Liebe und Ehe sind für Sade chimärische Begriffe. Mit einer Art von jesuitischer Casuistik unterscheidet die Duvergier zwei Arten der Liebe, die moralische und die physische. Eine Frau kann moralisch ihren Geliebten oder Gatten anbeten und physisch und temporär denjenigen lieben, der ihr den Hof macht. Zudem hat die Frau von Temperament stets mehrere Liebhaber nötig. (Juliette I, 268.) Delbène, diese grosse Paedagogin des Lasters, monologisiert lange für die Nutzlosigkeit der Moral für junge Mädchen und Frauen. Sie fragt gleich im Anfang erstaunt: Ist ein weibliches Wesen besser oder schlechter, wenn sie einen gewissen Körperteil mehr oder weniger „ouverte“ hat? Nach ihr müssen die Sitten das individuelle Glück verbürgen. Sonst sind sie wertlos. Man darf also ein Mädchen nicht zwingen, die Jungfrauschaft zu bewahren, wenn es glücklich ist und danach brennt, dieselbe zu verlieren. Je mehr ein Mädchen sich hingiebt, um so liebenswerter ist es, um so mehr Menschen macht es glücklich. Daher höre man auf, ein entjungfertes Mädchen zu missachten.[601] (Jul. I, 108.) Was die Ehe betrifft, so handelt es sich nicht um die Frage, ob der Ehebruch ein Verbrechen in den Augen des Lappen ist, der ihn erlaubt, oder des Franzosen, der ihn verbietet, sondern ob die Menschheit und die Natur durch diese Handlung beleidigt werden. Der Coitus ist notwendig wie Essen und Trinken, die Keuschheit ist nur eine „conventionelle Mode“, deren erster Ursprung nur ein „raffinement du libertinage“ war. Jetzt ist sie nur eine Tugend der „Dummen und Enthusiasten“. Sie schadet der Gesundheit, da sie wichtige Secrete zurückhält.[602] Der gemeinschaftliche Besitz der Frauen ist das einzig wahre Naturgesetz, nicht die Monogamie, die Polyandrie und die Polygamie. Die freie und schrankenlose Vereinigung und Trennung der beiden Geschlechter entspricht allein den natürlichen Verhältnissen. Und da auch die Ehre ein ganz subjektiver Begriff ist, der nicht von Andern abhängt, so kann der Ehebruch der Gattin die Ehre des Gatten in keiner Weise tangieren. Delbène erteilt daher den Frauen mit gutem Gewissen Ratschläge, wie sie ihre Männer am besten betrügen. (Jul. I, 109–131.)
Man kann sich denken, welche Stellung nach diesen Maximen die Prostitution in der Gesellschaft einnimmt. Nur ein Weib, welches genossen und Männer mit ihren Umarmungen beglückt hat, lebt in der Erinnerung der Menschen. Man hat Lucretia sehr bald vergessen, während man sich Theodoras und Messalina’s erinnert, die in tausend und abertausend Gedichten besungen werden. Weshalb sollten die Weiber den blumenbestreuten Weg nicht lieber betreten, der ihnen noch nach dem Grabe einen Cultus zusichert, anstatt sich dem verachtenden Lächeln der Aufgeklärten auszusetzen, welches ihnen durch ihre Askese zu Teil werden würde? (Phil. dans le Boud. I, 80.) Die Frau sei wie die Hündin und die Wölfin, die allen angehören (ib. I, 76). So erscheint die Ehe selbst als ein Vergehen.[603]
Sehr merkwürdig sind bei Sade die vielfachen Anklänge an die Ideen eines Malthus. Die heute ja zu einer brennenden Frage gewordene Entvölkerung Frankreichs ist keine neue Erscheinung. Nach einem Bericht, den wir der „Vossischen Zeitung“ vom 11. Juli 1899 entnehmen, veröffentlichte Professor Rossignol in Bordeaux vor kurzem das im Jahre 1767 herausgekommene Werk des Abbé Joubert „Die Entvölkerung und die Mittel ihr abzuhelfen“. Es geht daraus hervor, dass fast im ganzen vorigen Jahrhundert diese Frage die Geister beschäftigte. Schon 1700 bis 1715 wurde eine thatsächliche Verminderung der Bevölkerung festgestellt. Das Parlament von Dijon hatte 1764, das Parlament von Bordeaux 1765 auf die Gefahren der Entvölkerung hingewiesen. Der Abbé Joubert gab 1767 als Ursachen der Entvölkerung an: Sittenlosigkeit, Verwendung bezahlter Ammen, schlechte gesundheitliche Beschaffenheit der Häuser und Strassen; Missbrauch geistiger Getränke, Steuerveranlagung. Von den wohlhabenden Klassen sagt er: „Um einen reichen Erben zu lassen, um einen zügellosen Aufwand fortzusetzen, ist man taub für den Schrei der Natur und zieht vor, die Zahl der Kinder nicht zu vermehren“. Der gute Abbé betont besonders die tollen Ansprüche vieler Frauen, deren schlechte Erziehung und Verschwendungssucht die Ehescheu so vieler Männer erklären.
Auch bei Sade sind hauptsächlich Frauen die Vertreterinnen des Malthusianismus. Delbène meint, dass die Natur sich wenig um die Fortpflanzung der Geschöpfe kümmere, und das Aufhören aller Zeugung würde sie nicht betrüben. Nur unser Stolz glaubt an die Notwendigkeit und Nützlichkeit der Fortpflanzung, während die Natur gleichgültig Tausende von Wesen vernichtet (Juliette I, 118). Dolmancé behauptet sogar, dass dem Zwecke des menschlichen Lebens die Vermehrung seiner Rasse sehr fern liegt. Es sei beinahe zum Verwundern, dass sie von Einzelnen geduldet werde. Wie hätte die Natur dem Menschen ein Gesetz aufbinden können, welches sie ihrer Allmacht beraubt? Wäre es nicht vernunftgemässer, wenige Menschen ewig jung bleiben und ewig leben zu sehen, als zu altern und zu sterben. Die Fortpflanzung der Menschheit ist ein „schwaches Ersatzmittel“ dafür. Es wäre sogar „schmeichelhaft“ für die ursprüngliche Absicht der Natur, wenn das Menschengeschlecht ausstürbe. Nur die Verminderung der Bevölkerung kann die Uebervölkerung und alle Uebel, die damit verbunden sind, hindern. Die Kriege, Seuchen, Hungersnöte[604], Mordthaten, Schiffbrüche, Explosionen u. s. w. bewirken positiv die Verminderung der Menschenrasse, während jene Handlung, die ein blödsinniger Jude als ein solches Verbrechen bezeichnet, dass um seinetwillen eine ganze Stadt durch himmlisches Feuer zu Grunde gegangen ist, nicht nur kein Verbrechen, sondern lobenswert ist; denn sie verbindet zwei nützliche Dinge, sie schafft Vergnügen und hindert die Vermehrung der Menschenrasse. (Phil. dans le Boud. I, 100–101.) Daher ist eine der Hauptsünden aller Regierungen die Vermehrung der Bevölkerung, die ohnehin nicht den Reichtum des Staates bildet, da sie alsbald in höherem Grade wachsen wird als die Existenzmittel. Seht auf Frankreich und Ihr werdet erkennen, was daraus resultiert. Die viel weiseren Chinesen haben seit jeher Mittel gegen einen solchen Ueberfluss an Bevölkerung getroffen, indem sie Findel- und Armenhäuser unterdrückten und Bettler ohne Almosen liessen (ibid. S. 69). Wenn Delbène bemerkt, dass Frankreich’s allzugrosse Bevölkerung zu einer künstlichen Beschränkung der Kinderzahl zwinge und die überzähligen getötet werden müssten, die gleichgeschlechtliche Liebe zu begünstigen sei (Juliette I, 124), so bezieht sich diese vorübergehende Zunahme der Bevölkerung nach dem oben genannten Werke von Rossignol auf das letzte Jahrzehnt vor der Revolution. Madame Saint-Ange empfiehlt (Phil. dans le Boud. I, 99) ähnlich wie unsere modernen Malthusianer, die längst über Malthus’ späte Heiraten und „moral restraint“ sich hinweggesetzt haben, die bekannten Praeventivmittel (Condome, éponges etc....)[605] — Der entschlossenste Malthusianer ist Saint-Fond. Er behauptet, dass Frankreich „einen kräftigen Aderlass nötig habe.“ Die Künstler und Philosophen müssen vertrieben werden, die Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten müssen zerstört werden, und ein Krieg, sowie eine künstlich zu veranstaltende Hungersnot müssen das Uebrige thun. Auf diese Weise will er zwei Drittel der Bevölkerung beseitigen. (Juliette III, 126, 261.) Ein derartiger Versuch wird von der Borghese in Rom ausgeführt. Es werden 37 Hospitäler verbrannt, in denen mehr als 20000 Menschen umkommen! (Jul. IV, 258.) In der „Justine“ entwickelt der Bischof ein vollkommenes System des praktischen Malthusianismus. Erstens muss der Kindermord nicht nur gestattet, sondern sogar befohlen werden. Zweitens müssen Regierungskommissare jährliche Rundreisen bei allen Bauern machen und alle überflüssigen, die zulässige Zahl überschreitenden Familienglieder aus dem Wege räumen. Drittens die durch die Revolution gewonnene Freiheit muss dem Volke wieder genommen werden; es muss wieder unters Joch. Viertens totale Unterdrückung aller öffentlichen Almosen und Wohlthätigkeiten. Fünftens Ehrung der Coelibatäre, Paederasten, Tribaden, Masturbanten, kurz aller geschworenen Feinde der Fortpflanzung. Auch der Mörder muss belohnt werden! Sechstens einfache Wegnahme aller Lebensmittel. (Justine IV, 280–293.)
Der berühmte „Essay on the principle of population“ von Th. R. Malthus erschien zum ersten Male 1798 in London. Der Marquis de Sade, der gleich Malthus die Gefahren der Uebervölkerung schildert, kann also als ein Vorläufer desselben gelten. Indessen haben schon die französischen Physiokraten wie Quesnay in seinen „Maximes générales“ und Mirabeau in der „Philosophie rurale“ und im „Ami des hommes“ sich mit den Problemen der Populationistik beschäftigt und ähnliche Ideen wie Malthus entwickelt,[606] wenn diesem auch das grosse Verdienst gebührt, in einer Spezialarbeit über die Theorie der Bevölkerungslehre diese zuerst formuliert zu haben und ein Werk zu schaffen, das „in den Mittelpunkt der Nationalökonomik hinableuchtete, ja ihre Untiefen erst aufgedeckt hat.“[607] Jedenfalls hat auch der Marquis de Sade dieser wichtigen Frage ein lebhaftes Interesse entgegengebracht. Dass er nicht blos Personen geschildert hat, die Praeventiv- und sogar positiv destruktiven Massregeln in der Populationistik das Wort reden, beweist Zamé in „Aline et Valcour“, der den Incest und die Paederastie verbietet, die Klöster aufhebt, indem er die Nonne mit dem Paederasten vergleicht, die beide „frustrent la société“. Auch sorgt er für Findel- und Waisenhäuser und unterdrückt den sich breitmachenden Egoismus.[608]
Seine Theorien des Verbrechens, welche mit den malthusianischen Ideen aufs engste zusammenhängen, hat der Marquis de Sade an verschiedenen Stellen seiner Hauptwerke entwickelt, am ausführlichsten aber in der „Philosophie dans le Boudoir“, wo er Dolmancé dieselben aus einer im Palais Royal gekauften Broschüre vorlesen lässt. In „Justine“ erklärt Bressac das Verbrechen überhaupt für eine Chimäre. Denn ein Mord verändert nur die Form der Materie, vernichtet diese letztere aber nicht. Nichts geht verloren in der Natur. Auch sind ja alle Handlungen von der Natur eingegeben und daher keine Sünde. (Justine I, 209 ff.) — Noch anders begründet Delbène die Notwendigkeit des Verbrechens. Die Natur hat die Menschen verschieden schön und stark u. s. w. gemacht. Dabei will sie auch verschiedene Schicksale derselben, und es wird von ihr bestimmt, dass die Einen glücklich werden, die Anderen unglücklich. Letztere sollen von den Glücklichen gequält und gefoltert werden. Das Verbrechen liegt also im „Plane der Natur“ und ist ihr so nötig wie Krieg, Pest und Hungersnot. (Juliette I, 176.) Noirceuil findet das ganze Geheimnis der Civilisation darin, dass die Schurken und Schlauen sich bereichern, die Dummen unterdrückt werden. Der Schwache ist von Natur schwach und dem Starken auf Gnade und Ungnade preisgegeben. Man handelt also gegen die Natur, wenn man als Starker dem Schwachen hilft, statt ihn zu quälen und zu vernichten (Juliette I, 311–312).
In der „Philosophie dans le Boudoir“ (II, S. 77 ff.) werden die Verbrechen mit dem „flambeau de la philosophie“ analysiert. Sie können im allgemeinen auf vier verschiedene Hauptverbrechen zurückgeführt werden, auf die Verleumdung, den Diebstahl, die Sittlichkeitsverbrechen und den Mord.
Die Verleumdung trifft entweder einen schlechten oder einen tugendhaften Menschen. Im ersten Falle liegt nicht viel daran, ob man über ihn etwas mehr oder weniger Schlimmes sagt. Einem tugendhaften Menschen hingegen schadet sie nicht, und das Gift des Verleumders wird auf ihn selbst zurückfallen. Die Verleumdung dient sogar als ein läuterndes und rechtfertigendes Mittel. Denn durch sie wird die Tugend erst ins rechte Licht gesetzt. Dem Verleumdeten muss nämlich daran gelegen sein, die Verleumdung zu widerlegen, und seine tugendhaften Handlungen werden dann weltbekannt. Ein Verleumder ist also nicht gefährlich im sozialen Leben. Denn er dient als Mittel, um sowohl die Laster der schlechten Menschen als auch die Tugenden der guten ans Licht zu fördern, darf somit nicht bestraft werden. (Phil. dans le Boud. II, 78–81.)
Der Diebstahl war zu allen Zeiten erlaubt und wurde sogar belohnt, z. B. in Sparta. Andere Völker haben ihn als eine kriegerische Tugend betrachtet. Es ist gewiss, dass er Mut, Stärke und Geschicklichkeit erheischt, also für eine Republik sehr notwendige Tugenden. Es hat sogar Völker gegeben, wo der Bestohlene bestraft wurde, weil er sein Eigentum nicht wohl verwahrte. (!!) Es ist ungerecht, den Besitz durch ein Gesetz zu sanctionieren, da hierdurch allen Verbrechern die Thüren geöffnet werden, welche den Menschen dazu verleiten, sich diesen Besitz zu sichern.[609] Viel vernünftiger wäre es, den Bestohlenen zu züchtigen als den Dieb. (Phil. dans le Boud. II, 81–84.) Nach Dorval, diesem grossen Diebe und Theoretiker seines Berufes, ist die Macht die erste Ursache des Diebstahls. Der Mächtige bestiehlt den Schwächeren. So will es die Natur. Die Gesetze gegen den Diebstahl sind ungültiges Menschenwerk. Man stiehlt jetzt „juridiquement“. Die Justiz stiehlt, indem sie sich ihre Rechtsprechung bezahlen lässt, die eigentlich umsonst dargeboten werden sollte. Der Priester stiehlt, indem er sich für seine Vermittelung zwischen Gott und Mensch bezahlen lässt. Der Kaufmann stiehlt, indem er Ware weit über den reellen Wert verkauft. Die Souveräne stehlen durch die Auferlegung von Steuern. Dann giebt Dorval eine Geschichte des Diebstahls bei den verschiedenen Völkern und schliesst mit der Erklärung, dass gegen Ende der Regierung Ludwig’s XIV. das Volk 750 Millionen Steuern jährlich bezahlte, wovon nur 250 Millionen in die Staatskasse gelangten. Folglich sind 500 Millionen gestohlen worden! (Juliette I, 203–222.)
Alcide Bonneau macht darauf aufmerksam, dass Proudhon in seinem berühmten Buche „La Propriété, c’est le vol“ fast genau dieselben Ansichten über den Diebstahl, wie Dorval bei Sade, entwickelt. Proudhon zählt sogar 15 Arten des „juristischen“ Diebstahls auf.[610] Im 18. Jahrhundert waren diese Ideen häufig, wie Roscher ausführlich darlegt.[611]