Gerade diese philosophischen Erörterungen beweisen, dass „wir es bei de Sade nicht mit dem ersten besten pornographischen Autor gewöhnlichen Schlages zu thun haben, sondern dass es sich hier um eine ganz ungewöhnliche und litterarische Erscheinung, um eine direkt aus dem Urquell des Bösen schöpfende antimoralische Kraft handelt[597]. Daher wird ein kurzer Blick auf das philosophische System des Marquis de Sade gerechtfertigt sein.

Alle Anschauungen Sade’s entspringen, wie dies nicht anders zu erwarten ist, aus seinem mit Consequenz durchgeführten Materialismus. Er vergöttert die Natur, die er stets als das gute Prinzip der ihr feindlichen Tugend gegenüberstellt. Das Weltall wird durch seine eigene Kraft bewegt, und seine ewigen der Natur inhaerenten Gesetze genügen, um ohne eine „erste Ursache“ alles, was wir sehen, hervorzubringen. Die beständige Bewegung der Materie erklärt alles. Wozu brauchen wir einen Beweger (moteur) für das, was immer in Bewegung ist? Das Weltall ist eine Versammlung von verschiedenen Wesen, die wechselseitig und succesive auf einander wirken und gegenwirken. Nirgends ist eine Grenze. Ueberall ist ein continuierlicher Uebergang von einem Zustande zu einem andern in Beziehung auf die Einzelwesen, die nach einander verschiedene neue Formen annehmen. (Juliette I, 72–73.)

Bewegung und Stoss der materiellen Moleküle erklären alle körperlichen und geistigen Erscheinungen. Die Seele muss daher als „aktives“ und als „denkendes“ Prinzip materiell sein. Als aktives Prinzip ist sie teilbar. Denn „das Herz schlägt noch, nachdem es aus dem Körper herausgenommen worden ist.“ Alles, was teilbar ist, ist aber Materie. — Ferner ist das Materie, was Fährlichkeiten unterliegt (périclite). Der „Geist“ könnte nicht gefährdet sein. Die Seele folgt aber den Eindrücken des Körpers, ist schwach in der Jugend, niedergedrückt im Alter, unterliegt also allen Gefahren des Körpers, ist also = Materie. (Juliette I, 86.) Noch leichter macht sich Bressac die Beweisführung. Als der Körper der toten Frau des Grafen Gernande noch eine zuckende Bewegung macht, ruft er entzückt aus: „Seht Ihr, dass die Materie zu ihrer Bewegung keine Seele braucht!“ (Justine IV, 40.)

Die Unsterblichkeit der Seele ist daher natürlich eine Chimäre. Dieses blödsinnige Dogma hat die Menschen zu Narren, Heuchlern, Bösewichtern gemacht und „schwarzgallige“ Individuen gezüchtet. Nur dort ist Tugend, wo man die Unsterblichkeit nicht kennt. Juliette erlaubt sich gegenüber der Delbène die schüchterne Frage, ob der Gedanke der Unsterblichkeit nicht tröstlich für manche Unglückliche sei. Delbène antwortet, dass man seine Wünsche nicht zum Massstabe der Wahrheit nehmen dürfte. „Habe Mut, glaube an das allgemeine Gesetz, füge Dich mit Resignation in den Gedanken, dass Du in den Schoss der Natur zurückkehrst, um in anderen Formen wieder aus ihm hervorzugehen. Ein ewiger Lorbeer wächst auf dem Grabe Virgil’s, und es ist besser, für immer vernichtet zu werden, als in der sogenannten Hölle zu brennen“. „Aber“, fragt Juliette angsterfüllt, „was wird aus mir werden? Diese ewige Vernichtung erschreckt mich, diese Dunkelheit macht mich schaudern.“ — „Was warst Du vorher, vor Deiner Geburt? Dasselbe wirst Du wieder werden. Genossest Du damals? Nein. Aber littest Du? Nein. Welches Wesen würde nicht alle Genüsse opfern für die Gewissheit, nie wieder Schmerzen zu leiden!“ (Juliette I, 83–85.)[598]

Uebrigens sind diese Doctrinen von der Seele nicht die einzigen, die man als Materialist haben kann. Die Durand behauptet z. B., dass die Seele ein Feuer sei, das nach dem Tode erlösche und seine Stoffe in die Weltmaterie übergehen lässt (Juliette III, 247). Und der Bösewicht Saint-Fond konstruiert die Welt aus „molécules malfaisantes“, aus „bösen Elementen“. Er sieht daher im Universum nur die Schlechtigkeit, das Uebel, die Unordnung und das Verbrechen. Das Böse existierte vor Erschaffung der Welt und wird nachher existieren. Warum ist das Alter schlechter als die Jugend, verderbter und entarteter? Weil die bösen Elemente in den Busen der „molécules malfaisantes“ zurückzukehren sich anschicken. Saint-Fond glaubt daher, dass das Böse den Menschen nach dem Tode erwarte, also an eine ewige Hölle. Wer auf der Erde böse gewesen ist, dem wird die Vereinigung mit dem „Bösen“ leicht werden. Die Tugendhaften werden grosse Qualen dabei leiden. Giebt es aber eine Hölle, dann ist der Gedanke an den Himmel nicht fern. Thatsächlich glaubt Saint-Fond an das Jenseits, an Belohnungen und Strafen. Um nun zu verhindern, dass seine Opfer in den Himmel kommen, schliesst er sich mit ihnen auf eine geheimnisvolle Weise ein und lässt sie mit ihrem Blute auf einem Stück Papier ihre Seele dem Teufel verschreiben, quam chartam membro suo ano eorum inserit, wobei die Betreffenden schrecklich gefoltert werden. (Juliette II, 287, 341.) Clairwil dagegen erklärt die Hölle für eine Erfindung der Priester. (Juliette II, 292 ff.)

Nach dem Vorgange Holbach’s, der jede religiöse Regung als geistige Verirrung bezeichnete, wird Sade nicht müde, über die Begriffe „Gott“ und „Religion“ die Schale seines Spottes auszugiessen. Sein Atheismus geberdet sich „in konsequenter Weise zugleich als fanatischer Misotheismus, der von dem bekannten Worte: ‚si Dieu n’existait pas, il faudrait l’inventer‘, nur Gebrauch zu machen scheint, um diesen eigens dazu erfundenen Gott blasphemisch zu beschimpfen und zu verhöhnen.“[599] Die Idee einer solchen Chimäre und die Aufrichtung eines solchen Monstrums ist das einzige Unrecht, das Delbène den Menschen nicht verzeihen kann. „Mein Blut kocht bei seinem Namen selbst. Ich glaube um mich die zitternden Schatten aller Unglücklichen zu sehen, welche dieser abscheuliche Aberglaube auf der Erde geopfert hat.“ Sie erinnert an die Unthaten des Klerikalismus und der Inquisition. Würde sie heute leben, sie würde gewiss die auch im Namen dieses klerikalen Gottes erfolgte Folterung des unglücklichen Dreyfus nicht vergessen haben. Delbène unterzieht hierauf die verschiedenen Gottestheorien einer Kritik. Die Juden sprechen zwar von einem Gotte, aber sie erklären diesen Begriff nicht und reden nur in kindlichen Allegorien von ihm. Die Bibel ist von verschiedenen Menschen und „dummen Charlatans“ lange nach Moses geschrieben worden. Dieser behauptet, die Gesetze von Gott selbst empfangen zu haben. Ist diese Vorliebe Gottes für ein kleines unwissendes Volk nicht lächerlich? Die in der Bibel erzählten Wunder werden von keinem Historiker berichtet. Und wie hat dieser Gott die Juden behandelt! Wie hat er sie in alle Welt zerstreut als das odium generis humani. Bei den Juden darf man Gott nicht suchen. Da ist er nur ein „fantôme dégoûtant“. Aber vielleicht bei den Christen? Doch hier findet Delbène noch grössere Absurditäten. Jesus ist nach ihr entschieden schlauer als Moses. Dieser lässt das Wunder durch Gott geschehen. Jener macht es selbst! La religion prouve le prophète, et le prophète la religion.

Da also weder durch das Judentum noch durch das Christentum die Existenz Gottes bewiesen wird, so müssen wir uns an unsere eigene Vernunft halten. Diese ist aber bei Mensch und Tier das Resultat des gröbsten Mechanismus. Erinnert man sich der Dinge als abwesender Objekte, so ist das Gedächtnis, Erinnerung. Erinnert man sich ihrer, ohne dass man von ihrer Abwesenheit unterrichtet ist, also sie als wirklich vorhandene Objekte ansieht, so ist das Einbildung, und diese Einbildung ist die wahre Ursache aller unserer Irrtümer. Die Imagination besteht aus „objektiven Ideen“, die uns nichts Wirkliches anzeigen, und die Erinnerung besteht aus „reellen Ideen“, die uns wirklich existierende Dinge anzeigen. Gott ist nun das Produkt der Imagination, der „erschöpften Einbildungskraft“ derer, die zu träge sind, um die lange Reihe der Ursachen und Wirkungen zu durchdenken und mit einem kühnen Salto mortale zu einer letzten Ursache greifen, deren Wirkung alle anderen Ursachen sind, die selbst aber keine Ursache mehr hat. Das ist Gott. Die „dumme Chimäre“ einer „débile imagination“, die nur eine „idée objective“ ohne reale Existenz zu denken vermag. Gott ist ein „Vampyr“, der das Blut der Menschen aussaugt. (Juliette I, 49–62.) In Wirklichkeit kann Gott gar nicht existieren, da die ewig wirkende Natur in fortwährender Bewegung sich befindet, sie aber diese Kraft nur aus sich selber besitzt, nicht aber vom Schöpfer zum Geschenk erhalten haben kann. Denn dann müsste man an das Vorhandensein eines trägen Wesens glauben, das, nachdem es seine Arbeit gethan, in Nichtsthun dahinlebt. Ein solches Wesen wäre aber lächerlich wegen seiner Ueberflüssigkeit. Denn es hätte nur so lange gewirkt, bis es erschaffen, dann aber hätte es während Jahrtausenden ruhen müssen. (Philosophie dans le Boudoir I, 56). Wenn die Materie nach Begriffen, die uns unbekannt sind, wirkt, wenn die Bewegung der Materie inhaerent ist, wenn nur sie allein im Stande ist, nach Massgabe ihrer Kraft zu schaffen, hervorzubringen, zu erhalten und fortzuführen, wie wir dies in dem unseren Sinnen fassbaren Universum erblicken, in welchem wir eine Unzahl von Weltkörpern um und über uns sehen, deren Anblick uns überrascht, deren gleichmässiger, geregelter Gang uns mit Bewunderung und Staunen erfüllt, wozu brauchen wir dann noch einen fremden, ausserhalb des Universums stehenden Faktor, da die bewegende und schaffende Kraft sich schon in der Natur selbst befindet? Diese Natur ist aber an und für sich nichts anderes als eine wirkende Materie (ib. I, 58). Nach allem dem ist dieser Gott ein launenhaftes Wesen, welches das von ihm geschaffene Geschöpf dem Verderben weiht. Wie fürchterlich, welch ein Ungeheuer ist ein solcher Gott! Gegen ihn müssten wir uns empören. Nicht zufrieden mit einer so grossen Aufgabe, ertränkt er den Menschen, um ihn zu bekehren, er verbrennt, er verflucht ihn, er ändert nichts daran, dieser hohe Gott, ja, er duldet ein noch viel mächtigeres Wesen neben sich, indem er das Reich Satans aufrecht erhält, welcher seinem Erschaffer zu trotzen vermag, der im Stande ist, die Geschöpfe, die sich Gott auserkoren, zu verderben und zu verführen. Denn nichts vermag die Energie Satans über uns zu besiegen. So hat ihn die Religion geschaffen, samt seinem einzigen Sohne, den er vom Himmel herabgeschickt und in einen sterblichen weiblichen Leib bannt. Man wäre geneigt, zu glauben, dieser Sohn Gottes müsste die Erde inmitten eines Engelchores, beleuchtet von glänzenden Strahlen betreten. Aber nein, er wird von einer sündhaften Jüdin in einem Stalle geboren. Wird uns seine ehrenvolle Sendung vor dem ewigen Tode retten? Folgen wir ihm, sehen wir, was er thut, hören wir, was er spricht! Welche erhabene Mission vollführt er? Welches Geheimnis offenbart er uns? Welche Lehre predigt er uns? Durch welche That lässt er uns seine Grösse erkennen? Wir sehen vor allem eine unbekannte Kindheit, einige Dienste, die er den jüdischen Priestern des Tempels von Jerusalem leistet, dann ein 15jähriges Verschwinden, während welcher Zeit er sich vom alten ägyptischen Kultus vergiften lässt, den er nach Judäa bringt. Er geht so weit, sich für einen Sohn Gottes zu erklären, der dem Vater an Macht gleich ist; er verbindet mit diesem Bündnis die Erschaffung eines dritten Wesens, des heiligen Geistes, indem er uns glauben machen will, diese drei Personen seien nur eine. Er sagt, er habe eine menschliche Form angenommen, um uns zu retten. Der sublime Geist musste also Materie, Fleisch werden und setzt die einfältige Welt durch seine Wunder in Erstaunen. Während eines Abendmahles betrunkener Menschen verwandelt er Wasser in Wein. Er speist in einer Wüste einige Faseler mit den von ihm verborgen gehaltenen Lebensmitteln. Einer von seinen Genossen spielt den Toten, um sich von ihm erwecken zu lassen. Er besteigt in Gegenwart zweier oder dreier seiner Freunde einen Berg und führt hier ungeschickte Taschenspielerkunststücke aus, deren sich jetzt ein Tausendkünstler schämen müsste. Dabei aber verflucht er alle, die ihm nicht glauben wollen, und verspricht den Gläubigen das Himmelreich. Er hinterlässt nichts Geschriebenes, spricht sehr wenig und tut noch weniger. Dennoch bringt er durch seine aufrührerischen Reden die Behörden auf und wird endlich gekreuzigt. In seinen letzten Augenblicken verspricht er seinen Gläubigen, zu erscheinen, so oft sie ihn anrufen, um sich von ihnen — essen zu lassen. Er lässt sich also hinrichten, ohne dass sein Herr Papa (Monsieur son papa), dieser erhabene Gott, auch nur das Geringste thäte, um ihn von dem schimpflichen Tode zu retten. Seine Anhänger versammeln sich jetzt und sagen, die Menschheit sei verloren, wenn sie dieselbe durch einen auffallenden Handstreich nicht retteten. Lasst uns die Grabwächter einschläfern, stehlen wir den Leichnam, verkünden wir seine Auferstehung! Dies ist ein sicheres Mittel, um an dieses Wunder glauben zu machen; es soll uns dazu helfen, die neue Lehre zu verbreiten. Der Streich gelingt. Alle Einfältigen, die Weiber und Kinder faseln von einem geschehenen Wunder und dennoch will in dieser mit dem Blute Gottes getränkten Stadt niemand an diesen Gott glauben. Nicht ein Mensch lässt sich bekehren. Man veröffentlicht das Leben Jesu. Dieser schale Roman findet Menschen, die ihn für Wahrheit halten. Seine Apostel legen ihrem selbsterschaffenen Erlöser Worte in den Mund, an die er niemals gedacht hat. Einige überspannte Maximen werden zur Basis ihrer Moral gemacht, und da man dies alles Bettlern verkündet, so wird die Liebe des Nächsten und Wohlthätigkeit zur ersten Tugend erhoben. Verschiedene bizarre Ceremonien werden unter der Benennung „Sakramente“ eingeführt, unter welchen die unsinnigste die ist, dass ein sündenbelasteter Priester mittelst einiger Worte, eines Galimathias, ein Stück Brod in den Leib Jesu verwandelt. (Philosophie dans le Boudoir I, 60–64.) — Man darf sich nicht wundern, wenn nach diesen Anschauungen der Marquis de Sade oft die Heiligenschändung für ein Pflichtgebot erklärt und in scharfen Ausdrücken gegen Reliquien, Heiligenbilder, Crucifixe u. s. w. wettert und z. B. Dolmancé sagen lässt, dass es sein grösstes Vergnügen sei, Gott zu beschimpfen, gegen dieses Phantom unflätige Worte auszustossen. Dieser möchte gern eine Art ausfindig machen, um diese dégoûtante chimère noch mehr zu insultieren, und ist wie Moberti böse darüber, dass es gar keinen Gott giebt, so dass er in solchen Augenblicken seine Existenz herbeiwünscht (Philosophie dans le Boudoir I, 125–126).

Von diesen theoretischen Maximen gelangt der Marquis de Sade zur Begründung einer praktischen Lebensphilosophie, eben der „Philosophie des Lasters.“

Um den Triumph des Lasters in der menschlichen Gesellschaft zu verwirklichen, muss eine zweckentsprechende Paedagogik gehandhabt werden. Der Marquis de Sade hat richtig erkannt, dass die Jugend verderben gleichbedeutend ist mit der Untergrabung aller Sittlichkeit überhaupt. Diese Jugend, von der Alexander von Humboldt in seinen unvergleichlichen Briefen an den König Friedrich Wilhelm IV. sagt, dass sie das „unzerstörbare uralte sich immer erneuernde Institut der Menschheit“ sei[600], die muss man nach Sade für sich gewinnen. „C’est dans la jeunesse qu’il faut s’occuper de détruire avec énergie les préjugés inculqués dès l’enfance.“ (Juliette IV 134.) So hat denn Sade in der „Philosophie dans le Boudoir“ gewissermassen einen Leitfaden der Erziehung zum Laster nach dem Vorbilde von Mirabeau’s „Education de Laure“ geschaffen, in dem er seine theoretischen Grundsätze entwickelt und ihre praktische Anwendung in der Verführung und Demoralisierung eines jungen Mädchens zeigt. — Die Erziehung muss alle unsinnigen Religionslehren verbannen, durch welche die „jungen Organe“ der Kinder nur ermüdet werden und an deren Stelle den Unterricht in den „sozialen Grundsätzen“ einführen. Auch sollen sie in den schwer zu lösenden Fragen der Naturkunde unterrichtet werden. Wenn es aber Jemand versuchen sollte, religiösen Firlefanz einschmuggeln zu wollen, so soll er als ein Verbrecher behandelt werden. (Phil. dans le Boud. II, 62 ff.) Sade hat richtig erkannt, dass die Gewohnheit in der Erziehung alles macht. Daher soll auch das Laster dem jugendlichen Menschen zu einer Gewohnheit gemacht werden. Denn diese hebt alle lästigen Gewissensbisse auf. „Also sei so oft als möglich lasterhaft! Dann wird das Laster allmählich zu einem wollüstigen Kitzel, den man nicht mehr entbehren kann. Das Laster muss eine Tugend werden! Und die Tugend ein Laster! Dann wird sich ein neues Weltall vor Deinen Blicken aufthun, ein verzehrendes und wollüstiges Feuer wird Deine Nerven durchglühen; es wird die ‚elektrische Flüssigkeit‘ entflammen, in welcher das Prinzip des Lebens sich befindet. Jeden Tag entwirfst Du neue ruchlose Pläne und siehst in allen Wesen die Opfer Deiner perversen Gelüste. So gelangst Du auf einem mit Blumen bekränzten Wege zu den letzten Excessen der Unnatur. Nie darfst Du auf diesem Wege Halt machen, zögern und zurückweichen, weil Dir sonst der höchste Genuss für immer verloren geht. Vor allem nimm Dich vor der Religion in Acht, deren gefährliche Einflüsterungen Dich vom guten Wege abhalten, die der Hydra gleicht, deren Kopfe wiederwachsen, so oft man sie abschlägt.“ Diese Worte ruft Delbène der 14jährigen Juliette zu. (Juliette I, 27–30.) Diese selbst wiederum erzieht später die Tochter Saint-Fond’s, ihre eigene Tochter und Fräulein Fontanges in ähnlichen Grundsätzen, deren verderbliche Wirkungen in der bereits oben erwähnten Statistik des Grafen Belmor zur Anschauung gebracht werden.

So wird das Laster planmässig in alle sozialen Verhältnisse eingeführt, von denen wir nur die wichtigsten hervorheben.