Das Menschenfleisch ist für den Wüstling die beste Nahrung, da es die Bildung eines reichlichen und guten Sperma befördert und für schnellen Ersatz des verlorenen sorgt. Wer einmal diese süsse Speise genossen hat, kann von ihr nicht mehr lassen. Dagegen ist Brot die unverdaulichste und ungesündeste Nahrung, welche erschlafft und den Körper zerrüttet. Daher füttern Tyrannen ihr sklavisches Volk mit Wasser und Brot (Juliette II, 323 ff.). Auch Minski schreibt dem Genusse von Menschenfleisch eine aussergewöhnliche Kraft zu (Juliette III, 313).
Eng verbunden mit dieser Anthroprophagie ist der Anblick, die Aneignung und der Genuss abgetrennter Körperteile, eine Art von anthropophagischem Fetischismus. So werden die Gesässe der bei den Orgien getöteten Personen abgeschnitten und zum Zwecke wollüstiger Erregung aufgehängt (Juliette II, 231)[613]. Die Silvia zerreisst die Genitalien ihrer Opfer mit den Zähnen und isst sie (Juliette VI, 235). Ebenso benutzt Clairwil das abgeschnittene Membrum des Mönches Claude zu wollüstigen Zwecken (Juliette III, 101) und erklärt, dass sie semper penem videat, den sie, nisi habeat in cunno vel ano, doch so sehr in ihrer Phantasie habe, dass sie glaubt, dass man ihn nach ihrem Tode wirklich in ihrem Gehirne finden wird! (Juliette III, 154.) Dieses anthropophagische Weib trinkt das Blut und isst die Testikel der von ihr getöteten Knaben (Juliette III, 72). Auch reisst sie das Herz derselben heraus und gebraucht es als Phallus (Juliette III, 252)[614]. Auch Minski, die Räuber des Brisa-Testa, Cornaro sind Anthropophagen (Juliette III, 313; V, 206; VI, 204).
Kannibalische Gelüste gehörten nach Bettelheim offenbar zu dem Bestand der Racheschwüre des 18. Jahrhunderts. Der Herzog von Chaulnes, der wegen einer Liebesaffäre mit Beaumarchais in Streit geriet, übrigens bei anderer Gelegenheit seine eigene Mutter aufs gröblichste beschimpfte, brüllte mit entsetzlicher Stimme: „Ich werde diesen Beaumarchais töten, und wenn ich ihm erst den Degen in den Leib gerannt und das Herz mit den Zähnen ausgerissen haben werde, mag diese Mesuard sehen, was aus ihr wird.“ In der ersten Fassung des Goethe’schen „Clavigo“ heisst es ebenfalls:
„Meine Zähne gelüstet’s nach seinem Fleische, meinen Gaumen nach seinem Blute u. s. w.“[615]
Die Hypochorematophilie[616] spielt ebenfalls bei Sade eine grosse Rolle. Saint-Florent und Rodin finden grosse Befriedigung in der Beobachtung des Aktes der Defaecation (Justine I, 136 und 304). Mondor, Saint-Fond und viele andere sind Kotfresser. Der Gatte der St.-Ange lässt sich in os defaecieren. (Phil. dans le Boud. I, 92.) Dass auch diese liebliche Eigenschaft nicht vielleicht etwas Erbliches ist, sondern von abgelebten Wüstlingen, wie ja z. B. der 66jährige Mondor einer ist, als letztes Reizmittel in Anwendung gezogen wird, kann man aus den mehr als merkwürdigen Worten der Juliette schliessen. Sie sagt: „Man täuscht sich im allgemeinen über die Entleerungen des caput mortuum unserer Verdauungsorgane. Sie sind nicht ungesund, sondern sogar sehr angenehm. Es wohnt in ihnen derselbe Spiritus rector wie in allen übrigen Körperbestandteilen. An nichts gewöhnt man sich so leicht als an den Geruch des Kotes. Ihn zu essen, ist deliciös! C’est absolument la saveur piquante de l’olive. Man muss allerdings zuerst ein wenig die Imagination nach dieser Richtung hin beeinflussen! Aber wenn man so weit ist, so ist es ein höchst wonnevoller und aufregender Genuss.“ (Juliette I, 289.) Die sexuelle Hypochorematophilie hat mit dem Kotschmieren der Geisteskranken nichts zu thun. Ja, gerade diese seltsame und ekelerregende Monomanie bildet den besten Beweis für unsere Anschauung, dass alle diese Dinge bei Geistesgesunden vorkommen können, wie ja auch aus den Ausführungen Sades hervorgeht. Nach Taxil bilden die „stercoraires“, wie man sie nennt, nicht mehr eine Ausnahmeerscheinung. „In den öffentlichen Häusern sind zu diesem Zwecke besondere Vorrichtungen getroffen, und gesunde junge Leute wiederholen aus Nachahmungstrieb die krankhaften Handlungen schwachsinniger Subjekte, die einst durch ihr unmässiges Leben sich berühmt gemacht hatten.“[617]
3. Weitere sexualpathologische Typen bei Sade.
Schon vor R. v. Krafft-Ebing gebührt ohne Zweifel dem Marquis de Sade das Verdienst, fast alle sexualpathologischen Typen, die es giebt, in seinen Romanen zusammengestellt zu haben. Es ist kein Zweifel, dass diese grosse Mannigfaltigkeit der von ihm geschilderten sexuellen Perversionen, die genaue Individualisierung der einzelnen Typen auf der aus dem Leben schöpfenden Beobachtung beruht.
Sämtliche Sinne dienen bei Sade der Erregung sexueller Gefühle. Beginnen wir mit dem Gehör. Es giebt auch einen Wort-Sadismus! Es ist nach Dolmancé angenehm und aufregend, stark tönende Worte von unflätiger Bedeutung im Rausche der Wollust auszusprechen, weil sie die Einbildungskraft steigern. Man spare sie also nicht; sondern variire sie ins Unendliche, damit sie um so mehr Skandal erregen. Es verursacht eine ganz eigene Wonne, wenn man in Gegenwart tugendhafter Leute sich durch Fluchen Luft machen kann, wenn man sie zu demoralisieren vermag, zu ähnlichen Aeusserungen verführt und, wenn sie nicht gutwillig hören wollen, sie fasst und zwingt, es zu thun. (Phil. dans le Boud. I, 146–147.) So ruft Madame St.-Ange inmitten einer Orgie erfreut aus: Comme tu blasphêmes, mon ami, und schreit bei derselben Gelegenheit der stummen Eugenie zu: Jure donc, petite putain, jure donc! (Phil. dans le Boud. I, 125 und 129.)
Das Gesicht nimmt ebenfalls Teil an dem sexuellen Genusse. Alberti liebt es, schwarze Frauen neben weissen zu sehen, weil dieser Contrast ihn besonders ergötzt. (Juliette VI, 238.) Grosser Wert wird auf die zweckentsprechende Drapierung der Zimmer gelegt, damit alles dazu beitrage, den Genuss zu erhöhen (Juliette II, 231). Die „Voyeurs“ sind ebenfalls zahlreich vertreten. Saint-Fond besitzt wie kein anderer „die Kunst, seine Leidenschaften durch eine industriöse Abstinenz aufzustacheln“ und sieht daher eine Zeit lang dem Coitus anderer zu. (Juliette II, 185.) Auch Raimondi ist ein solcher Voyeur, der mit dem blossen Zusehen sich begnügt. (Juliette VI, 150.)
Der Geruchssinn wird zunächst durch die mannigfaltigsten Parfüms, deren sich die Weiber bedienen, erregt. In der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ werden alle Teilnehmer der Orgien von jungen Mädchen und Knaben gereinigt und parfümiert (Juliette III, 30)[618]. Das Beriechen der weiblichen Achseln kommt öfter vor (z. B. Juliette III, 54), ebenso der Faeces (ibidem). Ein Bischof lässt sich auf die Nase urinieren (Juliette III, 51).[619]