Der Geschmack findet auch sein Recht. Nicht nur die Faeces sind deliciös, auch Sperma und Urin werden verschlungen (Juliette I, 172). Die „Lécheurs“ und „Gamahucheurs“ gehören ebenfalls zu dieser Kategorie (z. B. Juliette III, 55; VI, 152), sowie die zahlreichen tribadischen Cunnilinguae. Insbesondere ist Dolmancé nach dieser Richtung hin sehr thätig.
Der Tastsinn wird fast stets zuerst als Vorbereitungsmittel zu einer Orgie benutzt, indem man ihm durch „tâter“ und „claquer“ der verschiedenen Körperteile, insbesondere der Nates, eine Befriedigung verschafft.
Aus der bunten Fülle der übrigen sexuellen Perversitäten, die ja zum grössten Teile bereits erwähnt wurden, heben wir nur die bemerkenswertesten heraus. — Den Exhibitionismus predigt Dolmancé, indem er Eugenie dazu anhält, schamlos ihre Reize vor aller Welt zu enthüllen, die Kleider aufzuheben u. s. w. (Phil. dans le Boud. I, 147.) Saint-Fond empfiehlt sogar Männern und Frauen Kleider, welche die Geschlechtsteile und das Gesäss freilassen (Juliette II, 197). Die Befriedigung grausamer Gelüste findet auf die verschiedenste Weise statt: durch Köpfen, Vierteilen, Rädern, Feuer, Zerschmettern zwischen zwei Platten, wilde Tiere, Erhängen, Kreuzigung u. s. w. Dorval lässt eine Schein-Hinrichtung vollziehen (Juliette I, 225–230). Ein Anderer wieder empfindet es als besonderen Genuss, an sich selbst eine solche Schein-Hinrichtung vornehmen zu lassen, eine Art von symbolischem Masochismus. Auch die Folter wird in Anwendung gezogen (Juliette III, 65), und Juliette zersticht ihre Opfer mit Nadeln (Juliette II, 285). Die aktive und passive Flagellation kommt ungemein häufig vor, sogar in einem eignen „Saal der Geisselung“ (Juliette III, 65). Zu diesen grausamen Gelüsten gehört auch die Monomanie des Venaesecierens und der Incisionen (Justine III, 223).
Die Zoophilie wird von Sade als sexuelles Raffinement hochgepriesen. „Der Truthahn ist deliciös, aber man muss ihm den Hals im Augenblick der Krisis abschneiden. Le resserrement de son boyau vous comble alors la volupté“ (Juliette I, 333). Der Truthahn vereinigt sich im vierten Bande der Juliette mit einem Affen, einer Ziege und einer Dogge, um die sexuellen Feinschmecker zu ergötzen. (Juliette IV, 262.)
Ferdinand von Neapel ist Nekrophile, er befriedigt sich an der Leiche eines Pagen. (Juliette V, 263.) Sogar die Statuenschändung wird erwähnt. Ein Page befriedigt sich im Louvre an der Venus Kallipyge. (Juliette I, 333.)
Endlich erhöht die Verwirklichung bizarrer Einfälle den sexuellen Genuss. Belmor bindet seine Opfer fest (Juliette III, 163), der König von Sardinien liebt das Klystieren (ib. III, 294), das auch noch an einer anderen Stelle als besonderes Reizmittel vorkommt (III, 54), Vespoli liebt besonders Irrsinnige (Jul. V, 345), ein venezianischer Prokurator Menstruierende (ib. VI, 147), ein Dritter die Depilation der Genitalien (Jul. II, 59), ein Vierter steckt brennende Lichter in die Körperöffnungen (Jul. II, 22), Delbène giebt sich auf den Särgen früherer Opfer hin (Jul. I, 172) u. s. w. u. s. w.
Seltsame Naturerzeugnisse und Naturerscheinungen dienen der Wollust. Ein Eunuch, ein Zwerg und ein Hermaphrodit liefern auserlesene Genüsse (Juliette IV, 262). Der Anblick grosser Brände erregt die Sinne. (ib. IV, 258.) Der Ausbruch des Aetna (Justine III, 67), des Vesuvs (Jul. VI, 35), der Sturm auf offenem Meere (Juliette VI, 269) verschaffen sexuelle Genüsse.
Auch geschichtliche Erinnerungen werden im selben Sinne verwertet. Man ahmt die Thaten des Tiberius, des Nero und der Theodora nach (Juliette V, 362; VI, 319 und 341); man feiert Orgien auf den historisch denkwürdigen Stätten von Pompeji und Herculanum (Jul. V, 340–341), im Venustempel zu Bajae (ib. V, 294) u. s. w.
4. Versuch einer Aufstellung von erotischen Individualitäten.
Sehr bemerkenswert in psychiatrischer und anthropologischer Beziehung ist der Versuch des Marquis de Sade, die einzelnen Neigungen der Personen in seinen Romanen aus ihrer körperlichen Beschaffenheit abzuleiten. Als Beispiel geben wir die Schilderung des Geschwisterpaares Rodin und Coelestine.