und enthauptet. Das alles ist zwar recht amüsant, und Minski verspricht ihnen für die nächsten Tage noch mehr Ueberraschungen, aber Juliette traut der Sache nicht. Auch Sbrigani teilt ihre Befürchtungen. Sie beschliessen zu entfliehen. Sie mischt dem Menschenfresser Strammonium in die Chokolade aber nur soviel, dass er betäubt wird, denn „ein solches Scheusal darf man nicht töten“. Sie raubt aus seinen Schränken alle Schätze und nimmt zwei Frauen, Elise und Raymonde, mit. So kommen sie, beladen mit Bergen von Gold und Silber, nach Florenz.
Hier errichten sie eine Spielhölle, verbunden mit einem Bordell und einer Giftbude. Geld haben sie zwar nicht nötig, aber es macht ihnen Vergnügen, die Welt zu sehen, die Familiengeheimnisse zu erfahren, Sitten und Gebräuche kennen zu lernen. In Florenz herrscht der Bruder der Marie-Antoinette, Leopold, Grossherzog von Toscana, bei dem „toute la morgue allemande éclate“. Bald werden Juliette und ihr Begleiter zu einer Orgie, die der Grossherzog und sein Beichtvater in Pratolino veranstalten und bei der Juliette sehr hochmütig als „Französin“ auftritt, eingeladen. Leopold, dieser „grand successeur de la première putain de France“ betreibt als Sport die künstliche Herbeiführung des Abortus der von ihm geschwängerten Frauen. Heute aber hat er etwas ganz Besonderes darzubieten. Er bewirtet Juliette mit einer Aufführung von Enthauptungen mit Musikbegleitung! Die Köpfe fallen nach dem Takte und à la ritournelle!
Interessant ist die Beobachtung Juliettens, dass in Florenz die Männer sich wie die Frauen und die Frauen wie die Männer kleiden und daher nirgends so viel Neigung zum gleichen Geschlecht vorhanden ist wie dort. Die Prostituierten leben in einem besonderen Stadtviertel. Tizians „Venus“ in den Uffizien veranlasst einen Excurs über die obscönen Darstellungen in der Malerei, wobei die „Venus von Medici“, der „Hermaphrodit“, „Caligula caressant sa sœur“ erwähnt werden.
Nachdem unsere Abenteurer noch eine tribadische Mutter und Tochter ermordet haben, kommen sie nach Rom, wo sie, mit reichlichen Empfehlungen versehen, bald die vornehmsten Beziehungen anknüpfen, Zutritt in alle Paläste finden und besonders die Gunst der tribadischen Prinzessin Olympia Borghese, der Kardinäle Albani und Bernis und des Herzogs von Grillo gewinnen und mit diesen alsbald sich den gewöhnlichen Ausschweifungen hingeben. Bernis dichtet in cynischer Selbstironie eine die Kaste der Jesuiten geisselnde Paraphrase der „Ode auf dem Priapus“. Die Borghese vergiftet ihren Vater und Juliette die Herzogin von Grillo. Beide beobachten in einem Bordell, wie Priester, Mönche, Abbés u. s. w. sich dort einschleichen. Dann kommt die Borghese auf die Idee, alle Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten von Rom in Brand zu stecken. Sie will dieselbe durch den Polizeidirektor Ghigi und den Grafen Bracciani, den ersten Physiker Europa’s, ausführen lassen. Ghigi lässt besonders gern die Menschen aufhängen, da er als Zuschauer gerade dadurch sexuell erregt wird, und führt auf Verlangen Juliettens und der Borghese eine solche Szene vor. Bracciani, dieser grosse Physiker, tötet durch einen „künstlichen Blitz“ ein Mädchen. Endlich werden die 37 Hospitäler Roms angezündet, wobei mehr als 20000 Menschen umkommen, und Olympia und Juliette in grösster sexueller Erregung zuschauen. Der Brand dauert acht Tage. Bei einer Orgie im Hause der Borghese erscheinen als Festteilnehmer ein Eunuch, ein Hermaphrodit, ein Zwerg, eine Frau von 80 Jahren, ein kleiner Knabe von 4 Jahren, eine grosse Dogge, eine Ziege[580], ein Affe und ein Truthahn! Bracciani nimmt sich des Truthahns an, dem die Borghese im Moment der Ejaculatio viri den Hals abschneidet. Die alte Frau hat natürlich in ihrem langen Leben viele Sünden begangen. Dafür wird sie zum Feuertode verurteilt und sofort auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt.
Juliette wird darauf dem Papste Pius VI. vorgestellt, den sie mit seinem früheren Namen Braschi nennt und dem sie eine derbe Predigt über den kirchlichen Aberglauben und die Unzucht der Päpste hält, was Pius VI., der selbst als schrecklicher Atheist und als ein geschlechtliches Ungeheuer geschildert wird, mit grossem Beifall aufnimmt. Bisweilen versucht er zwar, sie zu unterbrechen, wird aber durch ein: „Schweig, alter Affe!“ eingeschüchtert und ruft nach Beendigung dieser Rede aus: „O Juliette, man hat mir zwar gesagt, dass Du Geist hättest. Aber so viel hätte ich nicht erwartet. Ein solcher Grad von Hochflug der Ideen ist sehr selten bei einer Frau.“ Ein solches Weib möchte natürlich der heilige Vater gern besitzen. Juliette stellt ihm für ihre Hingabe die unwürdigsten Bedingungen, lässt sich dann von ihm den Vatikan und seine Gärten zeigen, wobei sie sehr cynische Bemerkungen macht. Die Zusammenkunft endet mit einer sehr intimen Szene, die auch dem Papste Anlass giebt, seine materialistischen und gotteslästerlichen Maximen zu entwickeln.[581] Beim nächsten Male wird eine grosse Orgie in der Peterskirche gefeiert. Der Papst celebriert selbst mehrere Satansmessen, an deren Schlusse einige Menschen getötet werden. Juliette siedelt nunmehr in das Schlafgemach des heiligen Vaters über und benutzt die Gelegenheit einer in der grossen Gallerie stattfindenden sexuellen Unterhaltung, um den Papst zu bestehlen. Hierauf reist sie mit Empfehlungen an die königliche Familie nach Neapel ab. Unterwegs wird sie von den Räubern des berüchtigten Brisa-Testa überfallen, auf dessen Schloss geführt und mit ihren Begleitern in einem dunklen Verliess eingesperrt. Sie hören von der blutdürstigen Frau des Räuberhauptmanns sprechen, der sie geopfert werden sollen. Juliette erkennt in derselben ihre alte Freundin Clairwil wieder, die eine Schwester des Brisa-Testa ist, aber mit diesem im Incest lebt. Brisa-Testa erzählt seine lange Lebensgeschichte, die ihn nach England, Schweden, Russland, Sibirien und der Türkei geführt hat. Er schildert die perversen Neigungen und Grausamkeiten der Kaiserin Katharina II., die sich im Winterpalais tribadischen Genüssen hingiebt, wobei sie die Knute weidlich gebraucht. Nach verschiedenen Vergnügungen bei den Räubern, die ebenfalls den Genuss von Menschenfleisch lieben, bricht Juliette mit Clairwil nach Neapel auf. Sie wird von König Ferdinand in Portici empfangen, hält ihm einen hochweisen politischen Vortrag über das Königreich Neapel und dessen Zustände, über die sittliche Verkommenheit der Bevölkerung, dieser „halbspanischen“ Nation,[582] und würzt ihre Rede mit heftigen Ausfällen gegen die Schwägerin des Königs, Marie-Antoinette. Die Königin Charlotte (Karoline) von Neapel ist eine leidenschaftliche Tribade, deren Reize „d’après nature“ Juliette gleich bei der ersten Bekanntschaft kennen lernt, bei der es zu einer tribadischen Szene zwischen den beiden kommt und der Godmiché sowie die defaecatio ad os eine Rolle spielen. Ferdinand ist Nekrophile. Paedicat cadaver eines von ihm erdrosselten Pagen. Die herrlichen Umgebungen Neapels, die aber auch die Erinnerungen an die Greuel Nero’s wachrufen, werden durch Orgien am Cap Misenum, in Puzzoli, in den Ruinen der Insel Procida, auf Ischia und Niceta entweiht. Im Venustempel zu Bajae geben sich Clairwil, Juliette und Olympia Borghese gemeinen Fischern hin, um dann zu vornehmeren Genüssen beim Prinzen von Francavilla, einem vollendeten Paederasten, zurückzukehren. — Er veranstaltet ein üppiges Gartenfest, wo herrliche Pavillons, wollüstig ausgestattete Kioske, stimulierende Flüssigkeiten, Massenflagellationen und — automatisch wirkende Phallusmaschinerien die Sinne erhitzen, und die Königin Karoline „trunken von Wollust und sehr erregt durch Weine und Liköre“ bacchantisch wütet. — Bei einem Besuch des Antikenmuseums in Portici sehen unsere Reisenden ein Gemälde, das einen Satyr mit einer Ziege in Verkehr zeigt, welcher Akt nach dem den Führer spielenden König Ferdinand noch heute in Italien oft ausgeführt werde.[583] Die Ruinen von Herculanum und Pompeji dienen als Stätten der Lust. Vespoli, der Beichtvater des Königs und Leiter seiner Orgien, hat in Salerno ein Haus für geheime Hinrichtungen und Folterungen eingerichtet. Er findet hauptsächlich Genuss an der Kreuzigung und an der sexuellen Befriedigung mit — Irrsinnigen! In Paestum wohnen die drei teuflischen Weiber bei einer tugendhaften Witwe, die drei junge unschuldige Töchter hat. Natürlich werden alle vergewaltigt und getötet genitalibus laceratis. Sorrent, Castellamare und die blaue Grotte werden dann besucht. Und auf Capri ahmt man die Thaten des ehemaligen Bewohners der Insel, des Kaisers Tiberius, nach. Man kehrt gerade zur rechten Zeit nach Neapel zurück, um ein grosses Volksfest mitzufeiern, bei dem es wild hergeht und 400 Personen getötet werden. Karoline und Juliette schmieden ein Complott gegen den König Ferdinand, das durch den folgenden von der Königin unterschriebenen Kontrakt gekennzeichnet wird: „Ich werde meinem Gatten alle Schätze stehlen und sie derjenigen geben, die mir das Gift liefern wird, das notwendig ist, um ihn in die andere Welt zu befördern“. Dieser Vertrag wird durch eine tribadische Szene besiegelt. Der nichts ahnende König erfreut Juliette noch durch zwei besonders seltene Darbietungen. Er lässt zwei Frauen auf eiserne Platten binden und diese mit solcher Gewalt auf einander stossen, dass die beiden Körper zerquetscht werden. Das Merkwürdigste aber ist das „Theater der Grausamkeiten“, dessen Aufführungen etwas ungewöhnlicher Art sind. Hinrichtungen und wieder Hinrichtungen! Das ist das beständige Programm der Vorstellungen. Jeder Eingeladene hat seine eigene Loge, in der sieben Gemälde mit sieben verschiedenen Arten von Hinrichtungen hängen: Feuer, Peitschung, Strick, Rad, Pfählung, Enthauptung, Zerstückelung. Ferner befinden sich in der Loge 50 Porträts von Frauen, Männern und Kindern. Jedem Porträt und jeder Art der Hinrichtung entspricht ein Apparat, den man durch einen Druck auf einen Knopf in Gang setzt, nachdem der Maschinist durch den Glockenton benachrichtigt worden ist. Erster Glockenton: Bezeichnung des Opfers, welches alsbald auf der Bühne erscheint. Zweiter Glockenton: Bezeichnung der Hinrichtung, welche alsbald von vier Henkern, „nackt und schön wie Mars“ vollzogen wird. O, das ist unerhört, das ist herrlich! Die Eingeladenen geben sich alle Mühe die amüsantesten Combinationen zu finden, und bei dieser einen „Vorstellung“ werden 1176 Personen vom Leben zum Tode gebracht. Der Autor versichert, dass das alles ganz genau so zugegangen sei und, wenn wir die Vorstellung gesehen hätten, wir sie nicht treuer hätten beschreiben können! Dieses Schauspiel begeistert Juliette und Clairwil zu einem besonders pikanten Verbrechen. Sie schwören ihrer treuen Begleiterin Olympia Borghese Verderben. Auf einer Spazierfahrt, die sie auf den Gipfel des Vesuv führt, stürzen sich die Beiden auf die ahnungslose Olympia, entkleiden sie und werfen sie in den Krater hinein, worauf sich ihre sexuelle Erregung in einer tribadischen Orgie Luft macht. Bei dieser erfolgt ein Ausbruch des Vesuv! „Ah, Olympia verlangt ihre Kleider!“ ruft die cynische Juliette, die sie ihr auch, aber erst, nachdem sie alle Wertgegenstände herausgenommen hat, hinunterwirft. — Inzwischen hat die Königin Karoline die Millionen des Königs bei Juliette in Sicherheit gebracht und will mit ihr nach Ermordung des Königs nach Frankreich entfliehen. Juliette denunciert sie aber bei Ferdinand, der die Königin einkerkern lässt, während die Anstifterin des Complotts mit allen Schätzen entflieht.
Clairwil und Juliette treffen die Giftmischerin Durand wieder, die aber Clairwil hasst und Juliette überredet, sie zu vergiften, indem sie ihr vorspiegelt, dass Clairwil ihr nach dem Leben trachte. Nach der Ermordung sagt die Durand kaltblütig: „Ich habe Dich belogen. Sie dachte nicht daran, Dich umzubringen. Aber ihre Zeit war um. Sie musste sterben.“ Der Vorfall wird bald über einigen ingeniösen Unterhaltungen mit Matrosen, denen die Beiden sich nächtlicherweile im Hafen von Ancona hingeben, vergessen. Sie kommen dazu, wie der Kaufmann Cordelli in einer Kirche den Leichnam seiner eigenen Tochter schändet. Dieses blutdürstige Scheusal besitzt ein „Schloss am Meer“, aus dem er seine Opfer ins Meer stürzen lässt, oder sie auch wie die unglückliche Raymonde in einen Schlangenkäfig sperrt, wo sie von den Schlangen gefressen werden. Aber er treibts nicht mehr lange. Die Durand und Juliette vergiften ihn und seine Genossen und bemächtigen sich seiner ungeheuren Reichtümer.
Sie reisen nach Venedig, wo sie ein Bordell im Stile der Madame Gourdan errichten, das sich eines eifrigen Besuchs von Seiten der vornehmen Welt zu erfreuen hat und wiederum Veranlassung zur Schilderung sexualpathologischer Typen giebt. Zuerst erscheint ein alter Prokurator von St.-Marcus, dessen Passion menstruirende Mädchen sind. Aber es darf nie dasselbe sein. Raimondi ist ein exquisiter „Voyeur“. Der Dritte ist ein „Lécheur“. Der Vierte bringt stets zwei Negerinnen mit, da er die Contrastwirkung liebt. Der Fünfte lässt sich anbinden und eine „Scheinhinrichtung“ an sich vollziehen. Der französische Gesandte stürzt Mädchen in einen flammenden Abgrund. Auch die Tribaden Venedigs erscheinen auf der Bildfläche. Die Zanetti sucht ihre Opfer in Kirchen und ist sehr erfahren in der „Bildung obscöner Gruppen“. Sie leidet an Kleptomanie. Ihr Geliebter ist Moberti, das Oberhaupt einer eleganten Verbrecherbande, der wie seine Freundin conträrsexual ist. Dieses Mannes grösster Kummer ist, dass es keinen Gott giebt und er ihn daher nicht beschimpfen kann. Eines Tages verwandelt sich der zärtliche Liebhaber in einen wilden Tiger. Er lässt sich nämlich im Bordell der Durand mit einem Tigerfell bekleiden und tötet durch seine „Bisse und Tatzen“ die Zanetti. — Eine zweite Tribade ist Signora Zatta, in ihren Allüren ganz Mann. Sie hat einen kunstvollen Phallus construirt, der mit Spitzen für mehrere orificia corporis versehen ist. — Ganz eigentümliche Gewohnheiten hat ein gewisser Cornaro. Er befriedigt sich an kleinen Knaben, aber nur, wenn deren — Mutter und Tante zugegen sind. Er giebt ein „anthropophagisches Souper“, bei dem die Durand, Juliette und Laurentia, die „verderbteste, lascivste und geistreichste Frau von ganz Italien“ zugegen sind. Neger und Negerinnen, Flagellanten, alte Weiber, kleine Knaben und Mädchen assistieren bei den nach dem Souper verübten Grausamkeiten, die Cornaro zu dem Ausruf begeistern: „Combien la nature corrompue est belle dans ses détails!“ — Silvia, eine vornehme Dame, angefeuert durch die sechste Satire des Juvenal, prostituirt sich wie Messalina im Bordell der Durand et dentibus lacerat genitalia. Ber Senator Beanchi bringt seine seit langem gehegte fixe Idee zur Ausführung, seine beiden Nichten zu prostituiren. — Alberti untersucht seine Opfer wie „Pferde“, hat es besonders auf gravide Frauen abgesehen, die er langsam zu Tode martert, indem er ihnen allmählich die Nahrung entzieht. — Der Senator Contanini bringt seine Tochter ins Bordell und gebraucht sie. Man spiegelt ihm später ihren Tod vor, um sie als Prostituirte auszubilden. Auch mit Giften und Wahrsagekünsten machen Juliette und die Durand gute Geschäfte. Sie werden von Zeno, dem Kanzler der Republik, zu einer Orgie geladen und geniessen mit Venetianerinnen bei einer Gondelfahrt die Freuden der lesbischen Liebe, die noch erhöht werden durch einen Sturm, der auf offenem Meere ausbricht. Juliette muss in dem Palais einer vornehmen Venetianerin deren Sohn und Tochter verführen. Auch der Rat der Zehn stellt sich ein.