Wie muss ein Mord im kriegerischen und republikanischen Staate betrachtet werden? Eine Nation, die das Joch der Tyrannei abwirft, um die Republik einzuführen, wird sich nur durch Verbrechen behaupten. Alle intellectuellen Ideen sind in einer Republik der „Physik der Natur“ unterworfen, und so geben sich gerade die freiesten Völker dem Morde am meisten hin. Hierfür führt Sade zahlreiche Beispiele an. Z. B. wirft man in China die Kinder, die man nicht behalten will, ins Wasser, und der berühmte Reisende Duhalde giebt die Zahl der täglich so Ausgesetzten auf mehr als 30000 an! Ist es nicht sehr weise, der stets wachsenden Zahl der Menschen in einer Republik Dämme entgegenzusetzen? In Monarchien muss die Bevölkerung begünstigt werden, weil die Tyrannen nur durch die Zahl der Einwohner reich werden können. Revolutionen sind nichts anderes als die Wirkung der Uebervölkerung.
Der Mord darf nicht durch einen Mord gerächt werden. „Ich begnadige Dich“, sagte Ludwig XV. zu Charolais, der einen Menschen zur Unterhaltung tötete, „doch begnadige ich auch denjenigen, der Dich töten wird“. Die ganze Basis des Gesetzes gegen die Mörder liegt in diesen „erhabenen“ Worten. Da der Mord kein Verbrechen ist, kann man ihn nicht bestrafen.
Diese vom Marquis de Sade entwickelten Ideen entspringen keineswegs dem Gehirn eines Wahnsinnigen. Es sind ganz ähnliche Ideen von den grossen Terroristen der ersten französischen Revolution entwickelt worden. Es spricht sich in ihnen jene „starke Erschütterung, wohl gar Verwirrung des öffentlichen Rechtsgefühls durch Revolutionen“ aus.[612] Es ist bemerkenswert, dass der Marquis de Sade in seinen vorrevolutionären Schriften wie „Aline et Valcour“ dem Diebstahl und Morde keine oder doch nur eine geringe Rolle eingeräumt hat, während unter den Eindrücken der Revolution beide in sein System der sexuellen Theorien aufgenommen wurden.
IV.
Theorie und Geschichte des Sadismus.
1. Wollust und Grausamkeit.
Der sehr bekannte Zusammenhang zwischen Wollust und Grausamkeit ist nach dem Marquis de Sade kein unmittelbarer. Zuerst ist die Wollust da. Diese erstickt zunächst das Mitleid im Menschen, macht das Herz hart und gefühllos. (Juliette I, 148.) Zugleich aber bedarf der in der Wollust ganz aufgehende Mensch immer stärkerer Reize, um befriedigt zu werden. Die Nervenmasse muss durch einen sehr starken Schlag aufgerüttelt und erschüttert werden. Es ist aber unzweifelhaft, dass der Schmerz die Nerven heftiger angreift, als die Freude und daher dieselben lebhafter erregt. Der Schmerz Anderer erzeugt in dem Wüstling eine angenehme Empfindung. Die Natur spricht uns niemals von Anderen, sondern nur von uns. Es giebt nichts Egoistischeres als ihre Stimme. Sie preist uns das Suchen der Lust an, und es ist ihr einerlei, ob dies Anderen angenehm ist oder nicht.
Dieses Gefühl des Vergnügens an Grausamkeit, welches bei dem Wollüstigen, dessen Herz hart geworden ist, besonders hervortritt, ist ein angebornes. Das Kind zerbricht sein Spielzeug, beisst in die Brust seiner Säugamme, erdrosselt den Vogel. Die Grausamkeit ist keine Folge der Entartung, da sie bei wilden Völkern besonders hervortritt. Sie ist nichts anderes als die Energie des Mannes, den Civilisation noch nicht verdorben hat, also eher eine Tugend als ein Laster.
Die Grausamkeit der Frauen ist viel intensiver als diejenige der Männer, eine Folge der grösseren Energie und Empfindlichkeit ihrer Organe. Die überspannte Einbildungskraft macht sie wütend und verbrecherisch. Wollt Ihr sie kennen lernen? Kündigt ihnen ein grausames Schauspiel an, ein Duell, eine Hinrichtung, einen Brand, eine Schlacht, einen Gladiatorenkampf, und Ihr werdet sehen, wie sie herzuströmen. Weitere Beweise für die wollüstige Grausamkeit der Weiber liefert ihre Vorliebe für den Giftmord und die Flagellation.
Unser Nervensystem ist einmal so wunderbar eingerichtet, dass uns Verzerrungen, Zuckungen, Blutvergiessen aufregt, mithin angenehm ist. Sogar Personen, die beim Anblick des Blutes, einerlei ob es ihr eigenes oder das einer fremden Person ist, in Ohnmacht fallen, fühlen dies. Es ist nämlich erwiesen, dass eine Ohnmacht die höchste Potenz der Wollust ist (Phil. dans le Boudoir I, 148–158, Juliette II, 94–102.)